Die Einschläge kommen näher, Woche für Woche. Zuletzt hat es den Nationalspieler Julius Kühn aus dem Verkehr gezogen, einen baumhaften Kerl. Diagnose: Kreuzbandriss, sechs Monate Pause. Zuvor hatte Nikola Karabatić erklärt, dass er die Weltmeisterschaft wegen einer Operation am linken Fuß verpassen werde. Der beste Handballer der vergangenen Dekade hatte zuvor nie ernste Verletzungen. Unter seiner Führung gewann Frankreich vier WM- sowie drei EM-Titel und verteidigte 2012 in London olympisches Gold. Nun muss der Weltmeister ohne ihn auskommen. Genau wie die Deutschen ohne Kühn, ihren torgefährlichsten Rückraumspieler.

Die Nachrichten passen in die Zeit. Zwei Monate vor Beginn der WM in Deutschland und Dänemark (10. bis 27. Januar 2019) brodelt es wieder im Handball. Die Debatte über Terminhatz, vollgepackte Kalender, Verletzungen und Überbelastung wird jedes Jahr aufs Neue und zur gleichen Zeit geführt. Sie ist leichter vorhersehbar als der Herbst.

In diesem Jahr hat die Kritik eine neue Dimension erreicht. Am schlimmsten stehen die Füchse Berlin da, einer der führenden Bundesligisten. Aus ihrem 17-köpfigen Kader sind gerade mal acht Spieler fit. Die anderen neun, unter ihnen einige potenzielle WM-Fahrer, fallen mit zum Teil schweren Verletzungen aus.

"Im Moment hat fast jede Nation mit Angeschlagenen und Verletzten zu kämpfen", sagt Silvio Heinevetter, der Keeper der Füchse und der Nationalmannschaft. Beim jüngsten Lehrgang des DHB-Teams musste der Bundestrainer Christian Prokop gleich drei etablierte Linkshänder auf einer Position ersetzen, Steffen Weinhold, Fabian Wiede und Kai Häfner. Von seiner potenziellen WM-Startformation fällt die halbe Mannschaft aus. "Ein brutaler Verlust", sagt Heinevetter.

An einem sonnigen Oktobertag sitzt Heinevetter, 34, im Trainingszentrum seines Vereins im Berliner Stadtteil Hohenschönhausen und bandagiert seine Finger mit dickem Tapeverband. Die nächste Einheit geht gleich los, er wirkt abgekämpft. Wie viele der letzten Tage er im eigenen Bett geschlafen hat? "Keine Ahnung", sagt er, "aber viele können es nicht gewesen sein."

Einer Woche mit fünf Spielen in der Bundesliga und bei der Vereins-WM in Katar folgte ein Lehrgang des Nationalteams inklusive zwei EM-Qualifikationsspielen. Berlin, Doha, Mannheim, Wetzlar, Pristina im Kosovo und jetzt wieder Berlin, Tausende Kilometer in Bussen oder Flugzeugen. Auf den Stopps mal eben Höchstleistung zeigen und dann direkt weiter. Manchmal reicht die Zeit nicht mal für das Interview nach dem Spiel. "Ist halt Oktober", sagt Heinevetter.

"Irgendwann knallt es"

Tatsächlich kulminieren die Ereignisse gerade. Wenn der internationale Handballzirkus ein Unternehmen wäre – man müsste von Ausbeutung sprechen. Die Bundesliga-Saison läuft auf Hochtouren, im DHB-Pokal wird es langsam spannend, die Champions-League-Vorrunde geht in die entscheidende Phase, der EHF-Pokal beginnt im November. Dazu Vereins-WM, Länderspiele, EM-Quali und in der nicht existenten Winterpause, zwischen Hin- und Rückrunde der Bundesliga, jedes Jahr eine WM oder EM, alle vier Jahre noch Olympia. Im Grunde ist es nur eine Frage der Zeit bis zur nächsten Diagnose, irgendwann erwischt es auch den zähesten Hund.

"Das ist dem Wettbewerbskalender geschuldet", sagt Heinevetter. Als Torhüter ist er zwar von schweren Verletzungen verschont geblieben, weil er auf seiner Position keine harten Zweikämpfe führen, nicht in den Infight muss. "Knochen auf Knochen tut mehr weh als Ball auf Knochen", sagt er und grinst. Er kriegt natürlich mit, wie das bei den Kollegen Feldspielern läuft. "Zuerst hast du ein paar Wehwehchen und schleppst das immer weiter mit dir herum und irgendwann knallt es."