Dortmund erlebt wieder große Fußballabende. Vor gut zwei Wochen glückte der Borussia ein 4:0 gegen Atlético, es war die höchste Niederlage für Madrids Trainer Diego Simeone und seine Abwehrkünstler. Da spürte man, dass der BVB wieder beginnt, an sich zu glauben, auch an seine Ausstrahlung auf Gegner, Fans und Schiedsrichter. Die Atmosphäre bei Heimspielen beflügelt die einen und schüchtert die anderen ein, Spiele im Westfalenstadion können eskalieren. Leidenschaft, Lust und Selbstbewusstsein waren bereits die größten Stärken des BVB in der Klopp-Ära. Damit bekommen es nun die schwächelnden Bayern zu tun.

Im Rückspiel am Dienstag dieser Woche hingegen war es einfacher, gegen Dortmund Tore zu schießen. Atlético gewann 2:0. Der BVB war viel deutlicher unterlegen als es das Ergebnis ausdrückte, manchmal kam er minutenlang kaum mehr aus der eigenen Hälfte. Nach der ersten Niederlage in dieser Saison und vor dem Bundesliga-Spitzenspiel am Samstag mag sich mancher fragen: Stürzt die Borussia schon wieder ab? Auch im vorigen Herbst stand sie auf dem ersten Platz, sogar mit fünf statt, wie jetzt, vier Punkten Vorsprung. Anschließend gewann sie monatelang kaum noch ein Spiel, fiel bisweilen bis ins Mittelfeld der Tabelle.

Diejenigen Fußballfreunde, die auf einen erneuten Durchmarsch der Bayern verzichten könnten, dürfen beruhigt sein: Dass sich ein Dortmunder Einbruch wiederholt, ist sehr unwahrscheinlich. Atlético ist eine internationale Spitzenkraft, gegen diese Defensive können viele Teams nichts ausrichten. In der Bundesliga sind Dortmunds Gegner bedeutend schwächer. Da zählt der BVB zu den Titelfavoriten, was daran liegt, dass er hinten bedeutend stabiler geworden ist. Und vorne hat er nun einen echten Stürmer.

In Dortmund ist ein bisschen was anders als in den vergangenen Jahren. Da sind zum einen die neuen Spieler. Dortmund hat die Defensive, die schon unter Jürgen Klopp nicht immer die sicherste war, sicherer gemacht. Im zentralen Mittelfeld schaffen Thomas Delaney und insbesondere Axel Witsel, der belgische WM-Dritte, Ordnung und halten ihren Hintermännern die Gegner vom Leib. Dort, in der Verteidigung, räumen der 19-jährige Franzose Dan-Axel Zagadou, und der schweizerisch-nigerianische Manuel Akanji den Rest ab. Die beiden 90-Kilo-Kerle sind noch nicht die reifsten, bewegen sich aber trotz ihrer Größe schnell und wendig. Der Franzose Abdou Diallo, Zugang aus Mainz, ist ähnlich gut.

Talentsammlung in der Offensive

Aus diesen fünf Zweikampfstarken lässt sich ein Block bilden, an dem Stürmer viel schwerer vorbeikommen als an Ömer Toprak, Erik Durm, Marc Bartra oder Matthias Ginter, die sich in den Jahren davor als Abwehrspieler beim BVB versuchten. Und so kassierte der BVB in dieser Saison zwar in der allerersten Minute ein Tor durch die Leipziger, seitdem aber erst neun weitere. Zehn Spiele, 10 Gegentore – für eine offensiv ausgerichtete Elf ist das ein guter Wert, besser war er in Dortmund zuletzt in den Meisterjahren 2011 und 2012.

Neue Hoffnung gibt es auch im Sturm. Dass Dortmund schon 30 Tore erzielt hat, liegt nicht zuletzt an Paco Alcácer, der Ende August aus Barcelona kam. In fünf Spielen traf er, obwohl manchmal nur eingewechselt, sieben Mal. Der Spanier ist ein zielstrebiger Torjäger, der auf verschiedene Weise trifft: mal mit einem Reflex, wie in Leverkusen, mal durch einen Fernschuss mit dem schwachen linken Fuß, wie gegen Frankfurt, mal mit einem lässigen Chip, wie in Stuttgart. Er kann aber auch Angriffe mit Pässen und Laufwegen im Mittelfeld in die Wege leiten. Zum ersten Mal seit Jahren ist nicht mehr klar, welcher Verein den besten Stürmer der Liga hat. Alcácer hat vielleicht mehr drauf als Robert Lewandowski, technisch auf jeden Fall.

Alcácer ergänzt die bereits vorhandene Talentsammlung der Dortmunder Offensive. Es gibt die ganz jungen Christian Pulisic (20), Jadon Sancho (18), Jacob Bruun Larsen (20), die Bezeichnung trifft aber auch auf die etwas älteren Marco Reus und Mario Götze zu. Sie alle spielen nicht unbedingt konstant auf hohem Niveau, manchmal nicht mal während eines ganzen Spiels. Aber ihr Können im Eins-gegen-Eins kann jederzeit aufblitzen. Noch eine beeindruckende Zahl: Vierzehn verschiedene Profis schossen die Dortmunder Tore.