Mario Götze mag der einzige 26-Jährige der Welt sein, der sich bereits selbst im Museum bewundern kann. Im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund wird sein WM-Finaltor 2014 in einem abgedunkelten Raum auf eine große Kugel und mehrere Monitore projiziert, die im Halbkreis um diese Kugel hängen. In Dauerschleife kann man einem halben Dutzend Mario Götzes zugleich dabei zusehen, wie sie Deutschland zum Weltmeister machen, was dem Ganzen etwas Beihnahereligiöses verleiht.

In einer der besten Szenen des Dokumentarfilms Being Mario Götze, der bislang auf DAZN lief und am Donnerstag in die Kinos kommt, steht eben jener Mario Götze in diesem Raum, neben ihm seine Frau Ann-Kathrin. Ihre Gesichter reflektieren die TV-Bilder aus Rio, vor ihnen liegt, unter Glas, das Hemd, das Götze im Finale trug. Und man kann ahnen, was das mit einem Menschen anstellt: Kaum erwachsen und schon zur Ikone gemacht. Mit 26 schaut jemand auf sein Lebenswerk.

Viel mehr als ein entscheidendes Tor in einem WM-Finale zu schießen, kann ein Fußballer nicht erreichen. Doch was, wenn man erst 22 Jahre alt ist und seine Karriere eigentlich noch vor sich hat? Was soll dann noch kommen? "Ich beneide Mario nicht um das Tor, weil es ihm auch viel Stress gebracht hat", sagt sein Vorlagengeber André Schürrle im Film. "Früher Erfolg ist mit das Schlimmste, was einem passieren kann", sagt Götzes Bruder Fabian. "Viele Leute sagen: ‚Es ist vorbei. Der schafft sein Level nie wieder.’ Aber was ist denn sein Level? Das Tor bei der WM? Das könnte schwierig werden", sagt Mario Götze.

Der Film von Aljoscha Pause, der schon zwei herausragende Fußballdokumentationen drehte – Tom meets Zizou und Trainer! – zeigt, wie es ist, unter Dauerbeobachtung zu stehen. Wie es ist, wenn ein einziges Tor und das Label des Jahrhunderttalents zum Stigma werden. Wie es ist, wenn die eigene Person so überhöht wird, dass man sich selbst kaum wiedererkennt. Wie es ist, wenn alle nicht weniger als Wunderdinge von einem erwarten, aber man erkennen muss, dass Wunderdinge eben nur deshalb Wunderdinge sind, weil sie nicht jeden Tag geschehen. Der Film zeigt, wie es ist, Mario Götze zu sein.

Nach den 136 Minuten weiß man nicht, ob man wirklich Mario Götze sein möchte. Das Geld, klar. Fußball spielen macht auch Spaß, aber es ist auch furchtbar nervig, eine Legende zu sein. Ständig Kameras um einen herum. Einfach mal in die Kneipe gehen und ein Bier trinken? Unmöglich. Deswegen bewegt sich Götze während des Films viel in seinem sehr großen Haus. Er steigt aus seinem sehr großen Bett, rasiert sich in seinem sehr großen Badezimmer, macht sich in seiner sehr großen Küche ein Müsli, das er an seinem sehr großen Esstisch verspeist. Meist ist er allein.

In seinem Gym hängt ein Bild von sich selbst

Götze macht viel Sport in diesem Film, in seinem Haus hat er sich ein Fitnessstudio und eine Sauna eingerichtet. Bald, so erzählt er, soll eine Kältekammer dazukommen. Der Film spielt in den Monaten vor der WM 2018, in denen Götze sich zurück in die Nationalmannschaft kämpfen möchte. Er schwitzt und schnauft und an der Wand seines privaten Gyms hängt ein großes Bild von Götze selbst, den WM-Pokal küssend. Das Bild scheint ihn zu motivieren, obwohl er auch sagt: "Ich habe definitiv damit zu kämpfen, dass diese Assoziation vom Tor eigentlich automatisch immer übertragen wird, in jedem Spiel."

Götze macht einerseits den Eindruck, nicht der Posterboy und Instagram-Star sein zu wollen. Andererseits lässt er sich mit sichtbarer Freude für ein Männermagazin ablichten. Dabei wird sein Achselshirt auf dem Rücken von drei Klammern zusammengehalten, auf dass es vorne so eng wie möglich an der frisch trainierten Brust klebt. Es sind diese Ambivalenzen, die den Film so interessant machen.

Der Film blickt aber vor allem auf den Fußballer. Er hebt das außergewöhnliche Talent Götzes hervor. Von den Homevideos, auf denen er mit seinen beiden Brüdern Fabian und Felix im Garten kickt, die übrigens auch beide Profis geworden sind, über die Wunderdinge, die ein schmächtiger Junge auf dem Feld anstellt, um den sein viel zu großes Trikot flattert wie ein Segel im Wind, bis hin zu Jürgen Klopp, der sagt: "Ich habe jetzt wirklich ein paar gute Jungs gehabt, aber Mario für das Alter, das habe ich so noch nie gesehen."

Je länger man den Film schaut, desto klarer scheint das große Missverständnis im Fall Mario Götze durch: Er ist schlicht nicht so verdammt gut, wie viele denken. Nicht jedes Talent wird zum Ausnahmekönner. Der Sportjournalist Oliver Müller bezeichnet Götze im Film als "Veredler eines guten Spiels". Götze war und ist ein Spieler, der, wenn es einer Mannschaft gut geht, noch einmal etwas Besonderes macht. Er ist Kirsche auf der Torte. Er ist aber keiner, der ein Spiel an sich reißt, umbiegt oder bestimmt. Der war er auch zu seinen besten Zeiten nicht.