Edin Rahic stand auf dem Spielfeld des FC Fleetwood Town, legte eine Hand aufs Herz und streckte die andere mit geballter Faust in die Luft. Um seinen Hals trug er einen Schal in den weinrot-goldenen Farben des Bradford City FC. "City ‘till I die!", rief er mit den jubelnden Fans. City-Fan bis in den Tod, das war die Botschaft des deutschen Vorsitzenden von Bradford.

Es war im Frühling 2017, und der englische Drittligist Bradford City hatte gerade das Halbfinale der Play-Offs gewonnen, und damit ein Endspiel um den Aufstieg im ikonischen Wembley-Stadion von London verdient. Für Rahic und seinen Geschäftspartner Stefan Rupp war es ein kleines Märchen. Ein Jahr früher waren sie die ersten deutschen Fußballinvestoren, die einen englischen Fußballverein kauften. Gleich im ersten Jahr wurden sie mit einem Wembley-Finale belohnt. Das verloren sie zwar später, doch die Fans hatten sie auf ihrer Seite.

"Wir haben es damals geliebt, als Edin mit seinem Schal auf dem Spielfeld stand," sagt einer aus der Bradford-Fanszene, der lieber anonym bleiben möchte, über diese Szene aus dem Halbfinale. "Aber er muss halt verstehen: Wenn er sich in guten Zeiten in den Mittelpunkt stellt, dann muss er das auch in schlechten Zeiten tun."

"Diktator"

Und aktuell sind es definitiv schlechte Zeiten im Stadion an der Valley Parade. Aus dem deutschen Märchen ist ein englischer Albtraum geworden. Mit acht Niederlagen aus zehn Partien ist Bradford nun Drittletzter der drittklassigen League One. Trainer David Hopkin, der erst Anfang September den Job übernahm, ist der vierte seit der Entlassung von Kulttrainer Stuart McCall im vergangenen Februar. Nach der Entlassung von Hopkins Vorgänger Michael Collins, dessen Amtszeit lediglich 77 Tage dauerte, entschuldigte sich Manager Rahic in einem offenen Brief an die Fans. Für viele kam das aber zu spät. Kurz davor erschien ein Artikel in der nationalen Tageszeitung "Daily Star", der Rahic als "Diktator" charakterisierte, der den Verein in den Abgrund führen würde.

Auch, dass viele um den Club nur anonym sprechen wollen, sagt viel über die giftige Stimmung an der Valley Parade. Dabei waren die Fans begeistert, als Rahic und Rupp im Mai 2016 den Klub übernahmen. Während der Bayer Rupp den Großteil des Gelds zur Verfügung stellte, ging es für den Stuttgarter Rahic um die Erfüllung seines Traums. Der 45-Jährige, der früher im Vorstand der Stuttgarter Kickers saß und als Scout unter Ralf Rangnick beim VfB Stuttgart arbeitete, wollte sich seit Längerem seinen eigenen Fußballclub holen. Er wollte diesen Verein dann auch selber gestalten, und zwar auf die deutsche Art.

"Mir war klar, dass ich da operativ aktiv sein will, und die Geschäftsführung übernehmen," sagte Rahic in Franz Stepans Dokumentarfilm A Matter of Heart, der im vergangenen Jahr auch im deutschen Fernsehen lief. Er habe nach einem Verein gesucht, der eine gute Fanbase hat, aber auch in der Nähe von größeren Jugendakademien liegt. "Da bietet sich dieser North Belt an, von Liverpool bis Hull. Da haben wir Bradford City gefunden."

Ein neues Modell für den Club

Als einziger großer Verein der Arbeiterstadt in West Yorkshire ist Bradford City mehr als nur eine Fußballmannschaft: Es ist eine Gemeinschaft, in der jeder jeden kennt. Der Stadionbrand 1985, bei dem 56 Menschen ihr Leben verloren, hat diese Gemeinschaft jahrelang geprägt und zusammengeschweißt. Die Geschäftsführung einfach so zu übernehmen, das war keine Selbstverständlichkeit.

"Ich bin nicht nur Besitzer, sondern auch eine Art Sportdirektor," sagte Rahic 2017 im Interview mit Spox. "In England ist das sehr ungewöhnlich, weil die Sportdirektorenaufgaben anders als in Deutschland normalerweise vom Trainer übernommen wird. Das deutsche Modell ist aber besser, weil sich der Trainer dann nur auf den Fußball konzentrieren kann."

Die Trainer selbst waren vom deutschen Modell aber weniger überzeugt. Kurz nach Rahics Ankunft verließ der Erfolgstrainer Phil Parkinson plötzlich den Verein. Ähnlich skeptisch über die neue Vereinsführung aus Deutschland zeigte sich Clublegende Stuart McCall, der beim großen Brand 1985 als Spieler dabei war, und dessen Vater in den Flammen verletzt wurde. Die Verpflichtung von McCall als Trainer und Nachfolger von Parkinson galt als echter PR-Coup für Rahic. Ein gutes Verhältnis hatten Trainer und Vorsitzender aber nie, und als die Ergebnisse Anfang 2018 immer schlechter wurden, war auch diese Legende weg.

Die Unterschiede unterschätzt

Seitdem versucht Rahic vergeblich, einen Trainer zu finden, der erfolgreich ist und mit der für England ungewöhnlichen Trainerrolle klarkommt. Der erfahrene Simon Grayson soll ein Vertragsangebot am Ende der vergangenen Saison abgelehnt haben. Und dann ging die Beförderung des 32-jährigen Michael Collins aus dem Jugendbereich mächtig nach hinten los. Womöglich dachte Rahic auch hier zu deutsch, und sah in Collins seinen eigenen Julian Nagelsmann oder Domenico Tedesco. Aber nach fünf Niederlagen musste er seinen Fehler einräumen.

"Das mit jungen Trainern mag in Deutschland geklappt haben, aber es ist anders hier," sagt der anonyme Fan, der nur um die Ecke von Collins wohnt. "In Deutschland ist es idealistischer, man setzt überall auf junge Spieler und die Nachwuchsarbeit ist fantastisch, aber das haben wir hier alles nicht. Es ist schwer in der League One, und du brauchst vor allem Erfahrung."

Im März gab Rahic im Kicker zu, dass er die Unterschiede zwischen England und Deutschland unterschätzt habe. Mittlerweile glaubt aber mancher Fan, dass es hier um mehr als nur einen Kulturschock handelt.