Als Erstes kam der Kapitän. Manuel Neuer betrat die Mixed Zone, den wundersamen Ort der Begegnung zwischen Fußballern und Reportern, und erzählte, dass sich das Spiel gut angefühlt habe. Dann stand Oliver Bierhoff vor der Menschentraube und sagte lächelnd, das sei die nötige Reaktion auf die Holland-Niederlage gewesen, die viel Kritik nach sich gezogen hatte. "Der Trainer hat sich Gedanken gemacht." Der Manager sagte auch, "Esprit und Energie" seien zurückgekehrt. Die hätten zuletzt gefehlt. Toni Kroos sagte gar, das Spiel habe "Spaß gemacht".

Die Laune war gut im deutschen Lager. Wohl wie lange nicht mehr unter solchen Umständen, denn man muss wissen, dass Deutschland verloren hatte. Doch gegen den Weltmeister darf man verlieren. Nach der bitteren Niederlage in Amsterdam war das knappe 1:2 gegen Frankreich mindestens ein, zwei Schrittchen nach vorne. Auch weil Joachim Löw neue junge Stürmer brachte – damit kam prompt neuer Schwung ins deutsche Spiel. Dass Frankreich trotzdem gewann, machte angesichts des Mut machenden Auftritts nichts, fast nichts.

Die erste Halbzeit war noch gut ...

Die gute Stimmung entsprang der Leistung in der ersten Halbzeit und die war auch auf Leroy Sané und Serge Gnabry zurückzuführen, die Löw neben Timo Werner stürmen ließ. Das überraschte die deutschen Zuschauerinnen und Zuschauer sowie, offenbar, die französische Mannschaft. Die deutsche Offensive nutzte die vielen Räume, die ihnen die Franzosen in der ersten Halbzeit etwas sorglos überließen. Ihr Zusammenspiel verlief zwar ungenau und Sané traf einige falsche Entscheidungen, aber vor allem Sané und Gnabry waren schwer in den Griff zu kriegen.

Auch der Plan mit Toni Kroos und Joshua Kimmich im zentralen Mittelfeld ging auf. Der Weltmeister ist nämlich keineswegs eine perfekte Mannschaft und das deutsche Trainerteam hatte dessen Schwächen ausgemacht: Im Spiel gegen den Ball offenbart Frankreich noch immer manche Lücke, etwa im Sturm und offensiven zentralen Mittelfeld, das recht leicht zu umspielen ist. Es sind nicht mehr so viele Lücken wie 2016, als ihnen diese Schwäche den EM-Titel zu Hause kostete. Aber noch immer genug.

Und wenn Kimmich keinen Gegenspieler hat, kann er seine Stärke entfalten, nämlich das genaue Passspiel. So kam es. Mit dem wiedererstarkten Kroos lenkte er das deutsche Spiel um die französischen Ballstehler im defensiven Zentrum, N'Golo Kanté und Paul Pogba, herum. Vor allem auf der rechten Abwehrseite erwies sich der Stuttgarter Benjamin Pavard wie üblich als umgehbar.

Klug auch, dass die deutsche Elf Vorsicht walten ließ. Eine extreme, aber keine untypische Szene: Mitte der ersten Halbzeit verteidigten sieben im weißen Trikot zwei Angreifer im blauen. Überhaupt stellten oft mehrere Deutsche einen ballführenden Franzosen. Selten, dass Kylian Mbappé Mats Hummels um die Beine wuseln konnte wie zu Beginn des Spiels. Auch beim Angreifen hatte Risikominimierung erste Priorität. Bloß keine Konter zulassen, das kann Frankreich bekanntlich am besten. Zur Pause führten die Deutschen durch einen strengen, aber korrekten Handelfmeter verdient 1:0.

In der zweiten Hälfte legte Frankreich nach

In der zweiten Halbzeit konnten sie jedoch das Niveau nicht halten, das Spiel verlief ganz anders. Auch weil die Franzosen wieder WM-Form erreichten, nachdem sie zuvor vielleicht ein wenig genervt vom deutschen Ballbesitz waren. Ihren Angriffen fehlte zwar weiterhin Struktur, aber die Einzelkönner drehten auf. Wenn Mbappé das Tor sah oder witterte, war es um ihn geschehen.

Den Ausgleich erzielte dann der beste Spieler auf dem Platz. Beim vorausgehenden Spielzug brauchte Paul Pogba eigentlich ein bisschen zu lange, um den Ball weiterzuleiten, zudem hatte sein Pass nicht die perfekte Länge. Doch der linke Verteidiger Lucas Hernández schoss eine Flanke auf den Kopf von Antoine Griezmann. Es war keine hundertprozentige Torchance, vielleicht nicht mal eine fünfzigprozentige, denn der Ball war noch nicht lange in der Luft, als er ihn traf, zudem war der Winkel eher spitz. Aber er nutzte sie mit einem strammen Kopfball.

Griezmann war nicht zum ersten Mal Vollstrecker und Verteiler in einem. Mit seinem Gleichgewichtssinn, seinen koordinativen Fähigkeiten und seiner Präzision bei seinen Abschlüssen und Schüssen erinnert er an Legolas, den Elfen aus dem Herrn der Ringe, der ebenfalls zu schweben scheint und mit zwei Pfeilen, auf zwei rollenden Bierfässern stehend, drei Olifanten gleichzeitig erledigt.


Foulelfmeter entschied das Spiel

Die Stimmung im Stade de France stieg, die französischen Fans feierten ihre Weltmeister jetzt besonders. Die Deutschen konnten nicht mehr mitspielen, jetzt ging ihr Zweimannmittelfeld unter. Ein Foulelfmeter entschied dann das Duell Weltmeister gegen vorigen Weltmeister. Mats Hummels grätschte, traf aber nicht den Ball, sondern gar nichts. Blaise Matuidi landete auf dem Bein des Abwehrspielers, konnte daher nicht weiterlaufen. Der folgende Strafstoß war zwar streng, aber berechtigt. Wieder trat Griezmann an und es folgte der Siegtreffer der Mannschaft, die ein bisschen besser war und zeigte, dass sie über einen besonderen Jahrgang verfügt.

Das Ergebnis war gerecht, denn es war eine eher mäßige zweite Halbzeit aus deutscher Sicht. Wieder schoss die Elf kein Tor aus dem Spiel. Eine Kontertaktik, wie diesmal, wird nicht gegen jedes Team geeignet sein, ebenso das 5-2-3-System. Außerdem verlor Deutschland wieder, zum sechsten Mal in diesem Jahr – so oft wie noch nie. Für Leute, die gewohnt sind zu gewinnen, fühle sich das nicht gut an, sagte Kroos. "Also mich."

Löw wird bald jemand die Frage stellen, warum er nicht vorher auf die Idee mit den jungen Spielern kam. An guten Ratschlägen von Externen kann es nicht gescheitert sein. Und warum er Sané nicht nach Russland mitnahm. Andererseits kann die deutsche Nationalmannschaft aus dieser Niederlage Mut schöpfen. Denn es war das beste deutsche Spiel seit Langem.