Von Miller tanzt. Der 1,91 Meter große und 113 Kilo schwere Footballer hat die Arme nach oben gestreckt, ist leicht in der Hocke. Die Knie bewegt Von Miller schnell nach innen und außen. Der NFL-Profi bejubelt aber keinen Touchdown, sondern dass er den gegnerischen Quarterback zu Boden gebracht hat, bevor dieser Werfen konnte – ein sogenannter Sack. Von Miller ist ein Verteidiger der Denver Broncos, er gehört zu den Besten der Liga.

Der 29-Jährige spielt auf der Position des Linebackers, zu seinen Aufgaben gehört der Pass Rush. Das heißt: Von Miller wird dafür bezahlt, den gegnerischen Quarterback am Pass zu hindern und zu tackeln, Sacks zu machen. Er und seine Kollegen haben in dieser neuen Saison allerdings ein Problem, das sie viel weniger jubeln lässt: Eine Regeländerung macht es schwieriger, den Quarterback anzugreifen. Die Verteidiger kassieren zuletzt mehr Strafen. Und das sorgt für mächtig Diskussionen bei Spielern, Trainern und Fans.

"Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll"

Es geht dabei um roughing the passer. Diese Regel gibt es bereits seit 1938 und dient dem Schutz des Quarterbacks, dem wichtigsten Spieler auf dem Feld. Im vergangenen Jahr hieß es noch im Regelwerk: "Wenn ein Passwerfer während oder kurz nach dem Pass angegriffen wird, ist es dem Verteidiger verboten, ihn unnötigerweise und brutal auf den Boden zu bringen und dabei mit dem gesamten oder dem Großteil des Gewichts auf ihm zu landen." Vor der Saison hat die NFL die Regel verschärft, und zwar durch ein einziges Wort im letzten Satzteil. Aus dem "und" ist ein "oder" geworden.

Ein einziges Wort hat gereicht, um eine der größten Sportligen der Welt auf den Kopf zu stellen: Es ist jetzt schon strafbar, wenn der Verteidiger mit dem Großteil seines Körpers auf dem Quarterback landet. Das passiert Pass-Rushern häufig, schließlich wollen sie den Spielmacher so schnell wie möglich zu Boden bringen.

34 Mal haben die Schiedsrichter allein in den ersten drei Wochen der NFL-Saison ein Foul wegen roughing the passer gepfiffen. In der Vorsaison waren es 16 Fouls dieser Art, für die es jeweils 15 Yards Strafe gibt. Gleich dreimal wurde Clay Matthews bestraft, der Linebacker der Green Bay Packers. Sein Tackle gegen den Vikings-Quarterback Kirk Cousins zum Beispiel war für viele ein klassischer Sack. Matthews stützt sich sogar noch extra mit den Armen ab, um nicht voll auf Cousins zu landen. "Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll. Ich weiß es wirklich nicht", sagt Matthews.

"Das war ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie ein Quarterback zu tackeln ist", sagt der Ex-NFL-Trainer Jeff Fisher laut Sports Illustrated. Die Diskussion wird noch schärfer, als sich William Hayes verletzt. Der 33-Jährige spielt bei den Miami Dolphins als Defensive End und ist somit ebenfalls für den Pass Rush zuständig. Im Spiel gegen die Oakland Raiders wirft sich der Verteidiger auf den Quarterback Derek Carr. Weil Hayes keine Strafe kassieren will, versucht er, von Carr herunterzurollen – und reißt sich dabei das Kreuzband. Hayes kann in dieser Saison nicht mehr auflaufen.

"Wir dürfen den Quarterback nicht mehr anfassen", kritisiert der Seahawks-Linebacker Bobby Wagner. J.J. Watt, der Defensive End der Houston Texans, ergänzt: "Die Pfiffe wegen roughing the passer sind absolut außer Kontrolle." Das sehen aber nicht alle so, darunter zum Beispiel Fletcher Cox. "Ich habe meine Art und Weise, den Quarterback anzugehen, verändert", sagt der Verteidiger vom amtierenden Super-Bowl-Sieger Philadelphia Eagles. Der Broncos-Linebacker Von Miller wird konkreter: "Ich gehe einfach jedes Mal auf den Ball, versuche ihn wegzuschlagen oder ihn aus den Armen des Quarterbacks zu reißen." Im Idealfall erobern die Verteidiger so sogar den Ball.