Der Text ist ein leicht gekürzter Auszug aus Erik Eggers' Buch "Fußball in der Weimarer Republik", dessen zweite, stark erweiterte Auflage im August 2018 erschienen ist. In diesem Abschnitt beschreibt er, wie der Fußball durch seine gestiegene Popularität in Deutschland zum ersten Mal auch wissenschaftlich betrachtet wurde.

Sein Boom stellte den deutschen Fußball vor enorme Probleme. So fehlte es an Personal, um die neuen Fußballer auszubilden. Nicht nur an der Basis, sondern auch bei den besten deutschen Vereinen. Derart gravierend war dieser Mangel an geeigneten Trainern, dass Richard Girulatis 1921 in der Zeitschrift Deutsche Sportschule einen offenen Brief an den Deutschen Fußballbund formulierte. Titel: "Der Schrei nach deutschen Fußball-Lehrern." Girulatis war 1914 mit Edgar Blüher vom DFB ausgewählt worden, die Nationalmannschaft auf das olympische Fußballturnier 1916 in Berlin vorzubereiten. Sein Lehrbuch Fußball. Theorie, Technik, Taktik aus dem Jahr 1919 wurde als Standardwerk gefeiert.

Nun berichtete er, dass immer wieder große Vereine ihn baten, ein Team zu übernehmen oder einen geeigneten Trainer zu empfehlen: "Die größten Vereine Deutschlands sind darunter, sie sind bereit, hohe Gehälter zu bezahlen." Allein, es gab diese Übungsleiter nicht. Er könne niemanden nennen, so Girulatis, weil "hochwertiger Nachwuchs mangels Ausbildungs-Gelegenheit nicht vorhanden ist". Weshalb die meisten Klubs auf englische Coaches wie Bill Townley zurückgriffen, der in dieser Phase den FC Bayern München betreute.

Er habe, klagte Girulatis, den DFB wiederholt darauf hingewiesen, "daß es an der Zeit ist, endlich eine Schule zu gründen, an der die so notwendig gebrauchten Fußball-Lehrer ausgebildet werden können". Dabei ging es dem Trainerpionier nicht allein um das technische, konditionelle und taktische Rüstzeug. Als genauso zentral empfand er die Vermittlung pädagogischer Werte im Sinne der nationalen Sache. Der Lehrer müsse "seine Aufgabe darin erblicken, durch seine Arbeit an der Jugend für Deutschland einen neuen Menschentyp zu erschaffen, welche eisernste Pflichterfüllung, nüchternsten Tatsachensinn und höchstfliegendsten Idealismus in sich vereinigt." Könne das ein Ausländer? Nein, meinte Girulatis. Die deutsche Jugend solle von deutschen Lehrern erzogen werden: "Der DFB hat die Pflicht und Schuldigkeit eine Stätte zu schaffen, wo wir uns diese Lehrer heranbilden können."

Im Sinne der "Volksgesundheit"

Mit diesen nationalen Grundsätzen stand Girulatis ideologisch dicht bei den deutschen Sportführern wie Carl Diem (1882-1962), der nach dem Ersten Weltkrieg die Gunst der Stunde genutzt hatte, um eines seiner Lieblingsprojekte zu realisieren: die Gründung einer Hochschule des Sports. Dem Gründungsakt am 15. Mai 1920 wohnten mit dem Reichspräsidenten Friedrich Ebert (SPD) und dem Chef der Heeresleitung, General Hans von Seeckt, prominente Gäste bei. Ohne die erheblichen staatlichen und militärischen Interessen war, wie der Sporthistoriker Jürgen Court in seiner DHfL-Studie belegt, die Installierung dieser ersten Sportuniversität der Welt nicht zu denken.

Die Gründe, warum sich Staat und Militär so sehr für den Sport interessierten, waren vielfältig. Bekanntlich forderte die seinerzeit grassierende Spanische Grippe weltweit mehr Todesopfer als alle Schlachten des Ersten Weltkrieges. Doch auch die katastrophale Versorgungslage provozierte die Politik, nach geeigneten Wegen zu suchen, die angeschlagene "Volksgesundheit" zu verbessern. In dieser "Körperkrise" (Noyan Dinçkal) nach 1918 verkauften Sportfunktionäre wie Carl Diem den Sport als Heilsbringer, und die Politik griff entschlossen nach diesem vermeintlichen Strohhalm.

Die eigentliche Initialzündung für die DHfL-Gründung aber lag in den militärischen Beschneidungen infolge des Versailler Vertrags, der das deutsche Heer auf 100.000 Mann begrenzte. Weil dadurch die Wehrpflicht und die Musterung entfielen, entglitt den Behörden die Kontrolle über die Leistungsfähigkeit der deutschen Rekruten. In diesem Sinne, schreibt der Historiker Dinçkal, mutierte die Sportforschung zur "Ersatzstoffforschung".