ZEIT ONLINE: Für die Manager der Clubs ist es wohl eher Stress. Was sollten die an diesem Tag beachten?

Neblung: Immer einen Plan B zu haben, besser noch Plan C, D und E. Platzt mir mein Wunschtransfer, muss ich eiligst Alternativen abtelefonieren, die dann aber oft auch schon vom Markt sind. Der Deadline Day kann ein großes Vabanquespiel sein, wenn man schlecht vorbereitet ist.

ZEIT ONLINE: Was ist für Sie als Spielerberater wichtig?

Neblung: Grundsätzlich sollte man seine Spieler und ihre Wünsche kennen. Das erledige ich nicht am Deadline Day, das finde ich in den Gesprächen vorher heraus. Trotzdem muss man ständig präsent sein, damit nicht in letzter Sekunde ein anderer Berater einen Transfer mit deinem Spieler macht. Die reinen Vermittler, nicht Berater, interessiert nur der kurzfristige Deal, nicht die möglichst langjährige Zufriedenheit des Spielers. Der Vermittler klärt selten objektiv über die Konkurrenzsituation oder die Schwierigkeiten im Verein auf, handelt oft als Handlanger eines Vorstandsmitglieds oder Sportdirektors. Gab und gibt es alles. Diese speziellen Vermittler wollen nur einen Deal machen und bedienen oft noch Personen im Verein. Spieler aber benötigen Betreuung, Beratung und Vertrauen.

ZEIT ONLINE:
Wer ist an diesem Tag nervöser? Berater, Vereine oder Spieler?

Neblung: Alle die, die noch einen Vertrag schließen müssen. Spieler vielleicht am meisten, weil es um ihre Existenz, ihr Gehalt geht. Die Sportdirektoren, wenn die Öffentlichkeit oder, im schlimmsten Fall, der eigene Trainer vehement Neuzugänge fordern. Die Berater müssen liefern, weil sie sonst riskieren, ihren Spieler zu verlieren. Alle haben Druck, vor allem, wenn man auch am letzten Tag noch keine Lösung hat. Am schlimmsten ist es für Profis, die schon ein halbes Jahr lang arbeitslos sind und noch unterkommen müssen.

ZEIT ONLINE: Macht Ihnen das Spaß?

Neblung: Sagen wir es so: Ich bin trotz der vielen Jahre noch immer angespannt. Für einige Kollegen ist es der letzte Tag, um Geld zu verdienen und einen Wechsel in eine andere Branche doch noch zu vermeiden. Das spürt man. Der Provisionskuchen ist zwar größer geworden, aber es gibt auch deutlich mehr Stücke. Nicht mehr 20, wie noch zu meinen Anfangszeiten, sondern 2.000. Deutschland hat mehr selbst ernannte Berater als Erstligaspieler.

ZEIT ONLINE: Sie sind seit 20 Jahren im Geschäft. Gibt es Momente, die Sie doch noch überraschen?

Neblung: Oh ja. Manche Vereine nehmen ein Spiel am Vorabend des Deadline Days als Entscheidungsgrundlage für oder gegen eine Verpflichtung. Spielt ein Spieler da nicht so wie erhofft, kippt die Entscheidung noch. Und das, nachdem monatelang beobachtet und verhandelt wurde.

 ZEIT ONLINE: Werden an diesem Tag auch Grenzen überschritten?

Neblung: Was soll ich Ihnen sagen: Es gibt in dieser Branche schwarze Schafe genauso, wie es weiße gibt. Deshalb wird es immer skurrile Geschichten geben, von Wechseln, die in letzter Sekunde scheitern – oder eben gut gehen. Es ist jedes Mal aufregend genug.

ZEIT ONLINE: Was war ihr knappster Deadline-Deal?

Neblung: Gleich der zweite nachdem ich mich Anfang 2002 selbstständig gemacht hatte. Benjamin Auer, damals angeblich Deutschlands größtes Sturmtalent, war sich mit Mönchengladbach quasi einig über eine Verlängerung. Bis der Trainer Hans Meyer, dem Benni nicht devot genug daherkam, ihn wegen einer Boulevardstory ohne seine Beteiligung so rundgemacht hat, dass ihm klar wurde: Hier spiele ich nicht mehr. Eine eilige Konstruktion von mir musste her: ein Deal mit Bayer Leverkusen samt Leihgeschäft nach Mainz. Der Deadline Day fiel auch noch auf einen Sonntag, sodass die Frist um einen Tag verlängert wurde. An dem Montag hatte ich aber schon meinen Flieger nach Bali gebucht. Ich stieg also ein und wusste nicht, ob der Transfer klappt. Erst als ich ausstieg, bekam ich die Deal-done-SMS. Damals habe ich Lehrgeld bezahlt.