Die Augen von Justin Tucker waren weit aufgerissen. Ungläubig starrte er dem Football in den Nachthimmel von Baltimore hinterher, es war für ihn ja eigentlich ein Kick für den Extrapunkt von vielen: Zweihundertzweiundzwanzig hatte Tucker am Stück nach einem Touchdown verwandelt. Doch der zweihundertdreiundzwanzigste Kick, der ging daneben. Tucker selbst schien es kaum glauben zu wollen, als der Ball an den aufrechten, neongelben Stangen vorbeiflog.

Dieser eine kleine Fehler brachte seinem Team, den Baltimore Ravens, am vergangenen Sonntag eine Niederlage ein. "Das hat uns das Spiel gekostet", meinte Tucker nach der Partie. Er selbst wisse nicht genau, was schiefgelaufen sei, der Schuss habe sich gut angefühlt.

Die Kicker haben den einsamsten Job in der amerikanischen Footballliga. Sie kommen nur dann aufs Feld, wenn das Spielgerät über weite Distanzen geschossen werden muss. Dann aber müssen sie liefern. Und das ist gerade das Problem. Die NFL erlebt eine Kickerkrise.

Zwei Entlassungen schon

Da ist zum Beispiel Mason Crosby von den Green Bay Packers, der bestbezahlte Kicker der Liga. Der bolzte vor zwei Wochen gleich vier Field Goals und einen Extrapunkt vorbei. Die 13 fehlenden Punkte kosteten den Green Bay Packers den Sieg.

Zwei Kicker wurden schon in der zweiten Woche entlassen, weil sie sich Fehlschüsse leisteten. In der vierten Woche gingen insgesamt 18 Field Goals daneben – der zweithöchste Wert der NFL-Geschichte, insgesamt waren es in der noch recht jungen Saison schon 94 Fehlschüsse. Woran liegt das?  

Die Extrapunkte nach einem Touchdown sind für die Kicker eigentlich ein Kinderspiel. Sie werden standardisiert von der 25-Yard-Linie geschossen. Crosby hat 522 von 533 verwandelt, Tucker bis zum Sonntag alle 222. Dann gibt es noch die Field Goals: Wenn ein Team es nicht zum Touchdown geschafft hat, bleibt immer noch der Kick von der letzten erreichten Markierung. Ein Treffer aus einer Distanz von bis zu 70 Yards ist möglich, zumindest hat das Tucker im Training schon mal geschafft.

Die Coaches haben keine Geduld

Der Packers-Quarterback Aaron Rodgers sagte nach der verlorenen Partie über seinen Kicker Crosby: "Er ist ein großer Mann und sicherlich einer der besten Kicker aller Zeiten." Crosby wurde von seinen Teamkollegen gestützt und verhalf den Packers eine Woche später per verwandeltem Field Goal zum Sieg. Berufskollegen von ihm ging es da deutlich schlechter.  

Daniel Carlson zum Beispiel. Frisch vom College in die NFL gewechselt, war nach zwei Spielen schon wieder Schluss. Für die Minnesota Vikings verschoss er ein entscheidendes Field Goal in der Overtime, sodass sein Team nur unentschieden spielte. Zuvor hatte er schon zweimal das Ziel verfehlt. Es war seine erste schlechte Partie in der NFL. Und seine letzte. 

"Sehr einfach" sei die Entscheidung gewesen, ihn zu entlassen, sagte Head Coach Mike Zimmer und grinste dabei diabolisch. "Haben Sie das Spiel gesehen?", lieferte er als Begründung. Mehr Worte war ihm Carlson offenbar nicht wert.

Dabei spielen auch die die Coaches eine Rolle bei den derzeit schwachen Kickerleistungen. Denn physikalisch und physisch sind die Field Goals meist keine große Sache. Der Druck, der einzig und allein auf dem Kicker liegt, ist dagegen enorm. Erst recht, wenn er Angst haben muss, nach einem Fehler entlassen zu werden.