Es war vielleicht der lauteste Moment der ganzen Handball-WM, als Jannik Kohlbacher gegen Spanien in der letzten Minute das 31:29 warf. Damit war klar: Deutschland würde auch dieses dritte Spiel in der WM-Hauptrunde gewinnen, 19.000 Kölner hüpften und grölten, als müssten sie den nebenan fließenden Rhein zum Schäumen bringen. Das DHB-Team zog mit diesem Sieg zum ersten Mal seit zwölf Jahren wieder in ein WM-Halbfinale ein, ungeschlagen. (Freitag, 20.30 Uhr, ARD)

Beide Teams waren nicht mit ganzer Kraft an die Partie gegangen, wie die Spieler nachher ehrlich sagten. Schon vorher war klar, dass Deutschland nur bei einer hohen Niederlage der Gruppensieg noch zu nehmen sein würde. Dazu waren die Spanier aber nicht bereit, für sie ging es um gar nichts mehr, sie waren ohnehin bereits ausgeschieden. 

Gleich zu Beginn trafen die Außenspieler Patrick Groetzki und Uwe Gensheimer, beide hatten gegen Kroatien kein gutes Spiel gemacht. Und Patrick Wiencek blockte allein in den ersten fünf Minuten drei Bälle der Spanier. Man sah: Auch dieses Spiel wollten sie gewinnen und "mit einem guten Gefühl nach Hamburg fahren", wie es Trainer Christian Prokop in einer der Auszeiten formulierte. Bis zur Halbzeit stand es 17:16. Im EM-Finale 2016 warfen die Spanier gegen diese deutsche Abwehr im ganzen Spiel nur 17 Tore, es war also alles nicht ganz ernst. Alle sahen das auch so, außer Torhüter Andi Wolff, der nach zehn Minuten aufgebracht zur Bank marschierte, weil es eine unnötige Zwei-Minuten-Strafe für einen seiner Vorderleute gegeben hatte.

In der zweiten Hälfte zogen die Deutschen davon, bis zu vier Tore betrug der Abstand, die meisten fielen aus dem Rückraum oder vom Kreis. Silvio Heinevetter, der Mitte der ersten Halbzeit für Wolff gekommen war, zeigte wichtige Paraden, als die Spanier drauf und dran waren, das Spiel zu kippen. Doch der Vorsprung hielt, Deutschland schlug Spanien und spielt am Freitag gegen Norwegen. Für alle, die erst jetzt die WM gucken werden: Hier sind die fünf Dinge, die Sie jetzt zur deutschen Mannschaft wissen sollten.

Die Torhüter und die Abwehr 

Deutschland hat die beste Abwehr des Turniers. Zwar ließen sie gegen Spanien mehr Würfe zu als noch in den Spielen zuvor. Doch dann steht da ja immer noch einer der beiden Torhüter. Wenn Wolff, dessen Paraden seiner Mannschaft den Sieg gegen Kroatien bescherten, eine Pause braucht, kommt Silvio Heinevetter. Er hielt gegen Spanien vor allem in der wichtigen Phase kurz vor dem Ende, als seine Vorderleute nervös wurden. Immer sprang die ganze Bank nach einem gehaltenen Ball auf und ballte die Fäuste. Dazu kommt Heinevetters große Stärke, Pässe spielen zu können wie ein Football-Quarterback. Der Pass über das halbe Feld auf den nach vorne sprintenden Matthias Musche sechs Minuten vor dem Ende war so einer. Heinevetter würde einen Ball wohl auch durch vorbeirauschende Autos auf einer sechsspurigen Straße werfen. Die beiden deutschen Torhüter könnten zu dem entscheidenden Faktor werden.

Oder es wird, wie schon im ganzen Turnier, die Abwehr. Patrick Wiencek bringt sich als Mauerteil für Donald Trump ins Gespräch, er blockt und blockt und blockt. Man sieht, dass er und Hendrik Pekeler jeden Tag zusammen in Kiel trainieren, sie kennen die Schritte des anderen, verstehen sich. Wiencek ist – obgleich groß und kräftig – flink auf den Beinen. Mit kleinen Trippelschritten ist er es, der im Zentrum die Abwehr verschiebt und dirigiert, sei es in der 6-0-Formation, oder, wie gegen Kroatien, in der offensiveren 3-2-1-Variante. Mit der deutschen Abwehr steht und fällt das Ergebnis dieses Turniers, auch wenn die Spanier im letzten Spiel der Hauptrunde häufig durchbrachen. Meistens, wenn Wiencek nicht auf dem Feld stand.

Der Trainer

Vor Kurzem erzählte Torhüter Silvio Heinevetter eine Geschichte aus der Kabine. Der Bundestrainer rief seinen Abwehrhünen Finn Lemke plötzlich "Finni". Keiner nannte ihn so. Als der sich bei Prokop erkundigte, warum denn jetzt Finni, sagte der: "Seitdem ich dich mag." Es mag eine Randnotiz sein, doch noch bei der verpatzten EM 2018 war Lemke zunächst nicht und dann nur nachnominiert worden. Team und Trainer haben sich wieder angenähert, sie sind jetzt eine Einheit.

Es ist gerade ein Jahr her, da sprachen Spieler davon, dass es Rücktritte geben werde, falls Prokop weiter machen sollte. Und jetzt? Jeder kann es sehen: Prokop fordert die Meinung seiner Führungsspieler in den Auszeiten ein, statt selbst zu diktieren. Bei den Nominierungen lag er bisher auch richtig, auch wenn Patrick Groetzki ein Ersatz auf Rechtsaußen guttäte. Doch Prokop wollte mehr Wucht im Rückraum, das zahlt sich bisher aus. Und das Spiel mit dem siebten Mann, der für den Torhüter aufs Feld kommen darf und das ihm die EM 2018 gekostet hatte, war einer der Schlüsselmomente gegen Kroatien. In der Vorrunde gegen Serbien hatte es noch Pfiffe gegeben, als der Test schief ging. Die, die ihn gut kennen, wie Stefan Kretzschmar, bewundern ihn dafür, dass er jetzt, wo es läuft, nicht nachtragend wird, sondern heben seine menschlichen Qualitäten hervor. So gelassen wie bisher sollte er auch in den anstehenden hektischen Momenten bleiben, wenn die ganze WM in Sekunden auf der Kippe stehen kann.