In der Nacht zum Sonntag beginnt in Japan die zweite Runde der Volleyball-WM der Frauen. Das deutsche Team bekommt es dort mit Brasilien und Serbien zu tun, Gegner, die die junge Mannschaft um den Bundestrainer Felix Koslowski (34) herausfordern. Der gebürtige Schweriner kennt sein Team ziemlich gut – manchmal sogar zu gut, wie er findet. Man sieht sich nämlich ziemlich häufig, schließlich coacht Koslowski seit fünf Jahren auch den Serienmeister SSC Palmberg Schwerin, der Heimverein vieler Nationalspielerinnen. 2015 wurde er auch als Bundestrainer engagiert. Während seiner ersten WM als Cheftrainer zeigt er sich erfreut über den Gastgeber – und irritiert von der neuen alten Ost-West-Debatte.

ZEIT ONLINE: Herr Koslowski, Japan scheint Sie zu begeistern.

Felix Koslowski: Es ist unglaublich, welche Wertschätzung unseren und all den anderen Spielerinnen für ihre Leistung hier entgegengebracht wird. Das ist etwas ganz, ganz Tolles. Wir haben wirklich Glück, mit Japan in einer Gruppe zu sein und diese Atmosphäre hier miterleben zu dürfen. Das ist auch für unsere Athleten etwas Einmaliges.

ZEIT ONLINE: Nun verteilen die Japanerinnen aber nicht nur Gastgeschenke. Hat die berühmte japanische Abwehrarbeit Sie bei Ihrer Niederlage in der ersten Runde mürbe gemacht?

Koslowski: Die Japanerinnen sind in der Verteidigung immer gut. Ihr Aufschlag hat uns aber mehr Schwierigkeiten bereitet, zum Beispiel am Ende des entscheidenden dritten Satzes: zwei sehr starke Angaben, die wir nicht ans Netz bekommen. Auch in der Verteidigung hatten wir manchmal Probleme.

ZEIT ONLINE: Trotzdem wirken Sie ziemlich zufrieden.

Koslowski: Wir haben insgesamt sehr gut gespielt, sonst wären wir gar nicht dazu gekommen, die Japanerinnen in Bedrängnis zu bringen.

ZEIT ONLINE: Sie waren zweimal sehr dicht am Satzgewinn. Gegen Argentinien haben Sie in einer ähnlichen Situation doch noch gewonnen.

Koslowski: Nun, erst mal hat Japan eine andere Qualität als Argentinien. Und dann fehlt uns noch ein bisschen die Erfahrung und die Kaltschnäuzigkeit, den Sack in solchen Momenten zuzumachen. Aber von den 14 Athletinnen haben wir neun Debütantinnen im Kader.

ZEIT ONLINE: Auch bei der Niederlage gegen die Niederlande waren Sie dicht dran. Ärgert Sie das?

Koslowski: Unsere Nationalmannschaft spielt derzeit den besten Volleyball, seit wir zusammengekommen sind. Deswegen bin ich über die Ergebnisse gegen Japan und Holland sehr traurig, denn sie stimmen leider gar nicht mit der sehr guten Performance unseres Teams überein.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das für die Stimmung im Kader?

Koslowski: Die ist nach wie vor super. Wir sind voll motiviert, und ich hoffe, das sieht man auch. Die Spielerinnen verbringen auch außerhalb des Trainings viel Zeit zusammen, kümmern sich umeinander. Ja, sie sind manchmal vielleicht sogar etwas zu lieb – ein Stück weit die Ellbogen ausfahren kann für die Zukunft nicht schaden.

ZEIT ONLINE: Das wird gegen Brasilien vielleicht auch nötig sein. Das Spiel ist für Sie ein Do-or-die-Match. Eine Niederlage, und Deutschland ist so gut wie draußen.

Koslowski: Die Brasilianerinnen haben den Druck auf ihrer Seite. Sie sind häufig knapp an Gold gescheitert. Unser Ziel ist hingegen eine Top-Ten-Platzierung. Die oberen Ränge – und vielleicht Medaillen – sind dank der Jugend unseres Kaders für die kommenden Turniere anvisiert. Vielleicht werden die Brasilianerinnen also nervös, wenn wir uns den Arsch aufreißen und einheitlich auftreten. Das ist dann unsere Chance.

ZEIT ONLINE: Die Einheit Ihres Teams wird viel beschworen. Tatsächlich kennen sich viele Spielerinnen aus Ihrem Club Schwerin. Acht schlugen oder schlagen für den Serienmeister auf. Ist Schweriner Spirit in der Mannschaft?

Koslowski: (lacht) Ich würde das Statement eher umdrehen. Viele Nationalspielerinnen kommen nach Schwerin, denn das ist einfach eine Topadresse im Volleyball, das muss man ganz klar sagen. Doch wir haben auch einige dabei, die erst vor Ort ins Nationaldress gewachsen sind.

ZEIT ONLINE: Was macht Schwerin so besonders?

Koslowski: Als ich 2013 zum Club gekommen bin, haben wir uns auf die Fahnen geschrieben, vermehrt mit deutschen Spielerinnen zu arbeiten. Bis dahin haben wir noch mit vielen Legionärinnen agiert. Dazu sind Leistungszentren, Arena, Krafträume alle in Gehweite miteinander vernetzt. Das hat schon fast etwas von einem Trainingscamp.

ZEIT ONLINE: Die Frauenliga im Volleyball wird seit Jahren von ehemaligen DDR-Teams – Dresden, Schwerin – dominiert. Dazu kommen Vereine aus Suhl, Erfurt oder Potsdam. In keiner anderen obersten Profiliga ist Ostdeutschland derart stark. Was läuft bei Ihnen richtig?

Koslowski: In vielen Fällen, in denen es nicht geklappt hat, ging es um die finanzielle Situation. Viele Vereine lebten über ihre Verhältnisse. Hier in Schwerin war man hingegen anfangs extrem konservativ. Auch wenn man sportlich mittelmäßig war, hat man sich nie übernommen. Dresden konnte, so meine ich, viele Infrastrukturen aus der DDR renovieren.

ZEIT ONLINE: Hat das Erbe der Teilung heute noch einen großen Einfluss auf Sie?

Koslowski: Ich war zum Mauerfall ja erst fünf, erinnere mich also kaum an die DDR. Am Esstisch war sie damals vielleicht kurz mal Thema, vieles hab ich auch nur durch Geschichten viele Jahre später mitbekommen.