Der Kalifornier Dave Scott, 64, ist einer der Pioniere des Triathlons und einer der erfolgreichsten Athleten in der kurzen Geschichte des Sports. Scott gewann den Ironman Hawaii, der am Samstag zum 40. Mal ausgetragen wird, zwischen 1980 und 1987 sechsmal. 1989 lieferte er sich acht Stunden land ein legendäres Kopf-an-Kopf-Duell mit Mark Allen. Erst auf den letzten zwei Kilometern entschied Allen das Rennen, das als Ironwar in die Geschichte des Sports eingegangen ist, für sich. Es war eine Wachablösung, Allen gewann Hawaii insgesamt sechsmal. Scott wurde 1994 im Alter von 40 Jahren noch einmal Zweiter und zwei Jahre später, 1996, Fünfter.

ZEIT ONLINE: Mister Scott, wann haben Sie das letzte Mal einen Ironman absolviert?

Dave Scott: Der letzte, von dem die Leute wirklich wissen, war Hawaii 1996, als ich Fünfter geworden bin. Ich habe aber auch 2001 noch einmal ein Comeback versucht, da war ich 47 Jahre alt. Ich hatte mich in den Monaten vorher hervorragend gefühlt. Aber ich habe auf dem Rad gleich gespürt, dass ich keine Kraft habe und musste nach 80 Kilometern aufgeben.

ZEIT ONLINE: Sie hatten ernsthaft geglaubt, mit 47 noch einmal vorn mitmischen zu können?

Scott: Nun, ich war mit 42 Fünfter geworden, also warum nicht? Ich hatte das Gefühl, dass mein Rennen 1996, also das mit 42, das beste meine Karriere war. Ich bin damals als 26. vom Rad gestiegen und bin auf den fünften Platz vorgelaufen.

ZEIT ONLINE: Nach 2001 hatten Sie dann aber endgültig genug.

Scott: Ich hatte mich 2001 überschätzt. Ich hatte mir etwas vorgemacht, zu glauben, Hawaii mit fast 50 noch einmal gewinnen zu können. Ganz hat es mich aber trotzdem nicht losgelassen. 2009 wollte ich es noch einmal wissen.

ZEIT ONLINE: Mit 55 Jahren?

Scott: Ja, ich habe zwar nicht gedacht, dass ich noch einmal gewinnen kann, aber ich habe gedacht, ich kann noch gut mitmischen und die Top-Profis vielleicht ein bisschen ärgern. Aber dann bin ich im Training von einem Auto angefahren worden. Dabei habe ich mein Handgelenk zertrümmert, mein Schulterblatt gebrochen und mir eine Herzembolie eingehandelt. Das hat dann der ganzen Geschichte endgültig ein Ende bereitet.

ZEIT ONLINE: Haben Sie sich davon gesundheitlich erholt?

Scott: Nein, meine Schulter hat sich nie erholt und mein Herz auch nicht. Ich habe seither Herzrhythmusstörungen. Ich bekomme beim Sport, wenn ich eine gewisse Grenze überschreite, Herzflattern.

ZEIT ONLINE: Wie ist das als ehemaliger Eisenmann, als einer der Besten aller Zeiten in einer der härtesten Sportarten, plötzlich so verletztlich zu sein?

Scott: Das ist natürlich nicht leicht. Ich habe immer gedacht, dass ich irgendwie unbezwingbar bin. Dieses Gefühl ist nun weg. Ich trainiere immer noch jeden Tag. Ich verspüre auch immer noch die Lust, an meine Grenzen zu gehen, aber wann immer mich das überkommt, muss ich mich zügeln und mir eingestehen, dass das nicht mehr geht. Das ist nicht leicht. Ich habe ein wenig das Gefühl, dass mein Herz mich im Stich gelassen hat. Ich bin eigentlich immer noch derselbe Wettkämpfer, der ich immer war. Wenn ich ehrlich bin, habe ich damit ziemlich zu kämpfen. Es macht mich mitunter wütend. Ich kann nur schwer akzeptieren, dass ich nicht mehr der harte Hund bin, der ich mein ganzes Leben lang war.

ZEIT ONLINE: Der Ironman verlangt einem so viel ab, dass viele Athleten nach einer bestimmten Anzahl von Rennjahren auch psychisch ausgebrannt sind. Sie haben einfach nicht mehr die Kraft, so extrem an ihre Grenzen zu gehen. Sie haben diese Ermüdung nie verspürt?

Scott: Nein, im Gegenteil. Ich kann von diesem Gefühl, das man hat, wenn man sich völlig verausgabt, bis heute nicht genug kriegen. Es fehlt mir ungemein. Diese mentale Härte war sicher einer meiner größten Vorteile. Ich habe immer gewusst: Sobald ich auf der Strecke bin, kann ich über mich hinauswachsen. Da gab es nie einen Zweifel. Wenn mein Herz es mir erlauben würde, stünde ich am Samstag an der Startlinie und wäre kein anderer als vor 35 Jahren.

ZEIT ONLINE: Der Schmerz und die Qual des Rennens haben Ihnen nie Angst gemacht?

Scott: Sie reden von Schmerz und Qual. Ich verwende diese Begriffe nicht. Ich rede eher von verschiedenen Graden des Unwohlseins. Wenn man im Rennen an einen Punkt kommt, wo man sich wirklich quält, dann hat man ein Problem. Dann muss man vielleicht ein halbes Prozent zurückschalten und in den Bereich des Unwohlseins zurückkehren.

ZEIT ONLINE: Sie haben sich in all den Jahren in Hawaii nie gequält?

Scott: Nein, niemals. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe mich im Rennen sehr oft, sehr lange unwohl gefühlt. Aber ich hatte nie das Gefühl, dass ich das nicht aushalten kann.