Kann man sich vorstellen, dass Philipp Lahm eines Tages mit Björn Höcke posiert, beide Daumen nach oben gerichtet? Oder dass Timo Werner dem Rechtsradikalen ein Tor widmet und Leory Sané aus England sich meldet und sagt, er finde Höcke klasse? Oder dass, nur um einen zufällig gewählten Verein zu nehmen, der 1. FC Nürnberg mit Wahlslogans der AfD auf dem Shirt aufläuft?

Wohl nur schwer. In Brasilien, dem einstigen Land des schönen Spiels, des joga bonito, ist Ähnliches geschehen. Vergangenen Sonntag haben die Brasilianer mit 55 Prozent den rechtsextremen Jair Bolsonaro zu ihrem nächsten Präsidenten gewählt.

Rassistisch, homophob, sexistisch

Bolsonaro hat sich im Laufe seiner 30-jährigen Karriere als Abgeordneter homophob, rassistisch und sexistisch geäußert, außerdem die Militärdiktatur verherrlicht. Eigentlich aber reichen zwei Sätze aus den vergangenen Wochen, um zu zeigen, wie dieser Mann tickt: "Wir werden die petralhada an die Wand stellen!" Er meint die Mitglieder der linken Arbeiterpartei seines Konkurrenten Fernando Haddad. Und dann noch: "Die Säuberungen werden diesmal umfassend sein. [...] Diese roten Außenseiter werden aus unserem Vaterland verbannt."

In Deutschland hätte Bolsonaro wegen solcher Sätze wohl Dutzende Prozesse am Hals, in Brasilien streift man ihm am 1. Januar des kommenden Jahres die Präsidentenschärpe um. Die Mehrheit der Brasilianer hat ihn gewählt, weil sie sich einen radikalen Wandel wünscht: ein Ende von Korruption, Kriminalität, Wirtschaftskrise und ineffizienter Regierung. Außerdem soll Schluss sein mit der angeblich linken Indoktrination, etwa durch die "Genderideologie". All das assoziiert ein Großteil der Brasilianer mit der Arbeiterpartei, die Brasilien zwischen 2003 und 2016 regierte.

Was halten die Sportler von ihm?

Bolsonaro ist für den größeren Teil der Wähler der Retter des Vaterlands und viele Sportler des Landes sehen das genauso. Der ehemalige Fußballspieler Rivaldo, der einst bei Barcelona glänzte und 2002 mit Brasilien Weltmeister wurde, drückte es auf seinem Instagram-Profil so aus: "Mit deiner Stimme wählst du einen Präsidenten und keinen Vater. Er soll die Probleme unseres Landes lösen und uns keine Werte beibringen."

Rivaldo ist einer von fast zwei Dutzend brasilianischen Fußballprofis, Ex-Profis sowie anderen Athleten, die öffentlich für Bolsonaro geworben haben. Dem aggressiven und polarisierenden Wahlkampf konnte sich kaum jemand entziehen, Sportler inklusive. Dass er gerade unter ihnen so erfolgreich war (im Gegensatz zu Musikern und Schauspielern), lässt sich vielleicht damit erklären, dass er auf konfrontierende und nationalistische Parolen setzte, mit denen sich Sportler wohl eher identifizieren können als kosmopolitisch und solidarisch denkende Künstler. Neben vielen Fußballern warben auch zwei Volleyballnationalspieler, der NBA-Profi Lucas Bebe und einige MMA-Kämpfer für Bolsonaro, etwa Wanderlei Silva, ein Star der Szene.

Die kleine Bolsonaro-Welle begann vergangenes Jahr mit dem Nationalstürmer Felipe Melo, der bei Palmeiras São Paulo spielt. Vor den Wahlen ließ er sich mit Bolsonaro fotografieren, dann widmete er ihm ein Tor: "Für unseren nächsten Präsidenten." Es folgte Ronaldinho, der zwar nie wirklich erklärte, was er an Bolsonaro mag, sich aber vor den Wahlen mit einem Trikot ablichten ließ, das die Nummer 17 zeigte. Die 17 musste man in die Wahlmaschine tippen, um für Bolsonaro zu stimmen. In Brasilien reagierte man mit Schulterzucken auf Ronaldinhos Statement, er gilt hier als Hallodri, nicht als Vorbild. 

Selbst der Weltmeister-Kapitän ist dabei

Aber der FC Barcelona war verärgert. Ronaldinhos Ex-Verein veröffentlichte eine Erklärung: "Unsere demokratischen Werte stimmen nicht mit denen Bolsonaros überein." Das Statement war auch auf Rivaldo gemünzt, der wie Ronaldinho ein offizieller Repräsentant des Klubs im Ausland ist. Nun überlegt man bei Barca, sich von beiden zu trennen.  

Andere bekannte Spieler, die Bolsonaro unterstützten, waren der einstige Nationalstürmer Edmundo, wegen seiner vielen Tätlichkeiten auch "Tier" genannt; der Außenverteidiger Cafu, Kapitän des Weltmeisterteams von 2002; der Mittelfeldmann Carlos Alberto, der von 2007 bis 2010 für Werder Bremen spielte; und der Außenstürmer Lucas Moura von Tottenham Hotspur, der im August Spieler des Monats in der Premier League war. Hinzu kommen einige weniger bekannte Spieler.