Schach wird überall auf der Welt gespielt, und ob nun im nordischen Reykjavík bei 3 Grad oder in Kalkutta bei 30 Grad, immer sitzen da zwei am Brett und vergessen das Drumherum. Nach dem ersten Zug zählen allein der König und seine Truppen; das Klima hat nur noch insoweit eine Bedeutung, als dass der königliche Palast hinreichend wetterfest sein muss, um allen gegnerischen Stürmen standzuhalten.

Der Londoner Stadtteil Holborn, in dem am Freitag die Schach-WM begonnen hat, liegt atmosphärisch auf halbem Wege zwischen Island und Indien. Auf der Straße ist ein Treiben, demgegenüber andere europäische Hauptstädte geradezu entvölkert wirken. Die Menschen kommen aus allen Erdteilen und die Autos immer aus einer unerwarteten Richtung, jedenfalls für jene unter Londons Gästen, denen der Linksverkehr ein ewiges Rätsel bleibt. Aus dem grauen Himmel fällt es feucht herab, und mancher Schaulustige, der zur zweiten Runde zum historischen College strebt, wünschte sich, er hätte einen Regenschirm dabei, denn draußen vor dem Eingang steht eine lange Schlange.

Da kommt der Schachweltmeister Magnus Carlsen vorbei, samt seinem Vater Henrik und seinem dänischen Sekundanten Peter Heine Nielsen. Sie kommen zu Fuß, ihr Hotel ist nicht weit von hier. Sie zeigen sich perfekt ausgestattet unter gelben Schirmen, Magnus in einer eng anliegenden Daunenjacke. Das sieht sehr gut aus, sehr englisch.

Schachweltmeister Magnus Carlsen (links) mit seinem Vater Henrik Carlsen (rechts), dazwischen von hinten Peter Heine Nielsen © Ole Kristian Strøm

Auch Carlsens Herausforderer Fabiano Caruana geht die kurze Strecke von seinem Hotel zu Fuß. Er hat aber keinen Schirm dabei oder keine Jacke, jedenfalls ist sein nachtblauer Anzug von Tropfen besprenkelt, als er auf der Bühne zum Start der zweiten Runde Platz nimmt. Es scheint ihm nichts auszumachen.

Trocken betritt Magnus Carlsen die Arena. Er trägt ein roséfarbenes Hemd zum hellgrauen Anzug, so schick hat man ihn bei einem WM-Kampf noch nicht gesehen. Vielleicht könnte sich hier ein neues Feld fürs Sponsoring eröffnen: Ein attraktiver Meister im edlen Outfit, dazu eine teure Uhr und das königliche Spiel – wie geschaffen für Anzeigen in Hochglanzmagazinen. Magnus Carlsen war schon einmal tätig in der Modebranche, mit seinem Engagement bei G-Star, aber das ist nun auch acht Jahre her.

Fabiano Caruana, stets korrekt gekleidet, fällt ihm gegenüber etwas ab. Er ist angezogen, als sei heute noch gestern. Hat er nur einen Anzug dabei? Was, wenn einer jeden Tag wechselt und der andere stoisch in seiner Kluft verharrt? Will man den Stunde um Stunde, Runde um Runde immer wieder sehen?

Ich bin mir sicher, dass dies kaum einen Zuschauer hier interessiert. Schachspielern genügt das Brett vorm Kopf, der Rest ist unerheblich. Registriert wird die Kleidung allenthalben als Indiz der Befindlichkeit: Als Magnus Carlsen sich in der ersten Runde plötzlich das Jackett auszog und eine warme Jacke an, wurde gleich spekuliert: Ist er womöglich erkältet?