Als der Norweger Magnus Carlsen im November 2013 Weltmeister wurde, waren die Schachspieler rund um den Globus begeistert, geradezu euphorisch. Da war plötzlich einer, der nicht nur überragend spielte, sondern auch sehr jung war, 22 Jahre alt, und vor physischer Kraft nur so strotzte. Ein Spitzensportler mit Waschbrettbauch, der sich halb nackt zeigte auf dem Sprungbrett ins Kampfgetümmel, der europaweit auf Anzeigetafeln für hautenge Jeans warb.

Eine neue Ära brach an, als er den 21 Jahre älteren, allseits respektierten Inder Viswanathan Anand überzeugend schlug. Manche Prognose fiel verwegen aus: Magnus Carlsen würde das Schach auf Jahrzehnte hinaus prägen und dominieren, ganz wie es sein Vorvorvorgänger getan hatte, der Russe Garri Kasparow.

Nun sind die Zeiten aber schnelllebiger als je zuvor. Und gerade mal fünf Jahre nach seinem im indischen Chennai errungenen Triumph könnte es sein, dass Carlsens Ära schon wieder zu Ende geht oder jedenfalls unterbrochen wird. Denn von Freitag dieser Woche an sitzt er in London einem Herausforderer gegenüber, der nicht nur darauf brennt, ihm den Titel abzunehmen, sondern auch gute Chancen hat, es zu tun.

Einen der besten Schachtheoretiker im Team

Umreißt man Fabiano Caruana mit wenigen Worten, merkt man schon, welches Kaliber er hat. Er ist der erste Amerikaner seit dem legendären Bobby Fischer, der sich zum WM-Duell qualifiziert hat. Er hat im letzten Jahr so ziemlich alles an Turnieren gewonnen, auch dann, wenn Carlsen unter den Teilnehmern war. Er ist auf der Elo-Rangliste, welche die relative Stärke der Schachspieler aus Ergebnissen ermittelt, die Nummer zwei der Welt und hat sich bis auf wenige Wertungspunkte an Carlsen herangeschoben.

Und schließlich: Er ist 26, anderthalb Jahre jünger als der Weltmeister. So eine kleine Altersdifferenz ist im Schach eigentlich völlig unerheblich; im Gegenteil kann mehr Erfahrung sogar ein Vorteil sein. Carlsen, als Wunderkind gestartet, tut sich allerdings schwer mit jüngeren Gegnern – eine Schwäche, die er wiederholt gezeigt hat.

Für Caruana spricht zudem, dass er als Coach und Sekundant einen Mann in seinem Team hat, der zu den weltweit besten Schachtheoretikern gehört: den in Deutschland lebenden Usbeken Rustam Kasimdschanow. Mal um Mal findet er in häuslicher Vorbereitung neue gefährliche Züge in lange bekannten Eröffnungen, mit denen Caruana die Gegner dann ins Schleudern bringt. Wird er so auch Carlsen überraschen können?

Zwei unterschiedliche Konzepte

Magnus Carlsen ist bekannt für seine oft geradezu unambitionierte Eröffnungsbehandlung. Er sucht nicht sofortigen Vorteil, sondern will einfach nur ins Spiel kommen. Seine Stärke zeigt sich erst nach vier, fünf Stunden in vermeintlich ausgeglichenen Positionen, wenn sein jeweiliges Gegenüber schon denkt, das Schlimmste sei jetzt überstanden und man könnte demnächst eigentlich mal Remis machen. Dann gelingt es Carlsen, aus geringsten Unebenheiten einen Vorteil zu ziehen, den er unerbittlich zum Gewinn verdichtet.

Es stehen sich hier also bei annähernd gleicher Spielstärke zwei unterschiedliche Schachkonzepte gegenüber. Welches wird am Ende durchdringen?

Für Carlsen spricht, dass die WM in London – nach dem Rückkampf gegen Anand im russischen Sotschi 2014 und dem knappen Sieg gegen den Russen Sergej Karjakin in New York 2016 – sein vierter Titelkampf ist. Über drei Wochen hinweg in zwölf Partien immer wieder gegen denselben Gegner anzutreten, kostet enorm viel Kraft und es ist jede Menge Psychologie im Spiel. Carlsen hat eine Ahnung davon, was auf ihn zukommt; Caruana noch nicht.

Die Schach-WM beginnt am Freitag, den 9. November, mit der ersten Partie um 16 Uhr deutscher Zeit. Für DIE ZEIT und ZEIT ONLINE berichtet Ulrich Stock von allen Spielen aus London. Mit unserem Schachtool werden Sie alle Partien der WM nachspielen können.