Den vielleicht größten seiner Fehler beging die Vereinsführung des FC Bayern zu den schönsten Zeiten. 2014 verkaufte sie Toni Kroos, weil sie ihn nicht für einen großen Fußballer hielt. Kroos gewann anschließend als Stammspieler mit Real Madrid drei Mal die Champions League. Heute hat die Elf des FC Bayern kein starkes Zentrum, Kroos hätte es sein können.

Der Verkauf von Kroos ist nur ein Beispiel, wenn auch das prägnanteste, für die fragliche Personalpolitik der letzten Jahre. Sie hat dazu geführt, dass Bayern München in der Bundesliga selbst gegen Teams aus dem Mittelfeld wieder Spiele verliert, sogar zwei nacheinander wie nun gegen Berlin und Mönchengladbach. Nur den, der ausschließlich auf Tabellen, Punktezahlen und Ergebnisse schaut, mag dies überraschen. Die Schrumpfung dieser einst großen Mannschaft verläuft kontinuierlich. Die Vorgänger von Niko Kovač konnten sie noch ausgleichen oder kaschieren. Er selbst kann das nicht.

Der Meister ist auf Rang 6 gestürzt, doch das liegt nicht nur an Kovač. Von 2012 bis 2016, vielleicht 2017, war der FC Bayern einer der drei besten Vereine der Welt. Zuletzt wurde er sechs Mal nacheinander mit bisweilen enormem Vorsprung Deutscher Meister. 2013 gewann er unter Jupp Heynckes alle drei wichtigen Titel, Meisterschaft, Pokal und Champions League. Zwischen 2014 und 2016 erreichte er unter Pep Guardiola höchste Qualität und spielte wie nie zuvor eine deutsche Mannschaft. In der ersten Saison wurde er schon im März unbesiegt Meister. Das gab es noch nie.

Spätestens ab dem Sommer 2016 verlor die Mannschaft mit Carlo Ancelotti an Struktur und Dominanz, konnte sich aber dank ihrer und seiner Routine in wichtigen Spielen aufbäumen. Im Herbst 2017, man vergisst das angesichts ihrer Erfolgsserie leicht, jagten die Bayern Ancelotti vom Hof, bevor der erfahrene Heynckes zumindest die Ergebnisse wieder richtete. Aber die Bayern spielten lange nicht mehr so gut wie zwei, drei Jahre zuvor. Sie profitierten von der schwachen Bundesliga, das Pokalfinale gegen Frankfurt im Mai 2018 verloren sie sogar.

In den vergangenen zweieinhalb Jahren werkelten also vier Trainer an der Mannschaft herum. Auf eine noch größere Zahl kommt man im Management. Matthias Sammer holte ein paar Spieler, auch Michael Reschke. Beide sind nicht mehr im Verein. Karl-Heinz Rummenigge entschied immer mit, inzwischen ist Uli Hoeneß wieder der starke Mann. Im Gegensatz zu Hasan Salihamidžić, der vor gut einem Jahr als Sportvorstand installiert wurde, obwohl er keine Erfahrung auf dem Posten hatte. Spötter der Branche sagen: Der FC Bayern ist der HSV in Groß.

Ist Boateng noch mit dem Herzen dabei?

Und so wurden Spieler geholt, die längst wieder weg sind, etwa Arturo Vidal, Douglas Costa, Mario Götze, Sebastian Rudy oder Sebastian Rode. Andere sind noch da, haben den Verein aber auch nicht vorangebracht. Mats Hummels ist für die Weltspitze nicht schnell und zweikampfstark genug, man sah es am Samstag bei zwei der drei Gladbacher Tore. Sandro Wagner ist nicht mal mehr Nationalspieler. Niklas Süle fehlt die taktische Reife, Renato Sanches die Spielübersicht, um das Mittelfeld eines Spitzenteams zu bereichern. Und von Joshua Kimmich, der die Zukunft des Vereins sein soll, sieht man wenig, jetzt, wo es schlecht läuft.

Selbst beim wohl besten Fußballer, den er zuletzt nach München holte, zeigte der Verein eine Schwäche. James Rodríguez hat er nur geliehen. Das spricht nicht dafür, dass beide Seiten voneinander überzeugt sind. Eher dafür, dass James irgendwann, trotz Kaufoption der Bayern, zum Weltclub Real Madrid zurückwill. Sein Berater soll bereits entsprechend hinter den Kulissen auftreten. Leihgeschäfte sind eigentlich eine Strategie von Eintracht Frankfurt.

Die Folge dieser Einkaufspolitik: Die Mannschaft ist überaltert. Robert Lewandowski, Javi Martínez und Rafinha haben die 30 überschritten. Auch Jérôme Boateng, der zuletzt dem Tempo von Hertha BSC nicht mehr gewachsen war und nach seinem Flirt mit Paris offenbar nicht mehr mit ganzem Herzen dabei ist. Auch Manuel Neuer, der einen Fernschuss wie das Gladbacher 0:1 durch Alassane Pléa früher vielleicht gehalten hätte.

Der FC Bayern ist wieder auf dem Level von vor zehn Jahren

Vor allem trifft das auf Franck Ribéry und Arjen Robben zu. Die ehemaligen Weltklassespieler sind trotz einiger Versuche noch immer nicht ersetzt worden. Ribéry wird noch in dieser Saison 36, Robben ist nicht mal ein Jahr jünger. Beide sind seit mindestens zwei Jahren nicht mehr zu den früheren Leistungen fähig, dennoch ist das Spiel auf sie zugeschnitten.

Kein Wunder, dass viele Angriffe der Bayern versanden. Man sah es gegen Berlin, Gladbach, selbst im Pokal gegen Drochtersen/Assel: Die Bayern spielen um den Strafraum herum. "Wir sind gut in ungefährlichen Räumen", sagt Hummels zu Recht. Vor allem unter Guardiola stürmten die Bayern viel präziser.

Darunter leidet in erster Linie Thomas Müller, der einseitig veranlagte Torjäger. An ihm kann man den Niveauverlust der Bayern wie an einem Barometer ablesen. Mehr als andere hängt er von guten Mitspielern ab. Er braucht deren Vorlagen und den Raum, die sie ihm verschaffen. Er schießt nur in offensiven Mannschaften viele Tore. Das ist Bayern München nicht mehr, ebenso die Nationalelf, und deswegen befindet sich Müller seit Jahren im Abwärtstrend.

Fehler im Management, Unwuchten im Team – das macht es jedem Trainer schwer. Heynckes, Ancelotti und Guardiola haben es noch hingebogen. Sie hatten allerdings schon die Champions League gewonnen, als sie zu den Bayern kamen. Niko Kovač, "die kleine Lösung", hat vor seiner Bayern-Zeit nicht mal ein Spiel in diesem Wettbewerb gecoacht.

Kovač kann noch immer Meister werden

Kovač galt als erfolgreich in Frankfurt, aber was hieß das? Mit der Eintracht gewann er den Pokal, in der Bundesliga wurde er jedoch nur Elfter und Achter. Zuvor war er als Nationaltrainer Kroatiens und als Co-Trainer in Salzburg gescheitert. Seine Teams waren stets kampfstark, aber mit Kampf allein wird man nicht Meister. Eine moderne Spielidee ist gefragt.

Natürlich erlebt der FC Bayern auch zurzeit das übliche Auf und Ab des Fußballs. Eine Generation von echten Bayern wie Lahm, Schweinsteiger, Müller wächst nicht jedes Jahr heran. Titel sättigen jeden. Und Pech kommt hinzu, vielleicht hätte die Mannschaft zwei Punkte mehr, wenn sich Kingsley Coman und Corentin Tolisso nicht verletzt hätten. Momentan treffen die Gegner bei jedem Schuss. Das Glück haben nun die anderen. Dortmund ist wieder stärker als zuletzt, hätte aber statt drei auch fünf Gegentore von Augsburg kriegen können.

Daher kann Kovač noch immer Meister werden, wenn er bis zum Saisonende bleiben darf. Schon allein weil er über den teuersten Kader verfügt. Doch Bayern ist nicht mehr die Mannschaft, die mit fünfzehn Punkten Vorsprung vorn landet. Und, der Gladbacher Christoph Kramer sagt es, es ist nicht mehr das Team, vor dem man Angst haben muss. Der FC Bayern ist wieder auf dem Level von vor zehn Jahren. Die Zeit seiner Alleinherrschaft ist vorbei.