Nikita Chruschtschow und Leonid Breschnew hätte es auch gefallen. Wer am Sonntag zum Finale der Handball-Weltmeisterschaft nicht mindestens ein rotes Teil am Körper trug, lief akute Gefahr, der Halle verwiesen zu werden. Wikingerhelm, Angelhut, Brille, Pullover, Perücke – Hauptsache rot. In Herning, 200 Kilometer hinter der deutschen Grenze mitten im dänischen Niemandsland, hätte auch der Parteitag der KPdSU stattfinden können.

Die 45.000-Einwohner-Stadt und die 15.000 in der Arena hatten sich herausgeputzt für einen Abend, an dessen Ende ein historischer Erfolg stehen sollte: Die anerkannte Handball-Nation Dänemark gewann zum ersten Mal die WM im Herrehåndbold und holte damit auch den letzten großen Titel, der ihr bis dahin verwehrt geblieben war. Nach 60 einseitigen, hochklassigen und unfassbar lauten Minuten setzten sich die Dänen mit 31:22 (18:11) gegen Norwegen durch.

Norwegen? War da nicht was? Es handelte sich tatsächlich um das Team, das zwei Tage zuvor in Hamburg recht kompromisslos und souverän den zweiten WM-Gastgeber aus dem Turnier geworfen hatte: Deutschland. Den Gedanken, wie das deutsche Team womöglich gegen diese übermächtigen Dänen ausgesehen hätte, man verwarf ihn am besten ganz schnell. Die Herren in den rot-weißen Trikots brannten wie in den knapp zweieinhalb Turnierwochen zuvor ein Feuerwerk ganz ohne Pyrotechnik ab und holten am Ende den zehnten Sieg im zehnten Spiel. Danish Dynamite 2.0.

Champagner auf dem Feld

"Wenn ich heute ins Bett ginge, wäre ich enttäuscht von mir", sagte der Nationaltrainer Nikolaj Jacobsen später. Normalerweise ist der 47-Jährige, der im Hauptberuf den Bundesligisten Rhein-Neckar Löwen verantwortet, ein strenger, autoritärer Vertreter seines Fachs. Am Sonntagabend rang er mit den Tränen. "Ni-ko-laj! Ni-ko-laj!" schallte es von der mächtigen Stehplatztribüne, auf der sich die Menschen noch lange nach Abpfiff wie Ölsardinen in einer Dose drängten. Unten auf dem Feld floss da längst Champagner, und oben in der Ehrenloge jubelten der dänische Kronprinz und seine Prinzessin mit. Nach dem Olympiasieg 2016 in Rio de Janeiro ist das kleine Land mit seinen knapp sechs Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern mal wieder das Zentrum des Handball-Universums.

Angesichts dieser Tatsache ging selbst der große Schweiger im Team, der Ausnahmekönner Mikkel Hansen, richtig aus sich heraus. Er führte mit der Schlusssirene den Spielerpulk aufs Feld, in dessen Mitte er kurz darauf selbst stand: Seine Kollegen widmeten ihrem Anführer ein Freudentänzchen, Hansen machte bereitwillig mit und gab den Hampelmann. Obwohl die Dänen im Endspiel eine geschlossene Mannschaftsleistung gezeigt hatten, wussten alle Beteiligten: Ohne den zweifachen Welthandballer wären sie nicht so locker durch die WM gerauscht, dass sie die zuvor starken Norweger im Finale derart hatten deklassieren können. 

Hansen ist der Hipster unter den Handballern. Lange Mähne, Stirnband, ein ordentlicher Bart, dazu die langen, dünnen Beine, die wunderbar in jede Röhrenjeans passen – rein optisch könnte er ein veganes Café in Berlin-Friedrichshain betreiben. Seine Kernkompetenz liegt allerdings woanders: Er trifft auf dem Handballfeld fast ausnahmslos die richtigen Entscheidungen, deshalb laufen bei ihm auch alle Fäden zusammen, im dänischen Team wie bei seinem Arbeitgeber Paris Saint-Germain. Bei dieser WM hat Hansen 72 Tore selbst erzielt und 37 vorbereitet, zwei herausragende Werte. Im Finale wies seine Statistik am Ende sieben eigene Treffer und fünf Assists aus – für die meisten Handballer auf diesem Niveau ein starker Abend, für Hansen dagegen solider Durchschnitt.

Ein Schelm, wer ...

In einem Vorrundenspiel war er drauf und dran, den Rekord seines Coaches Nikolaj Jacobsen für die meisten Tore in einem Länderspiel der dänischen Nationalmannschaft zu brechen: Hansen stand nach 50 Minuten bei 14 Treffern, dann nahm ihn Jacobsen vom Feld. Die Bestmarke des Nationaltrainers liegt bei 15 Toren. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Im Sinne der Allgemeinheit und des sportlichen Erfolgs verzichtete die dänische Presse in den Tagen danach sogar weitestgehend darauf, die Geschichte auszuschlachten.

Hansen lassen solche Manöver ohnehin kalt, am Sonntag marschierte er wie gewohnt vorneweg. Es dauerte 40 Sekunden, bis er zum ersten Mal mit dem Kopf durch die norwegische Abwehrwand donnerte und einen Siebenmeter erzwang. Die 15.000 in der Arena von Herning, die zuvor die Nationalhymne ohne jede musikalische Begleitung geschmettert hatten, ließen erneut die Wände wackeln. Selbstverständlich war es kurz darauf auch Hansen, der seine Farben mit einem Rückraum-Hammer zum ersten Mal in Führung brachte (4:3). Selbst die Physiotherapeutin auf der dänischen Ersatzbank hüpfte an der Seitenlinie umher.