1972 empfängt der SV Werder Bremen den FC Schalke 04. In einer Zeit, in der noch Liberos die Defensive zusammenhalten und zerstörerische Verteidiger Angst und Schrecken verbreiten. Werders Abwehr wird von Horst-Dieter Höttges angeführt, der unter dem Decknamen "Eisenfuß" keinen Konflikt scheut. Beim Gegner aus Gelsenkirchen kommt es im Vorfeld des Aufeinandertreffens zu einem Disput. Schalkes Ballkünstler Reinhard "Stan" Libuda zeigt Trainer Ivica Horvat den Vogel: "Nee, Trainer, da brauch‘ ich gar nicht erst mitfahren! Da geht es gegen den Höttges. Da seh‘ ich den Ball genau zwei Mal. Beim Anstoß und wenn die das Tor geschossen haben." Ende der Debatte. Libuda bleibt zu Hause. Werder Bremen gewinnt das Spiel mit 2:0.

Auswärtspartien waren nie Libudas liebste Disziplin. Sein ehemaliger Mitspieler Rudi Assauer sagte einmal, er habe noch nie bei einem Fußballer einen so krassen Unterschied zwischen Heim- und Auswärtsspielen gesehen: "Er brauchte sein Zuhause, sein Umfeld, seine Glückauf-Kampfbahn und das Parkstadion, da hat er sich wohl gefühlt." Stan, das Heimwehkind? In jedem Fall schwankten seine Leistungen zu sehr, als dass der mit Talent übersäte Junge aus der Gelsenkirchener Zechensiedlung Hawerkamp das Format eines Weltstars hätte erreichen können. Dabei war er Weltklasse.

Libuda, der Sohn eines Bergmanns, wollte nur spielen. Libuda, das rasende, zartbesaitete Genie, der Schalker Junge, der in über 300 Pflichtspielen kaum zu halten war. Und der ausgerechnet für den BVB im Europapokal-Endspiel 1966 gegen Liverpool per Bogenlampe aus 30 Metern das schönste Tor seines Lebens schoss.

Für Libuda war Fußball ein Spiel, das um seiner selbst willen existierte. Kreativität, Eigensinn, Ungehorsam, Arroganz, das Bewegen um und über Hindernisse: Libudas schneller und zugleich sanfter Umgang mit dem Ball verliehen seinem Spiel etwas Kindliches und Leichtes. Seine Virtuosität konnte nichts anfangen mit der eruptiven Gewalt technisch limitierter Eisenfüße. Alfred "Aki" Schmidt, Libudas Mitspieler während der gemeinsamen Zeit bei Borussia Dortmund, schilderte einmal: "Manchmal standen wir in der Mitte und kriegten einfach den Ball nicht, weil Stan auf dem Flügel seinen Zirkus machte. Da konnte es schon mal vorkommen, dass er wartete, bis seine Gegenspieler wieder aufgestanden waren, damit er sie gleich noch mal ausspielen konnte." Zirkus also. Sind Libudas Finten je schöner und treffender umschrieben worden?

Der Spitzname Stan haftete nicht ohne Grund an ihm. Sir Stanley Matthews, Libudas englisches Pendant auf Rechtsaußen, hatte Jahre zuvor jenen Trick kreiert, den Libuda inzwischen schlafwandelnd im Taubenschlag seines Elternhauses ausführen konnte: links antäuschen, rechts vorbeigehen, volles Tempo. Während der WM 1970 in Mexiko, bei der Libuda aufgrund seiner Dribblings zum Publikumsliebling avancierte, sagte Bulgariens Trainer Stefan Boschkow nach dem 2:5 gegen Deutschland und einem Libuda in Galaform: "Diesen Mann kann man nur mit einer Flinte erlegen."

Geschichten gibt es viele

Als die Kirche auf einem Litfaßsäulenplakat mit dem Slogan "Niemand kommt an Gott vorbei" beinahe drohend zum Gottesdienst lud, kritzelte jemand "außer Stan Libuda!" darunter. So sprach Schalkes Stürmer-Legende Klaus Fischer im Endeffekt nur das aus, was viele seiner Generation dachten: "Stan war der beste Rechtsaußen, den ich je gesehen habe." 

Geschichten und Anekdoten über Stan Libuda gibt es viele, im Sportlichen wie im Privaten. Bei kaum einem anderen Fußballer weiß man jedoch, welche davon falsch oder richtig sind, welche ausgeschmückt oder verharmlost wurden. Die vorübergehende Arbeitslosigkeit nach seiner Karriere, die Trennung von Ehefrau Gisela, der Bundesliga-Skandal 1971 als Schalker Kapitän, Kehlkopfkrebs, die Gerüchte über Alkoholprobleme und Abschottung: Wie es Libuda bei all dem wirklich erging, wusste kaum jemand.

Das Bild eines traurigen, einsamen Mannes

Libuda war keine Rampensau wie die politisierten Stilikonen Günter Netzer oder Paul Breitner, die an Mikrofonen und Kameras festklebten und sich die Medien zunutze machten. Libuda nahm selten in der Öffentlichkeit Stellung, schon gar nicht posierte er als Marke. "Ich weiß, dass ich ein guter Fußballer war, aber ich habe deshalb nie abgehoben, und Schulterklopfer waren mir ständig zuwider", sagte er einmal. 

Als er 1969 ins aktuelle Sportstudio eingeladen wird und der Moderator Dieter Kürten seine eigene Lockerheit mithilfe eines Skatspiels auf Libuda zu übertragen versucht, strahlt Libuda fast so etwas wie Angst aus. Seine Antworten klingen verkrampft und sind kaum verständlich. Ein Eigenbrötler und Sonderling muss er sein, klarer Fall. Schließlich hatten ihn schon Mitspieler als "verschlossen" und "unzugänglich" beschrieben. Ein komischer Kauz eben, der "lieber gern irgendwo anders wäre".

Ferngespräch in der Telefonzelle

Wer Libuda nicht persönlich kannte, lernte ihn also bequem vom Hörensagen oder Nachreden kennen. Als nach Libudas Tod 1996 eine Biografie über das Leben der berühmten Nummer sieben erschien, kritisiert Libudas Sohn Matthias die Publikation: als ein Buch voller kleiner Fehler, Irrtümer und falscher Urteile. Nach der Karriere hätte Libuda am Boden gelegen, so heißt es dort. Es zeichnet das Bild eines traurigen, einsamen Mannes. Die Wirklichkeit aber kennen nur wenige, sein Sohn gehört sicher dazu. Mit ihm schaut er am 25. August 1996 gemeinsam einen Boxkampf im Fernsehen. Plötzlich Brustschmerzen, Atemnot, Schlaganfall. Stan Libuda stirbt in der Wohnung seines Sohnes im Alter von 52 Jahren.  

Die Frage, wer Libuda wirklich war, wurde längst viel zu oft gestellt und beantwortet. Dass man sich dem Mythos Libuda aber durchaus künstlerisch nähern kann, zeigte im August das WDR-Radio-Feature Zittern um Schalke. Das Szenario: irgendwann nach Libudas Karriere. In irgendeiner Kneipe. An der Theke das übliche Gehabe. Ein Proll mit eingegipstem Fuß bestellt eine Runde. "Ich kenne alle. Den Siebert, den Wuttke, den Bruns und den Burdenski, alle! Der Willi Koslowski ruft mich heute noch jede Woche an. Und mit dem Stan Libuda habe ich in der A-Jugend gespielt", posaunt er. Ein anderer stichelt spöttisch: "Und warum bist du nichts geworden? Alle sind bei Schalke was geworden, nur du nicht." Die Stimme des Prolls erhebt sich. Er sei wenigstens gesund, der Libuda aber sei ein Penner. Ja, ein Penner! Erst letzte Woche habe er ihn gesehen. "Na und?", fragt der andere. "Der umspielt dich in der Telefonzelle und ruft dabei noch an – Ferngespräch! Der hat was gehabt vom Leben. Ist doch egal, was der Stan jetzt ist. Er war einer – ein ganz Großer! Das kann ihm keiner nehmen."