Als Luka Modrić am Montagabend den Goldenen Ball gereicht bekam, war alles anders. In den vergangenen zehn Jahren war die Wahl zum Weltfußballer eine eher einseitige Angelegenheit, oder zweiseitige, wie man es nimmt: Ronaldo, Messi, Messi, Messi, Messi, Ronaldo, Ronaldo, Messi, Ronaldo, Ronaldo. Stets ging der Titel an einen der beiden Superstars, die dann in Zürich im Smoking auf der Bühne standen und mit der Trophäe in der Hand so wirkten, als wäre sie eigens für sie erfunden worden.

Modrić dagegen machte den Eindruck, als wäre er nur durch ein Versehen in diese Veranstaltung geraten. Etwas verzagt stand er da, ein schmächtiger Kerl mit halblangen Haaren und großer Nase. Der Kroate ist kein Posterboy wie seine Kollegen, in den einschlägigen Listen der bestverdienenden Fußballer taucht er nicht vorne auf, er ließ kein Museum samt Statue von sich errichten und prahlt nach Toren nicht mit seinen Bauchmuskeln. Der britische Guardian schrieb einmal, Modrić erinnere auf dem Platz "an einen kleinen Jungen im Körper einer Hexe." Das war wohl netter gemeint, als es klingt. Der Schenkelklopfer, er sehe aus wie Beatrix von Storch, wurde während der WM fad.

Er lässt Fußball einfach aussehen

In einer Zeit, in der Starspieler so überhöht werden, dass man glauben kann, Fußball ist ein Einzelsport, hat die Wahl von Luka Modrić etwas Romantisches. Fußball ist also doch mehr als Tore schießen und die Hatz nach Rekorden. Im Gegensatz zu den dauertreffenden Messi und Ronaldo vollendet Modrić nämlich nur selten. Er hat andere Qualitäten. Die Wichtigste: Er lässt Fußball einfach aussehen.

Die inspirierendsten Künstler sind ja oft die, die ihre Kunst als kinderleicht erscheinen lassen. Zum Beispiel diese seltsame Idee, den Ball mit den Füßen zu kontrollieren, obwohl die dafür doch gar nicht gemacht sind. Modrićs Füße schon. Er ist kein spektakulärer Spieler, also nicht spektakulär in dem Sinne, dass er die Zuschauer von den Sitzen reißt, wenn er am Ball ist. Er ist kein Spieler für die Zusammenfassungen, die nur Tore, Jubel und Bohei zeigen. Modrić war vorher dran. Wenn ein Tor fällt, hat er seine Arbeit meist schon erledigt.

Modrić ist der Mann für den vorletzten Pass. Er ersinnt die Angriffe, gibt den Takt des Spiels vor, reißt Lücken, schafft den Ball schnell auf die andere Seite, wenn die eine zu voll ist. Er ist der Mann, der das System in Schwung bringt und hält. Ronaldo und Messi, auch Neymar oder Mbappé mögen im Scheinwerferlicht stehen. Doch wären sie ohne Modrić blind. Erst Spieler wie er weisen den Superstars den Weg in den Lichtkegel. Sie herrschen im Mittelfeld, im Zentrum, da, wo ein Spiel entschieden wird. Der Franzose Paul Pogba dominiert dort durch Kraft, Modrić durch Flinkheit, Schläue und einem beinahe unwirklichen Gefühl für Raum und Zeit.