Am Ende war es doch zu viel. Die Grabenkämpfe, die zahllosen Scharmützel, manche im öffentlichen Raum, manche im Schatten. Wochenlang zog es sich, das kostete Kraft. Fünf Jahre lang war Ines Geipel die Vorsitzende der Doping-Opfer-Hilfe (DOH). Sie hat, selbst staatlich anerkannt als Dopingopfer, für ihre Arbeit das Bundesverdienstkreuz bekommen. Jetzt hat sie ihren Posten aufgegeben. Am Donnerstag ist sie zurückgetreten.

Zerwürfnisse mit alten Mitstreitern, die einst gemeinsam für die gute Sache kämpften, gehen teils in der Presse und teils vor Gericht weiter. Geschadet hat das vor allem der eigentlichen Arbeit.

Weit über 2.000 Opfer des Zwangsdopingsystems der ehemaligen DDR betreut die DOH in ihrer Beratungsstelle in Berlin-Mitte inzwischen. Pro Woche kommen 30 bis 40 Erstkontakte dazu. Leichtathleten und Schwimmerinnen, auch Eishockeyspieler und Fußballer mit Organ- und Skelettschäden, Tumoren, Herzerkrankungen. Dazu die psychischen Qualen. Geipel und ihre sieben Mitstreiterinnen hören ehrenamtlich zu. 150 Stunden pro Woche kämen mindestens zusammen, sagt sie. Und das seit beinahe 20 Jahren. So lange gibt es den Verein nun schon.

Schäden, Schmerzen, Schicksale – physisch und psychisch

Dabei geht es längst nicht mehr nur um Doping. Es geht auch um Gewalt, Sadismus, Missbrauch. Da ist die Turnerin, der der Übungsleiter auf dem Schwebebalken fast das Genick brach. Die Trainerin, die den Gymnastinnen erst Apfelkuchen gab und dann zum Laufen schickte bis zum Erbrechen. Der Arzt, der die Kinder missbrauchte. Geipel spricht von beinahe 4.000 Betroffenen. Es sind Beratungszahlen, keine Entschädigungszahlen, wie sie betont. Zuletzt wurde ihr vorgehalten, sie würde Zahlen künstlich erhöhen, übertreiben, um die Gelder der Politik zu rechtfertigen. Aber so sei es eben nicht, sagt sie.

Der Sohn ruft an, weil die Mutter gestorben ist und er es nicht versteht. Die Mutter ruft an, weil die Tochter krank ist und es nicht versteht. Oder weil sie selbst unsicher ist. Die Chemie sei oft nur die Deckerzählung, sagt Ines Geipel. "Sie kommen mit dem Vitaminpulver Dynvital über blaue Pillen, am Ende steht die Vergewaltigung durch den Trainer in der Sauna." Schäden, Schmerzen, Schicksale – physisch und psychisch.

Die Widersacher kamen einstmals aus den eigenen Reihen. Der Molekularbiologe Werner Franke machte sich selbst einen Namen mit ersten Arbeiten zum DDR-Doping. Heute streitet er vor allem um die zweite Generation. Dass Kinder gedopter Sportler ebenso Opfer sind durch Traumatransmission, wie jüngere Untersuchungen nahelegen, bezweifelt er – ebenso wie die immer stärker steigenden Zahlen der Opfer. Franke und eine Handvoll Mitstreiter haben deshalb einen Brandbrief an den Sportausschuss des Bundestags verfasst. Die Bewilligung sei zu lasch, man öffne "Trittbrettfahrern", Betrügern Tür und Tor – da bestehe Handlungsbedarf. Der Verfehlung schuldig gesprochen wurden vor allem Geipel und die Doping-Opfer-Hilfe. Zu Recht?

10.500 Euro Entschädigung

Geipel will das so nicht stehen lassen: "Wenn es Zweifel bei den Prüfungen gibt, dann muss man denen nachgehen. Wir sind da aber der falsche Ansprechpartner. Die DOH hat mit Entschädigungsanträgen nichts zu tun. Wir prüfen nicht und zahlen nicht aus", sagte sie diese Woche.  

Opfer des Staatsdopings in der DDR können eine einmalige Entschädigung von 10.500 Euro vom Staat beantragen. Das Gesetz dazu wurde 2002 aufgelegt. Es ist die Schlussfolgerung der Politik heute auf Verbrechen der Regierung von gestern – Verbrechen des DDR-Regimes, genauer gesagt. Schätzungen gehen zwischen 1974 und 1989 von weit mehr als 10.000 Sportlerinnen und Sportlern aus, die zwangsgedopt waren. Viele von ihnen minderjährig.

Inzwischen ist ein zweiter Fonds aufgelegt. Das Gesetz wurde vor wenigen Tagen verlängert, der Geldtopf noch mal aufgestockt. Anträge können die Opfer des Dopings nun bis Ende 2019 stellen. Eigentlich ist das ein Erfolg für die DOH – wenn die Auseinandersetzungen darum nicht wären.

Zwölf bis 15 Jahre verkürzte Lebenszeit

DDR-Doping - »Man sagte uns, es seien Vitaminpräparate« Petra Ostrowski trainierte als Jugendliche in der Kanuabteilung eines Berliner Sportvereins. Ohne ihr Wissen erhielt sie Dopingmittel. Sie ist Opfer des DDR-Dopings und fühlt sich alleingelassen. © Foto: Christiane Wittenbecher für ZEIT ONLINE

In Schwerin soll im Frühjahr 2019 eine Studie mit belastbaren Zahlen zu den Dopingschäden vorgestellt werden. Es ist die erste dieser Art – fast 30 Jahre nach dem Ende der DDR. Erste Ergebnisse der Traumaforscher Harald Freyberger und Jochen Buhrmann aus Greifswald und Schwerin legen nahe, dass die Lebenszeit von Dopingopfern zehn bis zwölf Jahre verkürzt ist. Das Risiko für ernsthafte Erkrankungen an Körper und Geist ist demnach um ein Vielfaches höher als für die restliche Bevölkerung. Auch über 400 geschädigte Kinder von Sportlerinnen und Sportlern sind schon beim DOH in Berlin dokumentiert. "Können Sie sich vorstellen, was das mit Betroffenen macht, wenn all dieses Leid infrage gestellt wird?", fragt Geipel. Wenn sie als Heulsusen und Trittbrettfahrer dargestellt werden.

Geipel nennt die Streitereien "unwürdig". "Wir haben hier eine völlig andere Realität." Hier, das ist für Geipel die ehrenamtliche Beratungsstelle. Denen, die anrufen, gehe es vor allem darum, ihr Leben für sich zu sortieren, sagt Geipel.

Die Verdienste Geipels sind unbestritten. Auch ihrer unermüdlichen Arbeit ist es zu verdanken, dass es überhaupt ein zweites Gesetz zur Entschädigung gibt. Und dass Betroffene eine Anlaufstelle haben. Im Juli vergangenen Jahres ist die DOH umgezogen. Sie hat jetzt in Berlin-Mitte einen Raum. Sie bietet Beratungen außer Haus an, Infoveranstaltungen im ganzen Land. Die Datenbank ist aufgearbeitet. Auch die Website ist neu. In den alten Räumen wäre für all das kein Platz gewesen, sagt Geipel. Auch für die Unterstützung von Forschungsprojekten mit aufeinander- und nebeneinandergetürmten Akten voller Dopingdokumente nicht. Zwei Schränke für noch mehr Ordner sollen bald kommen. Dazu ein großer Tisch zum Ausbreiten, eine Sitzgelegenheit für Gespräche. Zuhören, verstehen, wenn es geht, helfen – das, was Sport und Politik nicht tun.

Keine Diplomatin

Geipel hat Öffentlichkeit geschaffen und Opfern gleichzeitig Rückzug und Halt gegeben. Als willens- und lautstarke Lobbyistin hat sie über Jahre mit Politikern, Sportfunktionären, Altbelasteten und Geschichtsvergessenen gerungen. Auch Mitstreiter hat sie mit ihrer manchmal ruppigen Art vor den Kopf gestoßen. Weggefährten wie Uwe Trömer und Henner Misersky zogen sich im Groll zurück und machten zuletzt Stimmung gegen Geipel.

Geipel ist keine Diplomatin. Geipel streitet und ist streitbar – aber Geipel streitet im Sinne der Sache. Manchen Misston muss man ihr nachsehen angesichts des Leids, das sie seit Jahren täglich umgibt. Es empört eben, wenn der Schmerz infrage gestellt wird – oder der Kraftakt, den sie und die anderen im Ehrenamt leisten. 

Gemessen an 1.000 Entschädigten – wenn fünf Falsche dabei sind, sind die Botschaft dann nicht 995 kaputte Leben? Leid, Tränen, Sterben. Kommt es da wirklich auf einen an? Geipel macht die Debatte wütend und frustriert. Vielleicht auch verbittert und nachtragend, wie manche nun nach dem Rückzug mutmaßten. Ihr mit dem Benennen der "Sauerei" ein Nachtreten gegen Kritiker attestierten. Vielleicht war es das auch. Geipel hat viel Herzblut und Lebenskraft in den Verein gesteckt. Dass im Moment eines Abschieds unter diesen Umständen, erzwungenen Umständen, auch Enttäuschung aus ihr spricht, kann man ihr kaum verdenken. Eitelkeit, gar Bosheit, war es eher nicht.  

Geipels Rücktritt kann nicht als Kapitulation verstanden werden. Eher als ein Zurücknehmen, Zurückgehen zur Sache. Weg von den Einzelpersonen, hin zum großen Ganzen. Dass sie so denkt, nicht nur an sich denkt, muss man ihr hoch anrechnen.  

Vielleicht ist es Zeit für den nächsten Schritt

DDR-Doping - »Es ist eine vergessene Opfergruppe« Sie träumten von Glück und Medaillen, aber in der DDR wurden Tausende Sportler unwissentlich gedopt. ZEIT-ONLINE-Redakteur Oliver Fritsch kommentiert im Video, wie mit den Opfern des DDR-Dopings umgegangen wird. © Foto: Claudia Bracholdt

Bleibt nur die Frage, ob Geipel als Figur für den Verein zu ersetzen ist. Die Opferhilfe hat ohne Frage von der Eloquenz der Schriftstellerin profitiert. Ohne ihre Auftritte, auch und gerade die streitbaren, wäre der Verein, wäre die Arbeit nie so in die Öffentlichkeit gerückt. Geipel war das Gesicht und die Stimme der Opfer. Auch mit ihrem eigenen Schicksal: zwangsgedopt, von der Stasi bespitzelt und schikaniert, dann aus dem System geflüchtet – und schließlich den Neuanfang versucht und gewagt, im wiedervereinigten Deutschland. Dort räumte Geipel auch mit ihrem eigenen Mythos auf. Ihren Staffel-Weltrekord von 1984 hat sie zurückgegeben. Streichen wollte der Verband den Wert nicht – "den vergifteten", wie Geipel sagt.

Geipel steht für so vieles. Sie wird für die Opferhilfe nicht zu ersetzen sein. Vielleicht muss sie das aber auch nicht. Vielleicht ist es auch Zeit für den nächsten Schritt. Für neue Strukturen und neue Projekte. Geipel hat einiges schon angestoßen. Es könnte ihr Vermächtnis sein, neben der Aufmerksamkeit, die sie für die Opfer erreicht hat.

Auch Ehrenamt, so ehrbar es ist, gerät irgendwann an seine Grenzen. Bei der Opferhilfe haben sie das zuletzt zu spüren bekommen. Es braucht neue Strukturen. Ihr Nachfolger Michael Lehner scheint personell eine gute Wahl. Er kommt unaufgeregt und sachlich herüber. Ruhiger als Geipel. Er schlägt diplomatische Töne an. Ein Jurist und Sachverständiger. Aber das ist nicht die Hauptsache.

Es braucht professionelle Strukturen

 Geipel selbst hatte zuletzt immer wieder angemerkt, man müsse weg von der "Selbsthilfegruppe". Opfer helfen Opfern, das ging nicht mehr gut. Zu emotional ist das Thema – zu verwundbar die Betroffenen. Der öffentliche Streit, die persönlichen Anfeindungen resultierten zwangsläufig daraus. Das ist vielleicht das einzig Gute aus der Misere der letzten Wochen: dass diese Erkenntnis nun da ist. Es braucht professionelle Strukturen. Hauptamtlich Beschäftige.  

Der Verein führt diesbezüglich seit ein paar Wochen Gespräche. Das Bundesinnenministerium hat seine Unterstützung zugesagt. Nur wie genau – vor allem wo genau – es weitergeht, das ist noch unklar. Denkbar ist eine Auflösung des Vereins und Angliederung an den Verein Athleten Deutschland oder eine Stiftung. Für Geipel ist klar, dass es dann nicht mehr nur um Doping gehen kann. Eher um die "Opfer des Sports". Der Missbrauch im System geht über Medikamente hinaus und haftet nicht selten lebenslang. In jedem Fall weit über die Sportlerkarriere hinaus.

Auch die Forschung zu Dopingschäden muss weitergehen. Es braucht belastbare Zahlen – damit das Spekulieren und Streiten aufhört. Auch um mögliche weitere Hilfe durch die Politik anzufordern für die, die sie brauchen. Die Forschung in Schwerin und Greifswald hat die DOH unter Geipel maßgeblich angestoßen. Seit nunmehr drei Jahren forschen die Mediziner Harald Freyberger und Jochen Buhrmann mit dem Verein – und lieferten auch schon erste Ergebnisse.

Studie der Bundesregierung

Freyberger ist diese Woche unerwartet verstorben. Was das für die DOH heißt, lässt sich noch nicht absehen. Der Greifswalder hat zahlreiche Gutachten erstellt und Opfer betreut. Bei der Forschung zur Betroffenheit der zweiten Generation war er federführend. Ob seine Arbeit von Jochen Buhrmann und anderen fortgesetzt werden kann, ist noch offen. Die Bundesregierung hatte zuletzt angekündigt, eine Studie in Auftrag zu geben. 

Die Suche nach medizinischer Wahrheit ist ohnehin schwierig. 30 Jahre und mehr nach der Einnahme lassen sich Medikamente nicht mehr nachweisen. Dokumente über die Mittel gibt es kaum. Wer bekam welche Pillen und welches Pulver, wer welche Spritzen? Und welche Folgen sind dadurch bedingt? Was zum Beleg bleibt, ist die statistische Signifikanz – die Überzufälligkeit, dass bestimmte Schäden eben auffällig öfter bei den Ex-Sportlerinnen und -Sportlern auftreten als bei der Restbevölkerung. 

Die Herausforderungen werden nicht weniger, ob mit oder ohne Ines Geipel an der Spitze. Zu wünschen ist allen Beteiligten, dass im Sinne der Opfer die Kräfte wieder aufs Wesentliche vereint werden. Sie haben es auch ohne Streit schwer genug.