1:4 gegen eine Mannschaft aus Polen? Anders als eine Blamage konnte man das Uefa-Cup-Aus des FC Schalke 04 gegen Wisła Krakau nicht nennen. "Dass wir gegen eine polnische Mannschaft mit 1:4 verlieren, das ist einfach peinlich", schimpfte im Jahr 2002 der damalige Schalke-Stürmer Ebbe Sand nach einem Spiel, das in Polen bis heute im Bewusstsein vieler Fußballfans präsent ist. Es war einer der letzten Erfolge einer polnischen Vereinsmannschaft auf europäischer Bühne.

2002 sorgte das Spiel aber nicht nur wegen des überraschenden Ergebnisses für Schlagzeilen. Im Vorfeld der Partie fing die Polizei in Bochum rund 100 polnische Hooligans ab, die in einem Supermarkt beim Ladendiebstahl erwischt wurden. Bei der Durchsuchung fand die Polizei nicht nur das Diebesgut, sondern unter anderem auch Messer, Axtstiele oder ein mit Schrauben und Nägeln versehenes Tischbein. Eine Bewaffnung, die für die Krakauer Hooliganszene nicht ungewöhnlich ist. Die gewalttätigen Anhänger der beiden Krakauer Klubs Wisła und Cracovia bekämpfen sich seit den 1990er-Jahren mit Messern und Macheten, wobei es bei dem tödlichen Kampf längst nicht mehr nur um die Rivalität zwischen den Traditionsvereinen geht. Beide Gruppen entwickelten sich zu organisierten Verbrecherbanden, die unter anderem auch im Drogenhandel kräftig mitmischen.

Der Einfluss der "Sharks", der gefürchteten Hooligans von Wisła Krakau, beschränkt sich aber nicht nur auf die Kurve oder die Straßen der von ihnen kontrollierten Viertel, die durch Wandgraffitis gekennzeichnet sind. Bei dem dreizehnfachen polnischen Fußballmeister Wisła Krakau, der allein zwischen 1999 und 2011 acht Meisterschaften gewann, haben die "Sharks"  mittlerweile das Sagen.

Grüße an einen angeschossenen Freund

Gerüchte über Verbindungen zwischen Hooligans und der Wisła-Führung sind nicht neu. Doch wie eng diese sind, machte nun der Journalist Szymon Jadczak publik, dessen Reportage vor zwei Wochen von dem Privatsender TVN ausgestrahlt wurde und seitdem die polnische Fußballwelt beschäftigt. "Ein Jahr habe ich an dem Thema gearbeitet", sagt Jadczak.

Auslöser für seine Recherchen war das Derby gegen Cracovia im Dezember 2016. "Dudek, werde wieder gesund", war auf den T-Shirts zu lesen, in denen sich die Wisła-Profis aufwärmten. Die Grüße galten jedoch nicht einem Anhänger des oberschlesischen Vereins Ruch Chorzów, der auf dem Weg zu einem Wisła-Spiel verunglückt ist, wie es seitens des Clubs offiziell hieß. Wie die Recherchen von Jadczak ergaben, handelt es sich bei "Dudek" um ein Pseudonym von Kamil D., einem Mitglied der berüchtigten Hooligangruppe "Psycho Fans" aus Chorzów, die eng mit den "Sharks" zusammenarbeitet. Wenige Wochen zuvor überfielen diese in der oberschlesischen Stadt Mysłowice einen Nachtclub, in dem sich mit Janusz K., Pseudonym "Bokserek", eine bekannte Größe der Krakauer Unterwelt aufhielt. Bei dem Überfall, der für Janusz K. mit schweren Schnittwunden und einem gebrochenem Arm endete, wurde Kamil D. alias "Dudek" angeschossen.

Dass Hooligans bei dem professionellen Fußballclub Wisła Einfluss haben werden, war vor einigen Jahren noch undenkbar. Damals herrschte ein offener Konflikt zwischen der Vereinsführung und der Kurve, in der die Hooligans seit Jahren dominieren. Trauriger Höhepunkt war im März 2014 der Beschuss des eigenen Stadions mit Leuchtraketen während des Heiligen Krieges, wie das Derby zwischen Wisła und Cracovia genannt wird.

Der Konflikt zwischen der Vereinsführung und den Ultras passte auch zu den letzten Jahren, in denen Bogusław Cupiał als Besitzer des Clubs die Richtung vorgab. 1997 erwarb der Millionär, der mit einer Kabelfabrik ein Vermögen machte, die Fußballsektion und machte die Wisła Karakau AG, wie der Fußballverein offiziell heißt, zum erfolgreichsten Verein Polens der vergangenen drei Jahrzehnte. Einen Traum konnte sich der Fußballenthusiast, trotz Investitionen in Höhe von geschätzten 50 Millionen Euro, jedoch nie erfüllen: Die Qualifikation für die Champions League. Zu dieser Enttäuschung kamen noch finanzielle Probleme seines Unternehmens hinzu, die Cupiał schließlich zum Verkauf des Clubs zwangen.