Es wäre nicht das Schlechteste, wenn Philipp Lahm Politik machen würde, wie er Fußball spielt. Auf dem Platz setzte er sein enormes Talent stets so ein, dass es dem Erfolg des Ganzen zugutekam. Seine Pässe kamen nicht nur an, sie ließen den Mitspieler glänzen. Auch war er ein Abwehrspieler, der nie foulte.

Der Spieler Lahm legte, wenn's sein musste, zudem Entschlossenheit an den Tag, man könnte auch sagen, er zeigte Machtwillen. Die Kapitänsbinde übernahm er von Michael Ballack gegen dessen Widerstand. Dass er diese Verantwortung nicht scheute, gereichte Deutschland nicht zum Nachteil. Die beiden Weltmeisterschaften 2010 und 2014 unter dem Kapitän Lahm waren große Erfolge.

Am Donnerstag erlangte der deutsche Fußball nach einigen Rückschlägen wieder mal einen Sieg. Und vielleicht war es kein Zufall, dass erneut Lahm beteiligt war. Diesmal hielt er keinen Pokal in der Hand, wie vor vier Jahren in Rio. Diesmal war er in einer neuen Rolle gefragt. "Wir wollen ein riesengroßes Fest feiern", sagte Lahm im Auditorium der Uefa in Nyon.

Der Tag, an dem Deutschland den Zuschlag für die Europameisterschaft 2024 erhielt, war der erste bedeutende des Sportfunktionärs Philipp Lahm. Es ist unwahrscheinlich, dass es sein letzter war. Wenn nicht alles täuscht, ist er der kommende Mann im deutschen Fußball.

Der Sieger Deutschland wurde von einem ungleichen Paar vertreten. Reinhard Grindel, nicht nur einen Kopf größer, verdrängte Lahm fast. Es sind nicht nur Äußerlichkeiten, die sie trennen. Der Präsident, ein Politiker, der zum Fußball kam und erst gut zwei Jahre im Amt, hat schnell an Macht verloren

Lahm hingegen, der Fußballer, der nun Anzug trägt, befindet sich im Aufstieg. Wenn man in der Branche eine Umfrage machte, wessen Chancen größer sind, den DFB in sechs Jahren in höchsten Ämtern zu vertreten, Lahm oder Grindel, käme man zu einem eindeutigen Ergebnis.

Reisen ins Ausland

Seine außergewöhnliche aktive Karriere beendete Lahm im Mai 2017. Ein Jahr vor Ablauf seines Vertrags, auch das war ungewöhnlich. Er wollte und sollte in den Vorstand seines Vereins, des FC Bayern, aufrücken. Beide Seiten konnten sich überraschenderweise nicht einigen, mit einer Nebenrolle gab sich Lahm nicht zufrieden. Kurz darauf wurde er Botschafter der EM-Bewerbung und seitdem reiste er als Repräsentant des DFB zu vielen Terminen, auch im Ausland.

Wie groß Lahms Anteil an der erfolgreichen Bewerbung war, weiß man nicht. Er selbst geht gewohnt bescheiden mit dieser Frage um. Einen Fußballer, noch dazu einen solch erfolgreichen, konnten die Türken jedenfalls nicht bieten.

Seine Ideen von Fußball führen zu heftigen Ausschlägen

Nun wird Lahm Chef des EM-Organisationskomitees und steht damit in direkter Nachfolge Franz Beckenbauers, wie Lahm Ehrenspielführer des DFB. Das Charisma des Kaisers geht Lahm ab, der stets höflich auftritt, andere sagen brav; die ARD trennte sich nach der WM von ihrem Experten, weil er zu zurückhaltend auftrat. Im Gegensatz zu Beckenbauer entstammt Lahm jedenfalls einer Generation, die wohl ein anderes Verständnis für den Umgang mit öffentlichen Geldern gelernt hat als die Hallodris aus früheren Tagen.

Das ist wichtig, denn Integrität wird nun bei dem Milliardenprojekt Euro 24 mehr denn je gefragt sein. Nach den negativen Erfahrungen mit der WM 2006 wird die Öffentlichkeit genauer hinschauen, wenn Lahm, längst selbst Unternehmer, mit Vertretern von Politik, Wirtschaft und Kultur zusammenkommt. Eine entscheidende Frage wird zum Beispiel sein, welche finanziellen und steuerlichen Zugeständnisse der DFB und die Uefa von Deutschland verlangen.

Die EM wird auch gesellschaftlich eine anspruchsvolle Aufgabe. So entspannt wie 2006 werden viele Leute Schwarz-Rot-Gold nicht mehr tragen und schwenken, seitdem die Höckes dieses Landes diese Farben wieder beschmutzen. Lahm wird zum Rechtsruck gefragt werden, zur AfD, auch dazu, was der Fußball zur Integration und Demokratie beitragen kann.

"Die jungen Leute müssen Ideen einbringen", sagte der DFL-Präsident Reinhard Rauball in den Gängen der Uefa-Zentrale und zeigte hoffnungsvoll auf Lahm, der ein paar Meter weiter einem Fernsehteam Auskunft gab. "Es wäre schön, wenn die gesellschaftspolitischen Themen nicht untergehen."

Was Lahm dazu sagen wird, lässt sich nicht ahnen. Aber zweifellos wird er seinen neuen Gestaltungsraum nutzen, um seiner Idee von Fußball zu verbreiten. Er ist zwar oft diplomatisch, doch wenn er sich mal äußerte, führte das zu heftigen Ausschlägen. 2009 bemängelte er die Vereinspolitik der Bayern, zum großen Ärger von Uli Hoeneß. Zwei Jahre später geriet sein Buch Der feine Unterschied aufgrund kritischer Passagen über seine Ex-Trainer zum Skandal. Nach dem WM-Aus in Russland legte er Joachim Löw nahe, seinen Führungsstil zu ändern.

Herkunft aus dem Amateurfußball

Jüngst fiel Lahm durch eine erste sportpolitisch gewichtige Aussage auf. "Ein großer Aspekt ist das Verhältnis zwischen Amateur- und Profifußball", sagte er der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Lahms Familie engagiert sich seit Jahrzehnten ehrenamtlich in seinem Heimatverein, dem Kreisligisten FT Gern. Er wird also mitbekommen, dass sich die Spitze von der Basis zunehmend entfernt.

Ein Vorstandsmitglied dieses Vereins ist Mitglied der DFB-kritischen Initiative Rettet den Amateurfußball. Als Lahm auf dem DFB-Bundestag im Dezember dazu befragt wurde, wich er einer konkreten Antwort aus.

Sein Profil wird der junge Sportpolitiker, dem einige inzwischen zutrauen, irgendwann DFB-Präsident zu werden, noch schärfen müssen. Gut aufgestellt ist er jedenfalls. An seiner Seite ist stets sein Berater Roman Grill, der schon sein Jugendtrainer war. Als Lahm Interview um Interview gab, wartete er im Hintergrund. Gemeinsam verließen sie Nyon, die Sieger des Tages.