Am Freitagnachmittag um kurz vor drei Londoner Zeit ist es der Weltmeister, Magnus Carlsen, der im Eventzentrum The College als Erster auf der Bühne am Brett erscheint. Anzug, helles Hemd, beim Friseur ist er gewesen, müde sieht er aus, tiefe Ringe unter den Augen. Hat er schlecht geschlafen? Jetzt bloß nicht fragen. Fotografen drängeln sich ums Brett herum, lassen ihre Blitzlichter los. Nur kurz dürfen sie auf der Bühne sein; da heißt es Bilder zu schießen, die später mehr zeigen, als jetzt zu sehen ist.

Carlsen hat die Mundwinkel heruntergezogen, wirkt mürrisch, nimmt seinen Stift, füllt das Partieformular aus, das neben dem Brett liegt, Name, Datum und was auch immer die Regularien verlangen. Der Weltmeister als Buchhalter.

Jetzt kommt Caruana auf die Bühne geschlendert, geht aufs Brett zu ohne Hast, eine Hand in der Tasche des gut sitzenden Anzugs, recht salopp für jemanden, der oft als hölzern beschrieben wird. Nervosität ist ihm nicht anzumerken, wiewohl er einen solchen Auftrieb vor einer Partie bestimmt noch nicht erlebt hat – denn hinter dem Pulk der Fotografen, jenseits der doppelten Glasscheibe, die den Schall wegschluckt, steht und sitzt ja auch noch das Publikum, schemenhaft im schwarzgestrichenen Saal.

Woody Harrelson wirft den König um

Auch Caruana war beim Friseur, vielleicht nach längerer Zeit, seine Locken springen etwas höher auf als sonst, aber möglicherweise kommt der Eindruck nur daher, dass er jetzt dem arg kurzgeschorenen Carlsen gegenübersitzt.

Es gibt noch ein wenig Theater mit dem Schauspieler Woody Harrelson vom Planet der Affen, der als Stargast der Veranstalter öffentlichkeitswirksam den ersten Zug ausführen soll, aber einen falschen Zug macht und überdies den König umwirft – Bananas!

Caruana hat bei der Auslosung am Vorabend die weißen Steine zugewiesen bekommen. Er eröffnet mit dem Doppelschritt des Königsbauern, 1. e2 – e4, der Klassiker. Und nun gleich die erste Überraschung: Carlsen zieht nicht gegen, was er sonst meist tut und was unter Großmeistern als solidester Ansatz gilt. Er wählt stattdessen gegen den Italoamerikaner die Sizilianische Eröffnung, 1. … c7 – c5, den Doppelschritt des Damenläuferbauern. Das ist etwas riskanter und deutlich aggressiver. Tötest du mich nicht, töte ich dich, das wäre die Botschaft, die jeder Schachspieler sofort begreift. Dem Weltmeister steht der Sinn nicht nach Klammern, er sucht die Auseinandersetzung. Das Publikum sieht es mit Freude.

Carlsen beginnt, an Caruanas Festung zu nagen

Caruana macht da nicht mit, indem er im Folgenden das Spiel nicht öffnet, sondern eine recht sichere, geschlossene Variante wählt, die ihm als Weißen eher wenig Druck verspricht, aber wilde Komplikationen vermeidet. Es sind vertauschte Rollen zwischen Herausforderer und Weltmeister, psychologisch ein kleiner Erfolg für Carlsen.

Schach-WM 2018 - Der Weltmeister muss sich ins Remis fügen

Was dann nach und nach aufs Brett kommt, muss vielen Amateurschachspielern fremdartig erscheinen. Carlsen manövriert auf engstem Raum und hat nach zehn Zügen nur einen Läufer heraus; alle anderen Figuren stehen auf der achten Reihe. Caruana ist dagegen gut entwickelt – aber es ist nicht so einfach, einen guten Angriffsplan zu finden, weshalb er viel Bedenkzeit verbraucht, die ihm später fehlen wird.

Er bringt seinen König zur Seite, um in der Brettmitte freie Bahn zu haben. Carlsen beginnt sofort, an dessen Festung zu nagen. Bald ist es Caruanas König, der wackelig steht, während Carlsens König bis zum Schluss der Partie unbehelligt bleibt.