Fußballnationalspieler Jérôme Boateng sagt, er sei besorgt über den zunehmenden Rassismus in Deutschland. "Ich spüre, dass viele Leute ihre Mitmenschen wieder mehr in Schubladen stecken: Eine für die Deutschen, eine für die Migranten", sagte Boateng in dem nach ihm benannten Magazin Boa, das am Samstag zum ersten Mal erscheint. "Und die Deutschen, deren Eltern vielleicht ausländische Wurzeln haben, und die nicht weiß sind, sich aber völlig deutsch fühlen, weil sie hier aufgewachsen sind, werden wieder skeptischer angeschaut."

Boateng, dessen Vater aus Ghana stammt, mache sich daher Sorgen um die Sicherheit seiner Töchter in Deutschland. Es gebe Orte, an die er sie nicht gehen lassen würde. In dem Interview spricht der Abwehrspieler vom FC Bayern auch über seine eigenen Erfahrungen mit Rassismus: "Meine Eltern sprachen lange nicht mit mir über meine Hautfarbe", sagt Boateng. "Sie war gar kein Thema. Dann ruft dir plötzlich jemand 'Hey, mein kleiner Nigger' zu. Meine Eltern haben mir da erklärt, dass manche Menschen Probleme mit meiner Hautfarbe haben. Ich konnte das nicht glauben. Für ein Kind ergibt das keinen Sinn."

Besonders in seiner Jugend habe er unter Diskriminierung gelitten: "Ich erinnere mich noch an ein Pokalspiel beim Köpenicker SC. Da ist der Vater eines Gegenspielers auf unsere Seite gekommen, hat mich die ganze Zeit beleidigt. Irgendwann hab ich angefangen zu heulen."

Von der Tribüne kommen Affenlaute

Selbst heute erlebe er noch Anfeindungen aufgrund seiner Hautfarbe: Wenn er sich am Spielfeldrand warm mache, höre er häufig Affenlaute von der Tribüne, "obwohl ich für Deutschland so viele Spiele bestritten habe". Boateng hat für die DFB-Elf bislang 76 Länderspiele bestritten. Er wurde Weltmeister, gewann mit dem FC Bayern die Champions-League und sechsmal die deutsche Meisterschaft.

Auch zum Fall seines ehemaligen Teamkollegen Mesut Özil äußert sich Boateng. Ihm sei aber aufgefallen, dass vor allem bei türkischstämmigen Spielern "Fans und Medien viel kritischer als bei anderen Spielern kommentieren", so Boateng. Özil hatte vor der Fußball-WM für ein Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan posiert. Nach dem Vorrunden-Aus kritisierten DFB-Funktionäre Özils Rolle im Team. Daraufhin trat Özil aus der Nationalmannschaft zurück.

Bundestrainer Joachim Löw hat Boateng offenbar aus dem Kader für die Länderspiele gegen die Niederlande und Russland gestrichen – obwohl Boateng einsatzfähig ist. Das bestätigte Bayern-Trainer Nico Kovač auf einer Pressekonferenz in München. Die Nicht-Nominierung habe sportliche Gründe.