Die Frau konnte vor Freude die Worte kaum sprechen. Erst ein paar Jahre zuvor sei dieser kleine Verein noch in der zweiten Liga gewesen, sagte sie dem BBC-Journalisten. Und wo sei Leicester City jetzt? "Top of the Prem."

Top of the Prem. An der Premier-League-Spitze also. Es war im märchenhaften Frühling 2016 und Leicester City war gerade nach einem Unentschieden zwischen Tottenham und Chelsea Meister geworden. Die Frau war mit Hunderten anderen Fans spontan auf die Straßen Leicesters gegangen, um vor dem King Power Stadium das Fußballwunder des Jahrtausends zu feiern.

In dieser Woche waren die Straßen vor dem King Power Stadium wieder voll, aber diesmal aus ganz anderem Grund. Am Wochenende wurden die Stadt und der Verein durch einen tragischen Unfall in die Trauer gestürzt. Eine Stunde nach dem Unentschieden gegen West Ham hob der Hubschrauber des Clubbesitzers Vichai Srivaddhanaprabha wie gewohnt vom Spielfeld ab. Nach wenigen Augenblicken geriet die Maschine außer Kontrolle und stürzte in der Nähe des Stadions ab. Fünf Menschen kamen ums Leben, unter ihnen Srivaddhanaprabha selbst.

Zusammen mit den Spielern trauerten die Fans diese Woche dem thailändischen Milliardär nach, legten am Unfallort Blumen ab und schrieben in das Kondolenzbuch am Fanshop. Die Tragödie erschüttert alle um Leicester City zutiefst, denn Vichai Srivaddhanaprabha war kein gewöhnlicher Clubbesitzer.

"Für mich bist du eine Legende, ein außergewöhnlicher Mann mit dem größten Herz. Die Seele von Leicester City", schrieb der Leicester-Stürmer Jamie Vardy, der 2012 als unbekanntes Schnäppchen vom fünftklassigen Fleetwood Town kam und vier Jahre später Nationalspieler wurde. Der frühere Leicester-Spieler Riyad Mahrez widmete ihm am Montag sein Tor für Manchester City. Srivaddhanaprabha sei wie ein Vater für ihn gewesen.

Anders als viele Investoren in der Premier League und trotz großer Ambitionen schaffte es Srivaddhanaprabha, sich nie von den Fans zu entfremden. Stattdessen wurde er zum Volkshelden, vor allem wegen seiner Großzügigkeit. Die Spieler belohnte er nach der Meisterschaft mit Luxusautos, für die Fans gab es Dauerkarten als Geschenk, Freibier und die Kostenübernahme für Auswärtsreisen. Auch die Gemeinschaft profitierte: Zwei Millionen Pfund hat er an ein Krankenhaus gespendet.

Auch der moderne Fußball schreibt Märchen

Sein größtes Geschenk an Leicester war aber das Märchen von 2016. Als er den Verein 2010 übernahm, waren die Foxes in der zweiten Liga. Ohne sein Geld wären sie womöglich nicht einmal aufgestiegen. Mit seinem Geld war der Aufstieg nur der Anfang.

"Er machte das Unmögliche möglich," sagte der Clubbotschafter Alan Birchenall diese Woche. "Er hat uns träumen lassen, und als wir aufwachten, war es alles wahr. Wir waren Meister." Diese Meisterschaft wäre ohne Srivaddhanaprabhas Geld zwar unmöglich gewesen, aber man sollte nicht vergessen, dass es auch mit seinem Geld eigentlich unmöglich war.

Das Leicester-Märchen verzückte die Welt nicht, weil es ein Sieg über den modernen Fußball war, sondern weil es zeigte, dass auch der moderne Fußball Märchen schreibt. Es war der Beweis, dass sich dieses chaotische Fußballspiel vor der kalten Logik der Finanzen nie komplett beugen wird. Geld schießt zwar Tore, aber der Eine-Million-Pfund-Mann Jamie Vardy eben auch.