Schon am 22. März 1986 wackelte die Berliner Mauer. In der DDR-Oberliga traf Lok Leipzig auf den BFC Dynamo Berlin, den Stasi-Klub. Leipzig führte 1:0, als der Schiedsrichter Bernd Stumpf in der 94. Minute einen Elfmeter für die Gäste pfiff. Wieder mal ein strittiger Elfmeter für den Dauermeister und Erich Mielkes Verein. Die Entscheidung erwies sich am Ende nicht unbedingt als falsch, doch darauf kam es nicht mehr an. Die Fußballfans der DDR hatten die jahrelangen Privilegien für den Klub aus der Hauptstadt satt. Die Zuschauenden protestierten, der TV-Reporter sagte Sachen, die er sich üblicherweise nicht erlauben durfte.

Gegen den Volkszorn konnte nicht mal die SED etwas ausrichten. Stumpf wurde gesperrt, erst für ein Jahr, dann für immer. Wir gegen Die, Oben gegen Unten, war eigentlich nicht vorgesehen in der DDR, doch im Fußball brach sich nach dem "Schandelfmeter von Leipzig" dieses Denken Bahn.

Der Fußball war ein Ventil in der DDR, ihm wohnte eine subversive, auch politische Kraft inne. Wenn sich die Gastmannschaft aus Berlin auf den Freistoß vorbereitete, sangen die Kurven in Jena und Erfurt: "Die Mauer muss weg!" Oder: "Wo bleibt denn der Eigendorf?" Lutz Eigendorf, ein ehemaliger BFCler, war in den Westen geflüchtet. Das hätte man in der Kneipe nicht ohne Weiteres sagen können.

In sechs Jahren wird in Deutschland eine Europameisterschaft stattfinden. In ganz Deutschland? Nein, hauptsächlich im Westen. Neun von zehn Stadien stehen auf dem Gebiet der alten BRD, das Olympiastadion Berlin mitgerechnet, ein traditionell westdeutscher Standort. Nur Leipzig vertritt den Osten. Diese Ungleichheit bewog Lorenz Caffier zur Forderung, mehr Spiele in den Osten zu verlegen. Das wäre, sagte Mecklenbug-Vorpommerns Innenminister, "ein gutes Signal für die Menschen hier und eine gute Gelegenheit für den DFB, dem ostdeutschen Fußball neuen Schwung zu verleihen". Später distanzierte er sich von seinem Vorschlag, vermutlich weil er als chancenlos gilt.

Es ist ein utopischer Vorschlag, ohnehin ist die Entscheidung darüber, wo gespielt wird, längst gefallen. Doch Caffier hat recht. Warum trägt man die EM nicht im Osten aus? Nicht nur ein paar Vorrundenspiele, sondern das komplette Turnier. Es wäre eine radikale Lösung, eine überraschende, eine heilsame. Es wäre gut für unser Land, dessen innere Grenze zwar nicht mehr steht, doch noch immer die Folgen der Teilung spürt. 

Spielorte: Dresden, Magdeburg, Zwickau

Unser Land, das Fußballland. Auch die DDR war eines. In den Siebzigerjahren wurde sie Olympiasieger und schlug Franz Beckenbauers BRD. Der Fußball wurde zwar nie gefördert von der SED, weil sich im Gegensatz zu Einzelsportarten wie Schwimmen oder Leichtathletik Medaillen durch ihn nicht produzieren ließen. Aber gerade deswegen, weil er aus eigener Kraft stark wurde, machte er die Leute stolz. In den Kombinaten hob er die Arbeitsmoral, wenn ihr Verein gewann. Sie sank, wenn wieder mal ein guter Spieler zu den "wichtigen" Vereinen delegiert wurde.

Und so wäre Magdeburg, die Stadt der Europapokalsieger, ein hervorragender Spielort für die EM 2024. Oder Rostock, die Heimat des letzten DDR-Meisters, oder Zwickau, die des ersten. Oder Dresden, Heimstätte des Vereins mit der größten, zumindest lautesten Fan-Gemeinschaft. Oder Aue, Erfurt, Jena, Halle und, klar, Leipzig, das den gesamtdeutschen Zuschauerrekord hält (110.000!). Natürlich auch Frankfurt an der Oder und Cottbus, schon wegen der Nähe zu Polen. Und Babelsberg, dem Sankt Pauli des Ostens. Oder der Ort, wo Michael Ballack, der langjährige Kapitän der gesamtdeutschen Nationalmannschaft, groß wurde: Karl-Marx-Stadt, dem späteren Chemnitz.

Das EM-Finale muss nach Chemnitz. Nicht wegen der Nazis, sondern wegen der sehr vielen Nichtnazis.

Natürlich kann der Fußball nicht all die großen Probleme unserer Gesellschaft lösen. Aber er kann Identität schaffen, Menschen eine Heimat geben oder einfach nur Gesprächsstoff liefern. Wer sich nicht vorstellen kann, was ein Fußballturnier mit einem Land machen kann, denke an das Sommermärchen 2006, Deutschlands große, leichte Feier mit Gästen aus aller Welt. Alle wurden willkommen geheißen, die Iren, die Holländer, die Engländer, die Fans von der Elfenbeinküste.

Die Gäste ließen auch etwas da, Gastfreundschaft und gute Laune, die Erinnerungen an sie. Als sie fuhren, wurden sie vermisst. Diesen Effekt beobachtete man zuletzt in Russland, als die Fans aus Lateinamerika, Afrika und Europa mit den Einheimischen sangen, tranken und manches mehr. Und die wiederum merkten, dass die Welt gar nicht gegen sie ist, wie die Propaganda des russischen Fernsehens es immer behauptet.