Das Letzte, was Marcus Wedau vom Europapokal der Pokalsieger in Erinnerung geblieben ist, ist ein nackter Hintern. Es ist der 1. Oktober 1998, genau vor 20 Jahren, abends irgendwo im gelben Zwielicht der belgischen Autobahn. Im Mannschaftsbus des MSV Duisburg ist es still. Die Mannschaft ist auf dem Heimweg von ihrem Auswärtsspiel gegen den KRC Genk. Im Hinspiel, seinem ersten internationalen Einsatz überhaupt, hatte Wedau den Ausgleich zum 1:1 erzielt und dem MSV ein glückliches Unentschieden gerettet.

Für das Rückspiel in Brüssel hatten sich die Duisburger einiges vorgenommen, schließlich war der Verein zum ersten Mal seit neunzehn Jahren wieder im Europapokal dabei. Statt eines internationalen Topclubs hatte ihnen das Los jedoch den belgischen Pokalsieger beschert, einen Gegner so attraktiv wie ein Pressschlag. Das einzig Positive an der Auslosung, hatte Duisburgs Trainer Friedhelm Funkel, der heute den Bundesligisten Fortuna Düsseldorf trainiert, gesagt, sei der kurze Anfahrtsweg von rund 200 Kilometern. "Da gibt es keine Reisebeschwerden."

Von wegen. 0:5 haben sie in Brüssel verloren. Raus in Runde eins. Kurz und schmerzhaft. Beim Blick aus dem Fenster sieht Wedau, wie ein weiterer Reisebus zu ihnen aufschließt. In ihm sitzen MSV-Fans. Einige von ihnen blicken wütend herüber und hämmern mit den Fäusten gegen die Scheiben. Schon nach dem Schlusspfiff im Stadion sind die Spieler von ihnen beschimpft worden. Plötzlich wuchtet sich ein Fan aus seinem Sitz, zieht die Hose herunter und drückt seinen nackten Hintern ans Fenster. Europapokal? Für'n Arsch.

Wenn Marcus Wedau heute davon erzählt, lacht er, die Wut der Fans kann er verstehen: "So schlecht wie wir uns damals verkauft haben, das war eine Katastrophe." Das frühe Ausscheiden habe für ihn dennoch etwas Gutes gehabt. "Mit jedem weiteren Spiel hätte ich mir sonst noch meinen Schnitt versaut", sagt er. "So habe ich eine 50-Prozent-Quote." Wedau hat in seiner Karriere ganze zwei Spiele im Europacup absolviert und dabei ein Tor erzielt. Sein erster und einziger ist auch der letzte Treffer eines deutschen Spielers in diesem Wettbewerb.

Denn nicht nur für Wedau und den MSV ist es der letzte internationale Auftritt. Auch die Tage des Europapokals der Pokalsieger sind gezählt. Nach 39 Jahren ist Schluss. Seitdem gibt es nur noch zwei europäische Clubwettbewerbe, die Champions League und die Europa League (früher Uefa-Cup). Was sich bald ändern dürfte, denn die Uefa erwägt zurzeit die Wiedereinführung eines dritten zur Saison 2021/22.

Damals hat Duisburg nicht gerade Argumente gegen das Ende des Pokals der Pokalsieger geliefert. Nur wenig mehr als 10.000 Zuschauer besuchten das 1:1 im Hinspiel. "In der Stadt herrschte damals kaum Euphorie", sagt Wedau. "Alles war schon von der Champions League überstrahlt."

Bereits die Gründung des Europapokals der Pokalsieger verlief schleppend: Als im März 1956 Alfred Frey, der damalige Präsident des österreichischen Erstligisten Wacker Wien, der Uefa vorschlägt, einen weiteren Wettbewerb neben dem Landesmeisterpokal einzuführen, lehnt der europäische Fußballverband ab. In einigen Ländern gibt es zu dieser Zeit noch keinen nationalen Pokalwettbewerb. Einige Pokalsieger wiederum – wie AS Monaco oder Atlético Madrid – haben kein Interesse, sodass im Sommer 1960 nur zehn Vereine an dem freiwilligen Turnier teilnehmen. Welche Mannschaft die einzelnen Nationalverbände nominieren, ist ihnen selbst überlassen. Wie willkürlich sie zum Teil dabei vorgehen, zeigt sich schon im ersten Spiel.

Am 31. Juli 1960 trifft der ASK Vorwärts Berlin im heimischen Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark auf Roter Stern Brünn aus der Tschechoslowakei. Die Ost-Berliner sind in der Vorsaison Zweiter der DDR-Oberliga geworden, die Gäste haben einen inoffiziellen Ligapokal gewonnen. Vorwärts gewinnt 2:1.

"Die drückende Hitze hemmte die Aktionen beider Mannschaften. So kam nie so richtige Pokalstimmung auf", schreibt das SED-Blatt Neues Deutschland. So ernüchternd, wie der Pokal vier Jahrzehnte Jahre später für Deutschland endet, verläuft auch die Premierensaison. Nach einem 0:2 im Rückspiel ist für Vorwärts in der ersten Runde Schluss. Dem westdeutschen Vertreter Borussia Mönchengladbach ergeht es nicht besser. Der DFB-Pokalsieger scheitert mit 0:3 und 0:8 am späteren Finalisten Glasgow Rangers.