Viele Fans fahren gerne nach Dortmund. Die Stadt ist verrückt nach Fußball, der BVB ist immer für ein aufregendes Spiel gut und das Stadion ist eines der stimmungsvollsten im Lande. Der Gästeblock ist so nah an den Spielfeldrand gebaut, dass auswärtige Fans gute Sicht haben und, auch das ist für die mitunter recht eitlen Ultras nicht unwichtig, gut gesehen werden. Wenn sie also Pyrotechnik abbrennen, dann kommt das in Dortmund besonders TV-kompatibel rüber.

So auch beim Auftritt der Fans von Hertha BSC am Samstag, die sich anlässlich des 15-jährigen Geburtstags ihrer Gruppe Hauptstadtmafia nicht lumpen ließen: Blauer Rauch stieg aus dem Gästeblock auf, dazu brannten mehrere bengalische Feuer hinter einem eigens zum Ehrentag angefertigten Banner. Die Ultras feierten sich selbst. Bis die Polizei kam.

An jedem Wochenende wird in deutschen Fanblocks Pyrotechnik gezündet. Offiziell ist das verboten, die Vereine müssen regelmäßig Strafen zahlen. Weil aber auch die strengsten Einlasskontrollen und geschultesten Ordner nicht verhindern können, dass immer wieder Rauchtöpfe oder Seenotfackeln ins Stadion geschmuggelt werden, wird das Abbrennen in der Praxis mehr oder weniger geduldet. So war es zumindest bis zum Wochenende, ehe die Dortmunder Polizei einen Einsatz begann, wie es ihn in einem Bundesligastadion lange nicht gab. Wie es ihn vielleicht aber bald öfter geben könnte.

Dutzende Beamte drängten in den Block. Sie versuchten, das Banner der Ultragruppe zu beschlagnahmen, hinter der die Pyrotechnik gezündet wurde. Fans, die zündeln, tun das meist vermummt und hinter einer großen Fahne, um nicht von der Polizei und ihren hochauflösenden Kameras identifiziert zu werden. Die Herthafans aber wollten ihre Fahne nicht hergeben und schlugen auf die Beamten mit Plastikstöcken ein. Mindestens ein Bengalo flog auf die Polizisten. Fünf Beamte und 45 Fans seien verletzt worden, hieß es, die meisten durch das Pfefferspray der Polizisten.

Danach war die Aufregung groß. "Das Stadion ist kein rechtsfreier Raum", sagte Dortmunds Polizeipräsident Gregor Lange, obwohl das auch nie jemand behauptet hatte. Herthas Manager Michael Preetz sprach gar von einer "Katastrophe". In den Boulevardmedien war von der "Hertha-Schande" zu lesen, anderswo hieß es gar: "Was kommt als nächstes? Selbstjustiz, Blutrache, die Fan-Scharia im Block?"

Die Debatte um Ultras und Gewalt wird stets sehr emotional geführt. Für die einen sind die fanatischsten unter den Fußballfans die Bewahrer einer Fankultur, die hier und dort zwar etwas archaisch erscheint, aber wenigstens dafür sorgt, dass der Stadionbesuch nicht so durchkommerzialisiert und klinisch sauber daherkommt. Schließlich sei man hier immer noch beim Fußball und nicht bei einem Konzert von Helene Fischer. Für die anderen sind Ultras gemeingefährliche Verbrecher, die es tunlichst aus dem Verkehr zu ziehen gilt. So oder so ähnlich denken die meisten.

Politiker und viele Medien nutzen dieses Bild aus, um Stimmung zu machen. Sie wissen, dass Härte gegen Fußballfans ein Thema ist, mit dem man sich gut profilieren kann. Die Sympathien sind recht eindeutig verteilt. Bei den stets recht populistisch vorgetragenen Forderungen gegen die vermeintlichen Chaoten nicken viele Menschen mit dem Kopf. Erst recht, wenn man Bilder wie die aus Dortmund sieht, in dem ein aufgebrachter Mob mit Fahnenstangen auf Polizisten einprügelt. Ob man mit den Stangen, die nur aus Plastik sind, wirklich einen Polizisten in Schutzkleidung verletzen kann oder ob der Einsatz der Polizei, der diese Reaktionen erst verursachte, verhältnismäßig war oder was überhaupt das Problem mit Pyrotechnik sein soll – diese Fragen werden eher selten gestellt.

"Der Einsatzleiter, der die kuriose Idee hatte, in den Block zu marschieren, hat einen groben, handwerklichen Fehler gemacht", sagt Thomas Feltes, Kriminologe von der Ruhr-Universität Bochum. "Es war unnötig und unverhältnismäßig, weil die Gefahr, die unzweifelhaft durch Pyrotechnik entstehen kann, nicht gegeben war. Man hätte das in Ruhe abbrennen lassen können und dann wäre gut gewesen." Das Abbrennen von Pyrotechnik allein rechtfertige einen solchen Einsatz nicht, meint Feltes. Er habe nichts gebracht außer Provokation und Eskalation.

Die Polizei dagegen erklärte, der Rauch hätte bei zehn Besuchern zu Verletzungen geführt. Sie fürchtete, dass weiter Pyrotechnik abgebrannt würde und erklärte, das Banner der Ultras hätte am Boden gelegen, es sei für die Beamten also greifbar gewesen.  "Wenn wir Chancen sehen, nutzen wir sie", sagte am Montag Dortmunds Polizeipräsident Gregor Lange auf einer Pressekonferenz und klang dabei wie ein Bundesligastürmer.

In der Debatte wird fleißig das Bild des anarchischen Fußballultras befeuert, der sich im Stadion nicht an Recht und Gesetz halten will. Aber stimmt das denn? Laut Thomas Feltes müsse man schon genau hinschauen. "Wenn Sachbeschädigungen erfolgen, muss eingegriffen werden, da gibt es gar kein Vertun", sagt er. In der Halbzeitpause des Spiels zum Beispiel, hatten Hertha-Fans Toiletten zerstört und mit ihnen nach Polizisten geworfen. Das kann die Polizei natürlich nicht einfach hinnehmen, auch wenn man in diesem Fall davon ausgehen kann, dass es zu dieser Eskalation ohne den vorherigen Polizeieinsatz im Block gar nicht erst gekommen wäre.

Der Auslöser war also nur die Pyrotechnik. Die Berliner Fans haben im Grunde nichts gemacht außer Feuerwerk zu zünden. Das ist jedoch lediglich eine Ordnungswidrigkeit, keine Straftat. Einen Schwarzfahrer holt auch nicht das SEK aus der U-Bahn, wird nun nach dem Einsatz der Dortmunder Polizei argumentiert.

"Pyrotechnik gehört schon sehr lange zur Ultrakultur", sagt Jonas Gabler, ein Fanforscher von der Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit (KoFas). Die Fans schauten sich das aus Italien ab. In den Neunzigerjahren gab es immer wieder Bilder mit Bengalos aus Offenbach oder Kaiserslautern, die damals noch als stimmungsvoll galten. Zum Problem wurde Pyrotechnik erst, als immer mehr Ultras fackeln wollten, als sich die Sicherheitskonzepte in den Stadien verschärft hatten und spätestens, als es die ersten sehr hässlichen Szenen mit Pyrotechnik gab: Raketen, die in gegnerische Blöcke oder auf Polizisten geschossen wurden.