Am Ende verhöhnten ihn sogar die Fans des ärgsten Rivalen. "Don't sack Mourinho", sangen sie, eine Aufforderung an die Bosse von Manchester United, doch bitte auf gar keinen Fall José Mourinho zu entlassen. Schließlich wollen die Anhänger des FC Liverpool noch öfter solche Abende wie diesen erleben. 3:1 hatte Liverpool am Sonntag gegen United gewonnen, ein Ergebnis, das nicht einmal annähernd den Klassenunterschied wiedergab, Liverpool hätte ein halbes Dutzend Tore schießen müssen. Das stolze Manchester United, der umsatzstärkste Verein der Welt, war chancenlos. Auch wegen José Mourinho.

Der Portugiese war einmal ein ganz besonderer Trainer. "The Special One", wie er sich selbst nannte, hat über viele Jahre den Fußball geprägt. Er hat aus Verteidigen Kunst gemacht. Wer die wenigsten Fehler macht, gewinnt das Spiel, das war Mourinhos Idee. Deshalb überließ er stets dem Gegner den Ball, weil er glaubte, dass derjenige am meisten Fehler macht, der den Ball hat. Mit seinem radikalen Schurkenspiel voller Disziplin, Kraft und Siegesgewissheit gewann er mit seinen Mannschaften zwischen 2003 und 2010 17 Titel. Er wurde zum Antagonisten von Pep Guardiola, der genau das Gegenteil predigte, nämlich immer und überall den Ball haben zu wollen. Die Duelle zwischen beiden gehörten zu den intensivsten Fußballspielen der Welt. Auch weil sie als Spiele zwischen Gut und Böse, Halunken und Helden, weil sie als Glaubensfrage verkauft wurden.

Mourinho hat diese Deutung noch befeuert, hat Journalisten angebrüllt, sich nach einer Sperre angeblich im Wäschewagen in die Kabine geschmuggelt und dem Co-Trainer von Barcelona fast das Auge ausgekratzt. Er kultivierte den Ruf des genialen Fieslings. Wer Mourinho mochte, drückte auch dem Joker die Daumen, nicht Batman. Wir gegen alle anderen, so hat er die Reihen geschlossen. Die härtesten Spieler der Welt heulten, als er ihre Clubs verließ. Für Marco Materazzi ließ Mourinho nach dem letzten Spiel seine Limousine noch einmal anhalten, um den italienischen Verteidiger in die Arme zu nehmen. Beide schluchzten sekundenlang, ehe Mourinho sich die Tränen aus dem Gesicht wischte und wieder in sein Auto stieg. Rührender wird es nicht im Profifußball.

Und heute?

Manchester United hat am Dienstag José Mourinho entlassen. Glaubt man den Berichten aus England, dann weinen die Spieler von Manchester United derzeit eher vor Freude. Paul Pogba, Uniteds Vizekapitän und einer der besten und teuersten Mittelfeldspieler der Welt, ließ er gegen Liverpool auf der Bank. Mit ihm krachte es in den vergangenen Monaten öfters. Im ganzen Verein soll die Stimmung eisig sein. Das Händchen für seine Spieler ging dem schwarzen Pädagogen schon in Madrid verloren, wo er von Sergio Ramos und Co. irgendwann vertrieben wurde. Seine in Pressekonferenzen inszenierte Kotzbrockigkeit und öffentlichkeitswirksamen Ausbrüche am Spielfeldrand wie nach dem Glückssieg gegen die Außenseiter Young Boys Bern, als er wie ein Altrocker Wasserflaschen durch die Gegend schmiss, wirken nicht mehr unorthodox oder verbindend, sondern vor allem peinlich.

Wie so oft ist es der Erfolg, oder eben sein Fehlen, der in der Wirkung solcher Einzelheiten den Unterschied macht. In seinen zweieinhalb Jahren bei United gewann Mourinho zwar den Ligapokal und die Europa League, beides sind aber nicht die prestigeträchtigsten Wettbewerbe. In der englischen Liga ist er nur Sechster, der Abstand zum Tabellenletzten ist kleiner als der zum Tabellenführer. Der Club kann die Meisterschaft schon jetzt abschreiben. In der Champions League wäre es schon ein Erfolg, gegen Paris Saint-Germain ins Viertelfinale zu kommen.