Jörg Neblung ist seit 20 Jahren Spielerberater. Er betreute Robert Enke, momentan berät seine Agentur rund 40 Spieler.

ZEIT ONLINE: Jörg Neblung, heute endet in den großen europäischen Fußballligen die Transferzeit mit dem sogenannten Deadline Day. Bis 18 Uhr müssen die Wechsel abgeschlossen sein. Warum ist dieser Tag überhaupt so wichtig?

Jörg Neblung: Für die Clubs ist jetzt der Zeitpunkt, um den letzten Bedarf zu decken. Der Kader für den Rest der Saison muss stehen, mit diesem Team werde ich Meister oder steige ich ab. Die Direktoren fragen sich: Habe ich alle wichtigen Positionen ausreichend besetzt? Wenn sich meine beiden Torhüter verletzen, kann mein dritter das Level auch spielen? Solche Überlegungen müssen heute unwiderruflich zu Ende gebracht werden, nachbessern ist bis zum Sommer nicht mehr möglich. Am Deadline Day endet das Taktieren, entweder man wird sich jetzt einig oder gar nicht.

ZEIT ONLINE:
Vor allem in England ist der Deadline Day ein Feiertag: TV-Sender übertragen den ganzen Tag, Gerüchte machen die Runde, Reporter harren auf dem Clubgelände aus. Stimmt der Eindruck, dass es hoch hergeht?

Neblung: Es ist tatsächlich ein sehr hektischer Tag. Die Reporter, die an den Zufahrtsstraßen zu Clubzentralen stehen und auf vorbeifahrende Autos warten, die stehen da schon richtig. Der Zuschauer will nah dran sein und manchmal wird tatsächlich noch ein Spieler in letzter Minute vorgefahren. 

ZEIT ONLINE: Aber wie dramatisch ist es denn wirklich?

Neblung: Manchmal haben wir Betrieb auf allen Kanälen: Wenn am Morgen noch ein unerwarteter Anruf kommt und doch noch etwas umgesetzt werden muss. Dann organisiere ich Dinge, für die ich sonst eigentlich Tage oder Wochen Zeit habe: Eine Auflösung mit dem abgebenden Verein verhandeln, mit dem aufnehmenden einen Vertrag aufsetzen, den Medizincheck terminieren, die Anreise, die Unterbringung für den Spieler vereinbaren und ihn im Extremfall auf Verdacht schon mal los zum Verein schicken, mit dem Flugzeug oder im Auto. Und während ein Spieler unterschreibt, bespreche ich vielleicht mit einem anderen noch dessen Thematik. Jeder soll unterkommen. Meistens sind die Geschäfte aber schon vorher eingetütet.

Spielerberater Jörg Neblung aus Köln © Privat

ZEIT ONLINE: Was passiert wirklich am Deadline Day?

Neblung: Wir sind ja ständig mit den Vereinen im Gespräch, fragen deren Bedarf ab, hören uns um und gleichen den mit unseren Spielerlisten ab: Wer will sich verändern? Wer braucht noch etwas? Ich zum Beispiel werde häufig angerufen, wenn noch ein Torhüter gesucht wird oder abgegeben werden soll. Am Deadline Day wird dieses Wissen noch wichtiger, weil wir es schnell abrufen können, wenn es drauf ankommt. Man bespricht sich auch mit anderen Beratern: Wenn der einen passenden Spieler hat, der woanders gesucht wird. Man vernetzt sich, manchmal fädelt man da auch was ein. Das alles findet zwischen vierter und erster Liga statt, zwischen Israel und England. Je näher der Deadline Day rückt, desto mehr wird telefoniert und geschrieben.

ZEIT ONLINE:
Eric Maxim Choupo-Motings Wechsel scheiterte mal an einem Faxgerät. Warum wird eigentlich noch gefaxt?

Neblung: Ausdrucken, unterschreiben, wieder losschicken: Das war immer eine sehr effektive Methode. Und valide: Bei einem Fax wird oben das Datum und die Uhrzeit der Übermittlung aufgedruckt. Früher konnten beim Verband schon mal die Leitungen belegt sein, was um 17.50 Uhr schwierig wurde, wenn bis 18 Uhr alle Wechsel registriert sein müssen. Vor allem bei Spielern, die von Familienangehörigen betreut werden, ist das Fax heute noch verbreitet. Ich habe zwar auch noch ein Gerät, nutze es aber kaum noch. Heute geht alles per Mail.

ZEIT ONLINE: Platziert man als Berater auch mal selbst eine Meldung in den Medien?

Neblung: Auch das gibt es. Manche unterhalten Kontakte zu Journalisten und sorgen für Transfergerüchte zur entsprechenden Zeit. Berufseinsteiger, oder sagen wir ruhig Anfänger, versuchen sogar beim Portal transfermarkt.de die Werte ihrer Spieler zu frisieren und rufen dort an. Für die Medien ist der Deadline Day der perfekte Tag. Es gibt einen Countdown, viele Gerüchte und Vollzugsmeldungen im Minutentakt, große Summen und viele Fotos, heavy content bis der Arzt kommt.

"Für einige ist es der letzte Tag, um Geld zu verdienen"

ZEIT ONLINE: Für die Manager der Clubs ist es wohl eher Stress. Was sollten die an diesem Tag beachten?

Neblung: Immer einen Plan B zu haben, besser noch Plan C, D und E. Platzt mir mein Wunschtransfer, muss ich eiligst Alternativen abtelefonieren, die dann aber oft auch schon vom Markt sind. Der Deadline Day kann ein großes Vabanquespiel sein, wenn man schlecht vorbereitet ist.

ZEIT ONLINE: Was ist für Sie als Spielerberater wichtig?

Neblung: Grundsätzlich sollte man seine Spieler und ihre Wünsche kennen. Das erledige ich nicht am Deadline Day, das finde ich in den Gesprächen vorher heraus. Trotzdem muss man ständig präsent sein, damit nicht in letzter Sekunde ein anderer Berater einen Transfer mit deinem Spieler macht. Die reinen Vermittler, nicht Berater, interessiert nur der kurzfristige Deal, nicht die möglichst langjährige Zufriedenheit des Spielers. Der Vermittler klärt selten objektiv über die Konkurrenzsituation oder die Schwierigkeiten im Verein auf, handelt oft als Handlanger eines Vorstandsmitglieds oder Sportdirektors. Gab und gibt es alles. Diese speziellen Vermittler wollen nur einen Deal machen und bedienen oft noch Personen im Verein. Spieler aber benötigen Betreuung, Beratung und Vertrauen.

ZEIT ONLINE:
Wer ist an diesem Tag nervöser? Berater, Vereine oder Spieler?

Neblung: Alle die, die noch einen Vertrag schließen müssen. Spieler vielleicht am meisten, weil es um ihre Existenz, ihr Gehalt geht. Die Sportdirektoren, wenn die Öffentlichkeit oder, im schlimmsten Fall, der eigene Trainer vehement Neuzugänge fordern. Die Berater müssen liefern, weil sie sonst riskieren, ihren Spieler zu verlieren. Alle haben Druck, vor allem, wenn man auch am letzten Tag noch keine Lösung hat. Am schlimmsten ist es für Profis, die schon ein halbes Jahr lang arbeitslos sind und noch unterkommen müssen.

ZEIT ONLINE: Macht Ihnen das Spaß?

Neblung: Sagen wir es so: Ich bin trotz der vielen Jahre noch immer angespannt. Für einige Kollegen ist es der letzte Tag, um Geld zu verdienen und einen Wechsel in eine andere Branche doch noch zu vermeiden. Das spürt man. Der Provisionskuchen ist zwar größer geworden, aber es gibt auch deutlich mehr Stücke. Nicht mehr 20, wie noch zu meinen Anfangszeiten, sondern 2.000. Deutschland hat mehr selbst ernannte Berater als Erstligaspieler.

ZEIT ONLINE: Sie sind seit 20 Jahren im Geschäft. Gibt es Momente, die Sie doch noch überraschen?

Neblung: Oh ja. Manche Vereine nehmen ein Spiel am Vorabend des Deadline Days als Entscheidungsgrundlage für oder gegen eine Verpflichtung. Spielt ein Spieler da nicht so wie erhofft, kippt die Entscheidung noch. Und das, nachdem monatelang beobachtet und verhandelt wurde.

 ZEIT ONLINE: Werden an diesem Tag auch Grenzen überschritten?

Neblung: Was soll ich Ihnen sagen: Es gibt in dieser Branche schwarze Schafe genauso, wie es weiße gibt. Deshalb wird es immer skurrile Geschichten geben, von Wechseln, die in letzter Sekunde scheitern – oder eben gut gehen. Es ist jedes Mal aufregend genug.

ZEIT ONLINE: Was war ihr knappster Deadline-Deal?

Neblung: Gleich der zweite nachdem ich mich Anfang 2002 selbstständig gemacht hatte. Benjamin Auer, damals angeblich Deutschlands größtes Sturmtalent, war sich mit Mönchengladbach quasi einig über eine Verlängerung. Bis der Trainer Hans Meyer, dem Benni nicht devot genug daherkam, ihn wegen einer Boulevardstory ohne seine Beteiligung so rundgemacht hat, dass ihm klar wurde: Hier spiele ich nicht mehr. Eine eilige Konstruktion von mir musste her: ein Deal mit Bayer Leverkusen samt Leihgeschäft nach Mainz. Der Deadline Day fiel auch noch auf einen Sonntag, sodass die Frist um einen Tag verlängert wurde. An dem Montag hatte ich aber schon meinen Flieger nach Bali gebucht. Ich stieg also ein und wusste nicht, ob der Transfer klappt. Erst als ich ausstieg, bekam ich die Deal-done-SMS. Damals habe ich Lehrgeld bezahlt.