"Leute, die das anders sehen, wollen wir nicht in der Halle" – Seite 1

ZEIT ONLINE: Herr Doreth, die deutsche Basketballnationalmannschaft wird am heutigen Sonntag vor ihrem Spiel gegen Israel in Leipzig (18 Uhr, live auf Telekom Sport) zum Aufwärmen Shirts mit dem Hashtag #wirsindmehr tragen. Außerdem werden Sie ein gemeinsames Statement gegen Rechtspopulismus veröffentlichen. Sie sind der Initiator dieser Idee. Warum machen Sie das?

Bastian Doreth: Ich war geschockt durch die Vorfälle in Chemnitz, durch die Fremdenfeindlichkeit, den Hitlergruß, die Naziparolen. Was dort geschah, sollte man sehr, sehr ernst nehmen. Es spiegelt den Zustand unserer Gesellschaft wieder. In unserer Mannschaft gibt es auch einige Spieler mit Migrationshintergrund. Mit denen wollen wir uns solidarisieren. Wir stehen für Respekt, Gleichberechtigung und Meinungsfreiheit.

ZEIT ONLINE: Es war auch Kritik an dem Hashtag #wirsindmehr zu hören, nicht nur aus rechtsradikalen Kreisen. Er trage zur weiteren Spaltung bei, außerdem seien bei dem Konzert in Chemnitz Bands, die dem linken Rand nahe stehen, aufgetreten.

Doreth: Auch das haben wir diskutiert. Um es klar zu sagen: Wir hegen keine Sympathien für linksextreme Aussagen, wir stehen für die Mitte. Doch wir halten den Begriff #wirsindmehr für am geeignetsten. Jeder versteht ihn. Leipzig ist auch ein guter Ort dafür, weil es in Sachsen liegt.

ZEIT ONLINE: Der Trainer und Sportchef des Leipziger Fußballvereins, Ralf Rangnick, sagt, der Sport solle sich aus der Politik raushalten. Wie finden Sie das?

Doreth: Das sehen wir ganz anders. Wir Sportler sind auch Bürger. Wir dürfen das, was hier geschieht, nicht mehr wortlos hinnehmen. Deutschland hat ein großes Problem und wir wollen gegen den Rechtsruck Stellung beziehen. Wir finden das ganz wichtig. In den USA gibt es ja eine ähnliche Debatte. Vielleicht hat Rangnick einfach Angst vor negativen Reaktionen im Stadion.

ZEIT ONLINE: Sie nicht?

Doreth: Wir nicht. Ich denke, die Fans werden das gut aufnehmen. Leute, die das anders sehen, wollen wir nicht in der Halle haben.

ZEIT ONLINE: Wie kam Ihr Vorschlag in der Mannschaft und im Verband an? Mussten Sie sich gegen Widerstände durchsetzen?

Doreth: Nein. Klar, manche Spieler fühlen sich von den politischen Entwicklungen in Deutschland mehr betroffen, andere weniger. Doch alle stehen hinter dem Statement. Ich muss sagen, ich bin stolz auf die Mannschaft. Und der Verband unterstützt uns. Für ihn war wichtig zu wissen: Es war eine Initiative der Spieler, nicht die einer PR-Agentur.

"Deutschland ist nicht so tolerant, wie es immer heißt"

ZEIT ONLINE: Dennis Schröder, der bekannteste Nationalspieler, ist dunkelhäutig. Wie hat er reagiert?

Doreth: Er war sehr begeistert und wollte sofort mitmachen. Er ist unser bester Spieler, er kann das Zugpferd der Aktion sein.

ZEIT ONLINE: Warum ist Ihnen persönlich das Thema so wichtig?

Doreth: Der Vater meiner Frau stammt aus Guinea. Unser gemeinsamer Sohn ist erst sieben Monate alt, man wird ihm bald seinen Migrationshintergrund ansehen. Auch seinetwegen mache ich mir Sorgen. Was wird mit ihm in einer Situation wie der in Chemnitz passieren, wenn er groß ist? Das war eine Hetzjagd, auch wenn andere diesen Begriff nicht richtig finden. Andererseits fühle ich mich auch für andere verantwortlich. Ob Leute das hören wollen oder nicht – Deutschland ist nicht so tolerant, wie es immer heißt.

ZEIT ONLINE: Die Bosheit wächst wieder in Deutschland. Erleben Sie das auch so?

Doreth: Ja, seit 2015, seit der sogenannten Flüchtlingskrise finde ich, dass sie größer geworden ist. Ich bekomme es auch in meinem näheren Umfeld mit. Es ist erschreckend, wie einfach sich Leute zu rassistischen Aussagen hinreißen lassen. Die merken das manchmal gar nicht. Die reden einfach so über Themen, mit denen sie sich nicht auskennen – und lassen einfach eine blöde Bemerkung fallen. Man muss sich auch nur mal Leserkommentare auf Onlineseiten durchlesen, um zu wissen, was los ist. Ich kann ja verstehen, wenn Leute Angst haben oder sich abgehängt fühlen, aber man darf nicht auf andere Menschen hinabblicken.

ZEIT ONLINE: Wie leben Sie mit dem Hoch der AfD?

Doreth: Es ist eine Schande, dass eine solche Partei so viele Stimmen erhält, da wird mir angst und bange. Wenn sie weiter an Macht gewinnt, weiß ich nicht, wie lange ich mich in Deutschland noch wohl fühlen kann. Ich denke etwa an die Zukunft meines Sohns.

ZEIT ONLINE: Manche sagen, es ist nicht schlecht, wenn die etablierten Parteien mal aufgescheucht werden. Was stört Sie an der AfD genau?

Doreth: Mich stört ihre Fremdenfeindlichkeit. Fast noch schlimmer finde ich ihre Scheinheiligkeit. Die stellen sich als Demokraten dar, dabei sind sie das Gegenteil. Sie verkaufen die Leute auch noch für dumm.

ZEIT ONLINE: Sind AfD-Wähler Nazis?

Doreth: Nein, natürlich nicht alle. Viele lassen sich verführen. Aber es wird Zeit, dass sie verstehen, wen sie wählen.

"Wir Sportler müssen gegen den Rechtsruck in Deutschland aufstehen"

ZEITONLINE: Alexander Gauland bezeichnete die zwölf Jahre NS-Diktatur als "Vogelschiss" der deutschen Geschichte. Was sagen Sie dazu als gebürtiger Nürnberger, wo Sie noch heute leben?

Doreth: Eine solche Verharmlosung ist Wahnsinn! Nürnberg war 1945 und noch lange danach eine zerstörte Stadt. Hier wird man noch heute an die deutschen Verbrechen erinnert, im Dokumentationszentrum etwa oder auf dem Reichsparteitagsgelände. Alexander Gauland finde ich widerlich.

ZEITONLINE: Einer ihre Mitspieler hat türkische Wurzeln, İsmet Akpınar. Wie haben Sie die Debatte um Mesut Özil erlebt?

Doreth: Sie war schauderlich. Fußballfans, aber auch einige Journalisten und Politiker haben ihn rassistisch beleidigt. İsmet Akpınar singt bei der Hymne übrigens auch nicht mit, Dennis Schröder ebenso nicht. Wir respektieren das. Die Gründe dafür kennen wir nicht. Sie interessieren uns auch nicht. Was uns interessiert: Die beiden spielen mit Leidenschaft für die deutsche Basketballnationalmannschaft. Bei Özil war die Hymne immer Thema.

ZEITONLINE: Özil hat sich mit Erdoğan ablichten lassen. Darüber darf man doch wütend sein.

Doreth: Das war eine Dummheit, für die er Kritik verdient hat. Es war bloß ein Foto. Außerdem haben wir in Bayern eine Landesregierung, die auch nicht immer den freiheitlich-demokratischen Werten entspricht, zumindest in ihrer Rhetorik. Da gibt's auch Fotos mit Sportlern, da sagt keiner was.

ZEITONLINE: Ihr Gegner heute ist Israel. Auf der Facebook-Seite des Deutschen Basketballbunds, der auf das Spiel hinwies, schrieben User antisemitische Kommentare.

Doreth: Umso mehr müssen wir uns gegen diesen Hass wehren. Nicht zuletzt weil wir unsere Gegner respektieren. Dass wir die Aktion beim Israel-Spiel machen, ist Zufall. Aber es passt.

ZEITONLINE: Eine Frage noch zum Sport: Was erwarten Sie vom Spiel?

Doreth: Mit einem Sieg hätten wir die WM-Qualifikation geschafft. Das ist unser Ziel und wir rechnen mit einem Sieg. Wir hoffen zudem auf eine tolle Kulisse und auf Zuspruch von den Rängen, in jeder Hinsicht. Chemnitz war der Tiefpunkt einer Entwicklung, dieses Ereignis muss uns als Gesellschaft wachrütteln. Bei Borussia Dortmund gab es an diesem Spieltag eine Trikotaktion gegen Rassismus, das fand ich gut. Es wäre schön, wenn andere aus der Fußball-Bundesliga dem Beispiel folgen. Die Jüngeren schauen nun mal mehr auf uns Sportler als auf Politiker. Wir sollten diese Strahlkraft nutzen. Ich wünsche mir, dass der Sport jetzt mehr tut.

Die Erklärung der Basketballnationalmannschaft im Wortlaut:

"Angesichts der menschenverachtenden Demonstrationen der letzten Wochen und des Anstiegs des Rechtspopulismus in Deutschland generell haben wir, die Spieler der deutschen Basketballnationalmannschaft, beschlossen, ein Zeichen zu setzen. Wir stehen heute auf gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Wir stehen auf für Menschlichkeit und plädieren für Dialog statt Hetze und Gewalt. Wir stehen an der Seite alljener, die sich mutig für den Erhalt unserer offenen und toleranten Gesellschaft einsetzen. #wirsindmehr"