Zwei Monate nach dem Rücktritt von Mesut Özil aus der Fußball-Nationalmannschaft hat sein ehemaliger Mannschaftskollege Jérôme Boateng das Schweigen der anderen Nationalspieler bedauert. "Wo waren die Mitspieler, die sich bei Mesut bedankt haben? ", fragte er in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. "Anscheinend haben viele sich nicht zu äußern getraut, weil sie gedacht haben, dass das bei den deutschen Fans nicht so gut ankommt."

Özil sei ein toller Spieler, der den deutschen Fußball verändert habe, sagte Boateng. "Eine Nummer 10 mit Migrationshintergrund! Dem muss man Danke sagen." Özil und sein Mannschaftskollege İlkay Gündoğan hatten sich vor der WM in Russland mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan fotografieren lassen, was eine große öffentliche Debatte ausgelöst hatte. Nach der WM war Özil aus der Nationalmannschaft zurückgetreten und hatte erklärt, dass ihn der DFB nicht genug gegen rassistische Anfeindungen geschützt habe.  

Die Debatte um das Foto mit Erdoğan belastete Boateng zufolge die Nationalmannschaft auch bei der Weltmeisterschaft in Russland. "Das war ein nerviges Thema, das Unruhe reingebracht hat", sagte der Bayern-Spieler. Es sei innerhalb der Mannschaft diskutiert worden, die Meinungen der Spieler seien auseinander gegangen. "Erst haben alle das Thema unterschätzt, dann haben wir es mit zur WM genommen."

Boateng fehlt öffentliche Unterstützung vom Verein

Wie Özil klagt nun auch Boateng über fehlende Unterstützung – allerdings von seinem Bundesliga-Verein FC Bayern München. Er wolle demnächst noch mal mit Club-Präsident Uli Hoeneß und dem Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge reden und sich gegen die öffentliche Kritik an ihm wehren. Ihm sei es wichtig klarzustellen, dass er voll auf den FC Bayern fokussiert sei, sagte Boateng. "Andererseits finde ich es aber auch nicht so schön, wenn überall Sachen über mich behauptet werden und man dann keine öffentliche Unterstützung vom Verein bekommt."

Hoeneß und Rummenigge hatten im Sommer offen gesagt, dass Boateng den FC Bayern verlassen könne, wenn es ein entsprechendes Angebot gäbe. Ein Wechsel zu Paris Saint-Germain mit dem deutschen Trainer Thomas Tuchel kam jedoch nicht zustande – offenbar auch aufgrund der eigenwilligen Verhandlungstaktik des PSG-Sportdirektors Antero Henrique, dem sowohl die Bayern als auch die eigenen Leute in Paris Vorwürfe machen.

Der Innenverteidiger betonte, dass er "top-professionell lebe". Er habe "jedes Mal vor einer Bayern-Vorbereitung noch eine private Vorbereitung gemacht". Darum sei es für ihn nicht verständlich, warum sich die Münchner Clubführung und er etwas voneinander entfernt haben. "Ich weiß nicht, woran es liegt. Dass ich ein anderes Erscheinungsbild und andere Interessen habe als andere, das ist ja legitim, glaube ich", sagte Boateng. Niemand könne ihm vorwerfen, dass er zu wenig auf Fußball konzentriert sei.