Henning Harnisch ist eine deutsche Basketballlegende. Er wurde 1993 Europameister, studierte später Film- und Kulturwissenschaften und arbeitete als Journalist. Derzeit ist er Vizepräsident von Alba Berlin und engagiert sich für Projekte rund um den Schul- und Jugendsport. Aber er hat noch mehr vor.

ZEIT ONLINE: Herr Harnisch, Sie fahren derzeit durch Hessen und machen Wahlkampf für die SPD. Warum?

Henning Harnisch: Eigentlich bin ich schon immer Wahlkämpfer. Deutschland hat tolle Sportler, viel Tradition und spannende Sportprojekte. Aber wie das alles weitergehen kann, ist nicht ganz klar – uns fehlt ein System im Sport. Eine Idee für so ein System haben wir in den letzten zehn Jahren bei Alba Berlin entwickelt. Wenn man sieht, dass das in der Praxis funktioniert und wie die Kinder und der Sport davon profitieren, dann denkt man: Das muss größer werden, dafür kämpfe ich.

ZEIT ONLINE: Und das lässt sich am besten an der Seite von Thorsten Schäfer-Gümbel, dem Spitzenkandidaten der SPD in Hessen, machen, der Sie in sein Schattenkabinett aufgenommen hat?

Harnisch: Seit zwei Jahren exportieren wir die Idee aus Berlin nach Hessen und arbeiten mit dem Basketballverein in Lich zusammen, den seine Frau führt. So konnte er direkt erleben, dass unser Sportkonzept einen sozialen Kern hat, der viel mit den Anliegen der SPD zu tun hat. Auf meinen Reisen durch Hessen suche ich jetzt nach den positiven Beispielen: Vereine, die schon mit Kitas und Schulen kooperieren, Orte, an denen sich Sport und Bildung treffen. Nehmen wir Dillenburg als Beispiel, eine mittelgroße Stadt in Hessen: Wie viele Kindergärten gibt es? Wie viele Schulen? Wie viele weiterführende Schulen? Und welche Sportvereine mit welchen Sportarten gibt es? Was ist schon angelegt und wie könnte man Sportarten in die Kindergärten und Schulen bringen? Solche Fragen interessieren mich. Ich habe zum Beispiel jetzt eine Brennpunktschule in Darmstadt besucht. Ein Lehrer spielt dort regelmäßig mit Schülern Lacrosse und Rugby, alle sind voll dabei. Geil, oder? Aber das Problem ist: Wenn der an eine andere Schule wechselt oder in Rente geht, stirbt das Projekt. Das kann nicht sein.

ZEIT ONLINE: Ihr Fokus liegt auf dem Schulsport?

Harnisch: Eigentlich geht es mir auch darum, Genres aufzubrechen. In politischen Kategorien gedacht, kümmere ich mich um Sport, Bildung, Soziales, Familie, Stadtentwicklung und Gesundheit.

ZEIT ONLINE: Sie wären also eine Art Supersuperminister.

Harnisch: Nennen wir es einen Beauftragten. Meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass alle mitmachen können. Das größte Defizit sehe ich darin, dass es so zufällig ist, wie man in Deutschland Sportler wird. Mal ist es der Verein, der tolle Arbeit macht, oder eine Sportlehrerin, die besonders motiviert ist. Mein Ziel ist es, die Zufälle kleiner werden zu lassen. Und die Schwächeren in den Blick nehmen. Deshalb sind die Schulen am wichtigsten, denn da sind alle. Und dort höre ich die Lehrer sagen, dass Schüler und Schülerinnen mit einem immer schlechteren Grundwissen an die Schulen kommen: Sie können keinen Purzelbaum und nicht mehr rückwärtslaufen. Das kann man ändern. 

ZEIT ONLINE: Wie?

Harnisch: Mein Eindruck ist, dass es derzeit in Deutschland vor allem um den Fußball geht und dort dann darum, aus Tausenden Talenten den neuen Marco Reus zu finden. Doch der Profifußball hat keine Idee, was mit all denen werden soll, die es nicht schaffen. Normal ist es doch, dass es von den vielen Spielern fast keiner in die Bundesliga schafft. So bleibt in vielen Biographien eine Enttäuschung hängen. Um diese vielen Kinder geht es mir, in vielen Sportarten. Es geht darum, dass Kinder überhaupt in den Sport finden. Weil durch Sport ein Miteinander hergestellt werden kann. Genau das machen wir seit Jahren in Berlin, gerade auch in Gegenden, in denen Kinder nicht so privilegiert aufwachsen und die Schwelle zu einem Sportverein höher ist. Über den Sport kann man zu einer Bildungsbiografie kommen. Dafür kommt es auf die Ganztagsschulen an.

ZEIT ONLINE: Warum?

Harnisch: Wenn die Schule von 8 bis 16 Uhr geht, haben Kinder eine 40-Stunden-Woche. Warum sollte der richtige Sport erst danach kommen? Sport rhythmisiert in den Unterricht einzubauen, mit neuen Wettbewerben, Schulmannschaften und Turnieren, die Grund- und weiterführende Schule zu verbinden. Ich sehe da nur Chancen, für Schule und Vereine gleichermaßen.