Welche Ergebnisse muss ein Bundestrainer in diesem Lande noch verantworten, damit seine Entlassung gerechtfertigt oder sein Rücktritt angemessen ist? WM-Aus in der Vorrunde, siegloser Abstieg in der Nations League, Ausschluss aus Topf 1 der EM-Qualifikation – Jogi Löw, das darf man sagen, hat 2018 in dieser Hinsicht neue Grenzen erschlossen.

Mochte es über lange Jahre die einzige Sorge der Nation gewesen sein, der gute Mann könnte vor den Augen der Welt ein weiteres Mal zu popeln beginnen, wandert der Angstfokus nun auf den Rasen und schließlich auf die Anzeigetafel: also vom Conditioner auf die Kondition, von der Taktik auf die Umsetzung, von der Leistung aufs Ergebnis. Das annähernd absolute Versagen der "Mannschaft" im Jahre 2018 war jedenfalls weniger eins der berufenen Spieler, sondern das des berufenden Trainers.

Dabei wäre die Qualitätsillusion, in die sich das Land hineindelirierte, schon weit vor Beginn der WM als Paradebeispiel kollektiven Größenwahns erkennbar gewesen: Mit Jonas Hector und Matthias Ginter als ebenso flankenstarken wie pfeilschnellen Außenverteidigern, den bestens ausgeruhten und keineswegs leistungssatten Stammkräften Toni Kroos und Sami Khedira im Mittelfeld, dem alleskönnenden oder zumindest -wollenden Multifunktionsmännchen Joshua Kimmich, dem fabulös formkonstanten Thomas Müller sowie natürlich dem Weltklasse-Tor-Torero Timo Werner verblieb als einzige relevante Frage, über welche Flugroute man ins Halbfinale einziehen würde.

Und weil der Durchmarsch nach Moskau auch zu Hause in Frankfurt als faktisch erreicht betrachtet wurde, stattete man Löw noch vor dem Turnier eilfertig mit einem Vierjahresvertrag aus. Die seit Jahren währenden Verfallszeichen wurden mit einer Formel gebannt, die mit jedem weiteren vergeigten Test zu so etwas wie einem nationalen Mantra wurde: Der Jogi kann seine Jungs auf den Punkt topfit machen!

Offenbarungsereignis Mexiko

Was für dieses magische Denken sprach? Nun, eigentlich gar nichts. Vielmehr täte man sich in der Rückschau enorm schwer, anzugeben, welcher Leistungsträger zuvor, der nicht bereits formstark zu Löws Team stieß, dort zu neuer, einsamer Stärke gefunden hätte. Lukas Podolski und Mario Götze gewiss nicht.

Was hingegen jeder wusste oder zumindest wissen konnte, war dies: Läuft ein Spiel einmal anders, als es Löw und seine niveablaue T-Shirt-Gang antizipierten, war ein produktives taktisches Intervenieren von Trainerseite nicht zu erwarten. Die WM-Partie gegen Mexiko war in diesem Sinne weniger ein Ausrutscher als ein lange schwelendes Offenbarungsereignis. Selten wurde ein Länderspiel derart offensichtlich vercoacht, und zwar über neunzig Minuten. So etwas vergisst eine Mannschaft nicht, insbesondere nicht deren Leitakteure.

Um die Ausrichtung der Elf steht es so gut wie um Boatengs Hüftgelenke

Jogis eigentliche Magie bestand einst darin, in das Wirken des vergleichlos qualitätsstarken Spielerpools, den er zu Amtsantritt vorfand, nicht allzu störend einzugreifen. Die Mannschaft ließ ihn gewähren, weil er sie gewähren ließ. Dieser stille Pakt brachte nach dem WM-Sieg auch ein faktisches Aussetzen eben jenes Prinzips mit sich, auf dem jede Nationalauswahl beruhen muss: dem Leistungsprinzip. Für vier lange Jahre befand sich die von Bierhoffs Managerdeutsch konsequent nach außen getragene Optimierungsdiktion (Best never rest!) in einem grotesken Missverhältnis zur Personalpolitik des Bundestrainers.

Ob Operettenliga oder mehrjähriger Bankdrücker, Dauerverletzter oder sichtbar Hüftlahmer – Jogi hielt eisern zu seinen Lieblingen. Und diese öffentlich zu ihm. Es bedurfte eines heiteren Unsinnsturniers wie dem Confed Cup freizulegen, welche Potenziale jenseits des zementierten Inner Circle schlummerten. Jogi verstand es indes nicht, sie für die anstehenden Aufgaben fruchtbar zu machen.

Zu stimmen schien derweil wenigstens die Stimmung. Bis auch diese scheinbare Stärke – samt dem Phantasma, die Mannschaft sei eine cliquenlose Oase gelungener Totalintegration – in Watutinki auf den harten Asphalt der Wirklichkeit prallte. Was von Moskau übrig blieb, waren ein mindestens 15 Millionen schwerer Trainervertrag, ein von drohendem Amtsverlust verängstigter Präsident und der geteilte Wille aller Befugten, nun, da die Gülle bis zum Hals stand, bloß keine weiteren Wellen zu erzeugen.

Zum Umbruch gezwungen

Zu Ende der Sommerpause wartete man dann mit einem gehaltsarmen und womöglich nicht einmal treffenden Doppelanalyschen auf (Kernproblem: Arroganz und zu viel Ballbesitz). Gänzlich unentschieden zeigte Löw sich auch in Bezug auf die Nations League, deren Bedeutung immer niedriger gehängt wurde, je kümmerlicher die Resultate ausfielen.

Erst mit dem 0:3 von Amsterdam gegen ein wahrhaft umbruchsfrohes holländisches Team sah sich auch der Bundestrainer gezwungen, öffentlich anzuerkennen, was Spielern, Umfeld und mittlerweile sogar einigen Journalisten unabweisbar war: Um die innere Ausrichtung der Mannschaft steht es nicht besser als um die Hüftgelenke von Jérôme Boateng. So konnte das einfach nicht weiter laufen.

Hochkompetente Kräfte werden bald auf dem Trainermarkt sein

Es mag der Punkt gewesen sein, an dem Jogi und die Seinen eine folgenschwere, taktische Entscheidung trafen. Sie zielte in erster Linie auf die Außendarstellung: Fortan, so offenbar der Beschluss, würde er sich für die kommenden Jahre durch ein konsequentes Erneuerungsnarrativ zu schützen wissen. Er, der Bundesjogi, der von 2014 bis in den Herbst 2018 jeden Umbruch gescheut hatte, würde fortan als Geburtshelfer einer weiteren, womöglich ebenfalls goldenen Generation auf den Plan treten.

Die Vorteile: Die Ergebnisse wären absehbar weniger wichtig als die Perspektive. Die Auftritte weniger bedeutsam als die Erzählung. Die Fehler weniger wirksam als die erzeugten Lichtblicke. Der gezeigte Mut lobenswerter als die gezeigte Leistung. Das Schöne an der Jugend ist ja vor allem dies: Sie braucht noch Zeit. Und genau die brauchte der auf einmal in Topf 2 gelandete Bundestrainer auch.

Jogi Löw beansprucht für die kommenden Jahre im Schutze jenes Narrativs arbeiten zu dürfen, gegen dessen faktische Umsetzung er sich spätestens seit der WM 2014 mit allen ihm zur Verfügung stehenden Beharrungskräften gewehrt hat. Es wird für die kommende Monate oder gar Jahre der absehbaren Phrasenbemühung ("geht nicht von heute auf morgen", "vielversprechende Ansätze", "richtige Richtung", "notwendige Rückschläge") wichtig sein, diese Verstellung in Erinnerung zu halten. Zum Zwecke des reinen Positionserhalts bestimmte sich Jogi, eine Haltung einzunehmen, die er nie wollte und die ihm auch nicht entspricht.

Defensive Behauptung eines Neuanfangs

"Schnee von gestern", mit dieser unsicher hervorgekeuchten Phrase wehrte der zukunftstrunkene Bundestrainer nach dem grabesstillen, letztlich tief verstörenden 2:2 gegen Holland einmal mehr jede Frage nach vergangenen Fehlern und damit auch Lehren ab.

Doch nicht so hastig. Schließlich hat dieser Winter gerade erst begonnen. Abzusehen ist eine Konstellation, in der hochkompetente Kräfte sich schon sehr bald auf dem freien Trainermarkt wiederfinden könnten – etwa David Wagner oder Thomas Tuchel. Diese würden einen Neuanfang für die Nationalmannschaft nicht nur defensiv behaupten, sondern glaubhaft verkörpern.

Ganz aufgeben mag man die Hoffnung jedenfalls nicht, in den oberen Etagen des DFB werde sich doch noch eben jener Mut zum richtigen Schritt finden, den Löw selbst offenbar nicht in sich spürt: den Mut zu einem wahrhaftigen Neuanfang.