Dennis Siesing war in den Jahren 2008 und 2011 für jeweils sechs Monate als Fallschirmjäger in Kundus, einer Stadt in Afghanistan. Am 25. Mai 2011 musste er mit ansehen, wie sein Freund, der im Fahrzeug voraus saß, in die Luft gesprengt wurde. Seitdem ist alles anders. Seine Diagnose: Posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTBS, eine psychische Krankheit, unter der viele Soldaten nach Kriegseinsätzen leiden. Verständnis aus der Gesellschaft habe er wenig erfahren, sagt Siesing. Aber er hat den Sport.

Der 38-Jährige war 2016 bei den Invictus Games in Florida dabei und 2017 in Toronto. Invictus kommt aus dem Lateinischen und bedeutet unbesiegt oder unbezwungen. Die Spiele sind quasi das Olympia der psychisch und körperlich versehrten Soldaten. 2014 wurden sie das erste Mal in London ausgetragen, Prinz Harry hatte die Idee. Leichtathletik, Bogenschießen oder Sitzvolleyball sollen für die Soldaten Akzeptanz und Anerkennung bedeuten.

In Großbritannien, den USA und Kanada sind die Spiele sehr beliebt, in Deutschland hat kaum jemand je von ihnen gehört. Das hängt auch mit der deutschen Skepsis gegenüber der Bundeswehr zusammen. Die FDP will das nun ändern und fordert in einem Antrag, dass auch Deutschland bald die Invictus Games ausrichtet. In dem Antrag heißt es, dass "eine sichtbare, nach außen in der Gesellschaft wirkende Unterstützung der Bundesregierung kaum erkennbar" sei. Und weiter: "Diesen Soldatinnen und Soldaten bestmöglich zu helfen, muss nicht nur Pflicht, sondern auch innere Verpflichtung der Bundesregierung und aller Mitglieder des Deutschen Bundestages sein."

Sie sollen merken: Ich kann noch etwas

"Die Spiele haben mir enorm viel gebracht", sagt Dennis Siesing. Sport ist ein Mittel, um die schrecklichen Erinnerungen im Kopf zu kontrollieren, ein Mittel, um zurück ins Leben zu finden. Die Anerkennung, der Respekt, der Jubel. Doch für Menschen mit PTBS bedeutet eine solche Veranstaltung auch Stress, die Menschenmengen, Hubschrauber, die am Himmel kreisen, all das kann die Bilder wieder zurückholen. Trotzdem sagt Siesing: "Wenn ein ganzes Stadion aufsteht und jubelt, das sind die Momente, die die Spiele ausmachen."

"Die Invictus Games sind eine hervorragende Veranstaltung", sagt der Leiter der Sporttherapie der Bundeswehr, Carsten Gideon. In Warendorf im Münsterland betreut die Bundeswehr Soldaten, die im Einsatz körperlich oder psychisch verletzt wurden. Zusammen mit der Sportschule der Bundeswehr und dem Zentrum für Sportmedizin werden sie in sporttherapeutischen Lehrgängen rehabilitiert. "Wir wollen die Patienten zurück ins normale Leben führen", sagt Gideon.

Die Teilnehmenden sollen das Gefühl für den eigenen Körper zurückgewinnen. Sie sollen merken: Ich kann noch etwas. Und daraus neue Motivation schöpfen. "Während dieses langen Prozesses ist es wichtig, ein Ziel wie die Invictus Games vor Augen zu haben", sagt Gideon. Einige verarbeiten einen Schicksalsschlag in zwei bis drei Jahren, andere in zehn, viele arbeiten ein ganzes Leben daran. Die Invictus Games sind da eine Etappe auf dem Weg der Rehabilitation, eine Belohnung für die Arbeit.