Zur Begrüßung dröhnt bekanntes Liedgut über die Lautsprecher, ein Klassiker aus dem Winter 2007. Wenn nicht jetzt, wann dann? von der Kölner Karnevalskombo Höhner läuft am Dienstagabend in der großen Halle des Sportforums Berlin-Hohenschönhausen. Mit diesem Song im Ohr ist Deutschlands Handball-Nationalmannschaft bei der letzten Weltmeisterschaft im eigenen Land, auch bekannt als "Wintermärchen", bis zum Titel gestürmt. Bei der Siegerehrung in Köln klebten sich alle Beteiligten Heiner-Brand-Bärte unter die Nase – eine Hommage an den Bundestrainer auf seinem Höhepunkt.

Zwölf Jahre später steht Deutschland wieder eine WM ins Haus, am Donnerstag eröffnet die Nationalmannschaft das Turnier in Berlin gegen ein vereintes Team aus Korea (ab 18 Uhr live im ZDF). Wenn das Training am Dienstag ein Probelauf für die Stimmung in den nächsten zweieinhalb Wochen war, lässt sich zumindest eines festhalten: An Aufmerksamkeit und Zuspruch wird es dem Gastgeber nicht mangeln.

In Berlin zahlten 1.800 Besucherinnen und Besucher je zwei Euro Eintritt (die an ein Kinderhilfsprojekt in Hanoi gespendet wurden), um die sechzehn Auserwählten kurz vor dem Startschuss zu sehen und Autogramme abzugreifen; zu schlecht besuchten Bundesliga-Spielen kommen weniger. Mehr als ein Dutzend Kamerateams bauten ihre Technik auf, gut 900 Journalisten und Journalistinnen haben sich für die WM akkreditiert, die zum ersten Mal in zwei Ländern ausgetragen wird, neben Deutschland auch in Dänemark. Für den Deutschen Handballbund (DHB) sind das neue Dimensionen. "So euphorisch wir bei unseren Testspielen in Hannover und Kiel verabschiedet worden sind, so großartig war der Empfang hier in Berlin", sagt Bundestrainer Christian Prokop.

Rein sportlich kreisen allerdings Fragezeichen über der Mannschaft. Wie ist es um ihre Konkurrenzfähigkeit auf höchstem Niveau bestellt? Ist die verpatzte Europameisterschaft vor einem Jahr tatsächlich vergessen? Können die Spieler als Einheit überzeugen, das Publikum mitnehmen und begeistern? Dem Druck standhalten? "Als Gastgeber sind wir nicht automatisch Mitfavorit, das muss jedem klar sein", sagt Prokop.

Es gilt: einig sein

In der Tat haben die Deutschen keinen Ausnahmekönner in ihren Reihen, keinen großen Individualisten, dem sie im Zweifel den Ball in die Hand drücken und der auch etwas damit anzufangen weiß. Sie haben keinen wie den Dänen Mikkel Hansen, den Norweger Sander Sagosen oder den Franzosen Nikola Karabatić (der diesmal verletzt fehlt).

Aber sechzehn erstklassige, schlachterprobte Handballer haben die Deutschen allemal. Sie müssen als Mannschaft funktionieren, sich einig sein. Nicht so, wie zuletzt vor einem Jahr bei der EM in Kroatien, die der Bundestrainer um ein Haar mit seinem Job bezahlt hätte.

Prokop zeigte sich nach seinem ersten großen Turnier einsichtig, auch deshalb durfte er bleiben. Über seine Methoden sagte er kürzlich in einem Interview: "In der Schule würde man von Frontalunterricht sprechen, also dass man alles vorgibt. Das war falsch." Inzwischen räumt er mehr Mitspracherecht ein, auch in taktischen Fragen, geht auf die Spieler zu. So besuchte er seinen Kapitän Uwe Gensheimer, den einzigen Legionär im deutschen Kader, in dessen neuer Heimat Paris, auch reiste er mit der Mannschaft sieben Tage durch Japan, um zwischenmenschliche Differenzen auszuräumen. Er ging nach Canossa.