Der coole Niko Kovač beginnt zu verzweifeln: Er sei "sehr sauer", sagte er nach dem 3:3 gegen Fortuna Düsseldorf. "So kann man nicht verteidigen." Es sollte einschüchternd klingen. Jetzt, wo es darum geht, die Verantwortung für den sportlichen Misserfolg zu verteilen, geht Kovač erstmals auf Distanz zu seinen Spielern. Doch es ist eher nicht damit zu rechnen, dass die sich davon beeindrucken lassen. Viel deutet darauf hin, dass Kovač einen Teil der Kabine verloren hat.

Stand jetzt, wie man in Frankfurt sagt, ist Niko Kovač Trainer von Bayern München. Doch das Champions-League-Spiel an diesem Dienstag gegen Benfica Lissabon könnte schon sein letztes sein. Vielleicht kann er sein Ende in München mit einem Sieg noch hinauszögern. Dass er im neuen Jahr noch den FC Bayern anführen darf, ist hingegen unwahrscheinlich.

Wie ist seine Bilanz bisher?

In München kommt zurzeit viel zusammen. Einerseits ist Kovač die ärmste Sau. Er soll tollen Fußball spielen lassen, steht aber den Ruinen einer einst großen Mannschaft gegenüber. Die Vereinsführung hat es in den vergangenen Jahren versäumt, die Mannschaft auf höchstem Niveau zu erneuern. Es ist wie so oft der Trainer, der die Fehler aller auf sich nehmen muss. Andererseits schafft er es auch nicht, das Letzte und Beste aus dem Team rauszuholen. Er muss erkennen: Der FC Bayern ist halt nicht Eintracht Frankfurt.

Der ehrgeizige Kovač war die "kleine Lösung", als er im Sommer aus Frankfurt kam. In Eintracht-Maßstäben war er dort erfolgreich. Er rettete sie vor dem Abstieg und gewann den DFB-Pokal. Das waren zwar zwei emotionale Erfolge, für den Pokalsieg genügten allerdings drei Siege gegen Bundesliga-Teams und drei gegen unterklassige Teams. In zwei Bundesliga-Saisons wurde er 11. und 8., sein Nachfolger steht übrigens auf Rang 3.

Nicht genug

Große Titel hatte er also keine vorzuweisen und wer den Fußball, den er in Frankfurt spielen ließ, genauer anschaute, durfte von Anfang an skeptisch sein. Kovač' Stilmittel waren Kampf und Konter, schon als aktiver Profi war er der Arbeiter. Er mache aus seinen Spielern Krieger, sagte er mal. Doch das ist nicht genug für den FC Bayern, da braucht es Strategie.

Seine Vorgänger Carlo Ancelotti und Jupp Heynckes konnten mit ihrer Routine einiges kaschieren. Kovač misslingt das. Manchmal merkt man seine fehlende Erfahrung an seinen Analysen. Nach der 2:3-Niederlage in Dortmund vor gut zwei Wochen sagte er, seine Mannschaft hätte, als sie in Führung lag, mehr lange Bälle schlagen müssen. Das sind eigentlich Ratschläge aus der Betonliga. Nach dem 3:3 gegen Düsseldorf beklagte er sich über die vielen individuellen Fehler. "Die kann kein Trainer der Welt verhindern."

Das war die übliche Floskel, mit der Trainer fein raus sein wollen. Individuelle Fehler sind Sache der Spieler, soll das heißen, nicht die des Trainers, der für die Struktur zuständig sei. Dabei wäre es die Aufgabe des Trainers, Spielern Fehler abzugewöhnen. Joshua Kimmich sagte mal, dass ihm Heynckes dazu geraten habe, den Ball beim Flanken etwas weiter vorne zu treffen. Pep Guardiola gelang die Fehlervermeidung mit Jérôme Boateng, jetzt unterlaufen dem Verteidiger wieder viele.

Die Anfangszeit hat getäuscht

Zudem verringert eine gute Ordnung Fehler. Kovač' Abwehr wirkt jedoch oft unsortiert, im Mittelfeld fehlt es an Feinheiten, und der Angriff tut sich selbst gegen Fünft- und Viertligisten schwer, gefährlich zu kombinieren, so wie in den ersten beiden Pokalrunden.

Die Siege am Anfang dieser Saison haben viele getäuscht. Das 5:0 im Supercup in Frankfurt war ein besseres Testspiel. Gegen Hoffenheim half der Schiedsrichter. Dann folgten Erfolge gegen Stuttgart, Leverkusen und Schalke, die drei Gegner, die in dieser Saison am weitesten unter ihren Erwartungen liegen. Da lief es von selbst. Einen Rückstand hat Kovač in München noch nicht gedreht. Sollte er während des Spiels gut coachen, versteckte er es bislang gut.

Verfallserscheinungen

Aber Kovač leidet auch an den Umständen. Der Verein hat die erfolgreichste Epoche seit Jahrzehnten hinter sich. Die hohen Ansprüche aus dieser Zeit hat er bewahrt, Karl-Heinz Rummenigge gab vor der Saison das Triple als Ziel aus. Doch die mäßige Personalpolitik der vergangenen Jahre hat zu einem Abwärtstrend geführt, der schon gut zwei Jahre dauert, allerdings erst jetzt in der Tabelle durchschlägt.

Die Mannschaft wirkt abgewrackt. Die Ü30-Fraktion ist gewachsen. Arjen Robben und Franck Ribéry kommen kaum noch an an ihren Gegnern vorbei. Und wenn, dann reicht es nur für eine Halbzeit, wie zu Beginn in Dortmund. Javi Martínez und Jérôme Boateng sind nach vielen Verletzungen schwächer und langsamer geworden. Manuel Neuer hält gerade nicht viel.

Und die Neuen, insofern sie noch da sind, können das hohe Niveau nicht halten. Niklas Süle, Joshua Kimmich, Renato Sanches oder Mats Hummels haben kaum das Format, Leistungsträger einer internationalen Spitzenmannschaft zu sein. Warum die Vereinsführung vor der Saison keine anderen Spieler außer Leon Goretzka und Serge Gnabry geholt hat, bleibt ihr Geheimnis. Kovač hatte nicht den Status wie etwa Guardiola bei Thiago, zum Einstand einen Transfer zu fordern.

Er wird alleingelassen

Zu beobachten sind nun Verfallserscheinungen. Hummels erklärte seine schwache Leistung in Dortmund mit einer Erkältung. Die Frau von Thomas Müller machte sich auf Instagram über den Trainer lustig. Ribéry ohrfeigte einen Journalisten, wurde nicht mal bestraft. Jupp Heynckes steht Kovač bei. "Es gibt liebe Jungs dort und Diven", sagt sein Vorgänger über den Standort München, "und dann sind da noch die Verletzungen von wichtigen Spielern."

Sonst wird Kovač alleingelassen mit den Meuterern. Uli Hoeneß, der ihn vor wenigen Wochen noch "bis aufs Blut" verteidigen wollte, rückte nach dem Düsseldorf-Spiel endgültig von ihm ab. Allein schon an den Rottönen in seinem Gesicht kann man ablesen, dass es nicht mehr lange gut geht.

Überhaupt hat die Vereinsführung schon mal ein besseres Bild abgegeben. Die Pressekonferenz, auf der Rummenigge und Hoeneß mit dem Grundgesetz hantierten, hat die Branche als Peinlichkeit empfunden. Nun hat Hoeneß dem Ehrenspielführer und Kritiker Paul Breitner die Tickets für die Ehrentribüne abgenommen. Und Hasan Salihamidžić, der Sportdirektor, hat wenig zu melden.

Unter solchen Umständen würden ganz andere schlecht aussehen, vielleicht auch Arsène Wenger, der im Gespräch ist. Und es wären auch ganz andere gescheitert als Niko Kovač.