1.

Beginnen wir harmlos zuckerwattig mit dem Schulmädchen-Report des Sportmagazin-Mitarbeiters Richard Kirn, den die Freude über einen nie gefährdeten 7:0-Sieg der Deutschen am 21. Oktober 1959 (drei Tore von Uwe Seeler!) zu einer recht eigenwilligen Spielanalyse motivierte: "Ach, und wie fröhlich waren sie, und wie süß waren die Mädchen mit den delftblauen Trommeln. Also: Wenn ich noch mal eine Braut hätte, die müsste mir jeden Abend etwas vortrommeln!"

2.

Womit wir beim Thema wären, denn der Umgang deutscher Journalisten mit holländischen Bräuten heizte die ohnehin angespannte Stimmung vor dem WM-Finale 1974 erst richtig auf. Ein Reporter aus Stuttgart soll es gewesen sein, der die feiernden Oranjes an der Hotelbar zunächst mit Zigaretten versorgte, schließlich von Johan Cruyff in den Saunabereich geladen wurde und daraus für die Bild den Skandalreport "Cruyff, Sekt, nackte Mädchen und ein kühles Bad" drechselte. Die vermeintliche "Pool-Party mit Callgirls" verursachte einen Aufschrei in den Niederlanden. Fußballer, die deshalb angeblich mehr Zeit mit der Beschwichtigung ihrer Partnerinnen als mit der Spielvorbereitung verbrachten (dem widersprach Johan Cruyff in seiner Biografie übrigens vehement), und einen stinkwütenden Bondscoach Rinus Michels. "Wenn die deutschen Zeitungen einen Krieg heraufbeschwören wollen", moserte der des Deutschen mächtige "General", "dann ist es auch ein totaler Krieg." Sämtliche auf Deutsch gestellte Fragen in der Pressekonferenz beantwortete Michels von da an mit: "I forgot my German."

3.

Worte, die sein Mittelfeldmann Willem van Hanegem vermutlich gerne hörte. "Der Krumme" hatte seine halbe Familie im Holocaust verloren, projizierte ganz offen die Katastrophe der Nazibesatzung auf das Fußballfeld und hatte schon vor dem Turnierstart erklärt: "Der Hass, er war immer da. Er hat Hintergründe, die jeder kennt und die noch nicht vergangen sind. Ich würde es bis an mein Lebensende nicht verwinden, wenn wir es nicht schafften, zu verhindern, dass sie später grölen können, sie seien Weltmeister – und wir nicht." Minimale Genugtuung für den nach der 1:2-Endspielniederlage hemmungslos weinenden Hanegem: Beim ein Jahr später in Frankfurt stattfindenden Freundschaftsspiel "Die Revanche für 1974" gelang ihm der Treffer zum 1:1-Endstand.

4.

Als beide Mannschaften auch bei der nächsten Weltmeisterschaft aufeinandertrafen, urteilte Karl-Heinz Rummenigge vor dem Aufeinandertreffen in der zweiten Finalrunde: "Es ist eine wirkliche Schande und traurig, dass sie den Fußball als Ventil für ihren Hass wegen des Zweiten Weltkriegs benutzen." Kurz vor dem Abpfiff hatten Dick Nanninga und Bernd Hölzenbein noch ein paar Freundlichkeiten auszutauschen, erst boxte der Holländer den Deutschen, der zwickte Nanninga in die Nase und als der Holländer daraufhin die Gelbe Karte mit einem Lachen quittierte, schickte ihn der Schiri Ramón Barreto Ruiz vom Platz. Nanninga: "Da habe ich noch einmal gelacht und bin auf den Schiedsrichter zugegangen, ganz freundlich. Als der plötzlich 'policía, policía' rief, bin ich lieber vom Platz gegangen." Das Spiel endete 2:2.

5.

Sicherheitsorgane hätten dem nächsten Aufeinandertreffen bei der zwei Jahre später stattfindenden Europameisterschaft vielleicht ganz gut getan. Die Deutschen gewannen 3:2, mussten nach der Partie aber vor allem ihre Wunden lecken. Horst Hrubesch lupfte vor versammelter Presseschar sein Trikot, um die tiefen Kratzspuren auf seinem Rücken zu präsentieren, Bernd Schuster berichtete fassungslos vom Faustschlag seines Gegenspielers Willy van de Kerkhof ("Voll aufs rechte Auge!") und dem Torwart Toni Schumacher ("Johnny Rep hat mir in die Hoden gekniffen, so ein unmögliches Verhalten habe ich noch in keinem Spiel erlebt.") stellte der Bundestrainer Jupp Derwall lieber einen Ersatzmann hinter das Tor, der beruhigend auf Schumacher einwirken sollte.

6.

Revanche war 1988 bei der EM in Deutschland das Zauberwort aufseiten der holländischen Gäste. Revanche für die ebenso überraschende wie schmerzhafte Niederlage 1974, Revanche für die gehässigen Kritiker aus den eigenen Reihen, Revanche vor allem für den Einmarsch der Nazis 48 Jahre zuvor. In Massen reisten orangefarbene Fans nach Hamburg und fluteten so eindrucksvoll den Volkspark, dass DFB-Stürmer Frank Mill anschließend maulte, es wäre ja schön gewesen, "wenn wir ein Heimspiel gehabt hätten". Neun von fünfzehn Millionen Niederländern sollen den 2:1-Erfolg im Halbfinale gefeiert haben, beliebter Schlachtgesang: "1940 kamen sie, 1988 kamen wir, holadije, holadio!" Der Torwart Hans van Breukelen war "froh, dieses Geschenk der älteren Generation zu geben, die während des Krieges gelebt hat", Marco van Basten sprach von einem "wunderbaren Sieg, besonders, weil wir diese widerwärtigen Deutschen rausgeworfen haben" und Ronald Koeman, Bondscoach im Jahr 2018, wischte sich mit dem getauschten Trikot von Olaf Thon demonstrativ den Hintern ab. Zitat heute: "Ich bedauere, was ich nach dem Spiel tat. Es war eine impulsive Reaktion, eine dumme Aktion, die mich mein Leben lang begleiten wird. Ich habe Olaf Thon seither nicht mehr getroffen, ich hatte also nie die Gelegenheit, mich zu entschuldigen." Vielleicht findet sich ja spätestens im Rückspiel in Gelsenkirchen eine Möglichkeit.