Wieder sind Sätze öffentlich geworden, die die Fußballbranche entlarven. Nachdem ein Mitglied eines Uefa-Kontrollorgans gestorben war – eines natürlichen Todes, muss man wohl ergänzen – schrieb der Jurist von Manchester City in einer internen E-Mail: "Einer weg, fehlen noch sechs." Bei dem Toten handelte es sich immerhin um den ehemaligen Premierminister Belgiens.

Und der Jurist von Bayern München, der mit dem Rad zur Arbeit fährt, schwärmt von der Vision einer europäischen Superliga: "Das kann man vollvermarkten und das Letzte rausholen."

Im Fußball regieren Kälte und Kohle. Diese alte Erkenntnis wird durch die jüngste Recherche der Football Leaks bestätigt, der wir diese Sätze verdanken und in deren Zentrum Europas reiche Fußballvereine stehen. Sie versuchen, noch mehr Geld zu verdienen, indem sie juristische Gutachten erstellen lassen, ob und wie sie ohne die Uefa eine eigene Liga gründen dürfen. Das ist allerdings noch kein Skandal. Schon eher ist bedenklich, dass sie den sportlichen Wettbewerb einschränken wollen. Sie möchten nicht gestört werden, nicht von einem Verband, nicht von Konkurrenten.

Die Aufregung ist groß, die Idee der Superliga ist aber mindestens ein halbes Jahrhundert alt. Vereine nutzen sie oft als taktische Drohung in den Verhandlungen mit der Uefa. Bereits in den Siebzigern dachten Bayern München und Ajax Amsterdam laut über sie nach. In den Neunzigern spielte Franz Beckenbauer öffentlich mit dem Gedanken, sein FC Bayern könne in die italienische Serie A wechseln.

Der Fußball-Adel möchte unter sich bleiben

Heute tauscht sich Deutschlands größter Club mit Real Madrid, Juventus Turin oder Manchester United aus. Dass diese Wirtschaftsunternehmen ihre juristischen Optionen prüfen, muss man nicht verwerflich finden. Zumal eine Superliga das blutleere Projekt Europa mit Leben füllen könnte. Bayern gegen Chelsea oder Bayern gegen Madrid wären vielleicht wirklich aufregender als Bayern gegen Mainz. Und Fußball würde es in Deutschland weiterhin geben, selbst wenn die Bayern aus der Bundesliga austräten, was ohnehin unwahrscheinlich ist.

Viel mehr als dieses Gedankenspiel verstört eine bestimmte Haltung der Vereine, die in den Berichten des Spiegels und des NDR zu erkennen ist. Die Elite des internationalen Fußballs versteht sich als Aristokratie. Elf Vereine sollen zu den "unabsteigbaren Gründern" der neuen Liga gehören, wie es in dem nun bekannt gewordenen Plan heißt. Dazu kommen fünf "anfängliche Gäste". Nur sie, die Gäste, können absteigen. Der Fußball-Adel möchte unter sich bleiben.

Auch diese Sichtweise kennt man: Als die Bayern vor drei Jahren im Achtelfinale auf Juventus trafen, beschwerte sich Karl-Heinz Rummenigge und forderte Setzlisten, die ein so frühes K.-o.-Duell zweier Großer verhindern sollen. Die Kapitalisten des Fußballs wollen offenbar Garantien auf ihre Dividenden. Ginge es nach ihnen, würden Machtverhältnisse auf ewig festgeschrieben. Die Ligen, die ihnen vorschweben, würden sportliche Vielfalt behindern und den Fußball in seiner Entwicklung gefährden. Es würde noch unwahrscheinlicher, dass Schalke oder Frankfurt wieder mal Deutscher Meister werden.

Regelbrecher aus Manchester und Paris

Wo bleibt eigentlich die Solidarität im Fußball? Die gibt es, von den Sonntagsreden abgesehen, auch unter den Reichen. Aber sie beschränkt sich auf die anderen Reichen. Für die lassen sie nämlich Sonderregeln gelten. Aus den Leaks erfährt man nämlich auch den wahren Skandal: Gianni Infantino half Manchester City und Paris Saint-Germain beim Mogeln. Der damalige Uefa-Generalsekretär und heutige Fifa-Chef gab den zwei Vereinen unzulässige Tipps, die Financial-Fairplay-Regel zu umgehen. Ursprünglich sollte die Pleiten verhindern, aber auch dass Vereine von Investoren zu Spitzenteams finanzgedopt werden.

Inzwischen ist sie zum Instrument geworden, die Kleinen und Nichtganzsogroßen am Aufstieg zu hindern. So wurden Galatasaray Istanbul, der FC Sion oder Rubin Kasan für kleine und allenfalls mittelschwere Verstöße gesperrt. Paris und Manchester hingegen, die mit je mehr als einer Milliarde Euro von ihren Geldgebern aus Katar und Abu Dhabi mit Stars wie Neymar und Pep Guardiola verstärkt wurden, kamen mit Geldstrafen davon.

Wenn man dem FC Bayern und seinen Mitstreitern aus Spanien und Italien also einen Vorwurf machen will, dann nicht, dass sie sich Gedanken darüber machen, wie der Fußball besser zu vermarkten ist, spannender wird oder wie sie das Monopol der Uefa eindämmen. Sondern dass sie gemeinsame Sache mit den Regelbrechern aus Manchester und Paris machen.