Es dürfte nicht viel Spaß machen, gegen einen Handballer im Dosenwerfen anzutreten. Gegen Fabian Wiede etwa. Der deutsche Linkshänder trifft sicher auch mit verbundenen Augen. Zumindest konnte man diesen Eindruck gewinnen, als er seine sechs Tore im WM-Hauptrundenspiel der Deutschen gegen die Kroaten ins Tor schweißte.

Er traf immer. "Er hat wahnsinnig gespielt", sagte sein Trainer Christian Prokop. Sechs von sechs Würfen fanden ihren Weg ins Tor, vier oben links, einer oben rechts, einer unten rechts. Wiede traf, wenn Deutschland ausgleichen musste. Wiede traf, wenn Deutschland lange kein Tor mehr geworfen hatte. Wiede traf, wenn Deutschland in Führung gehen musste. Wiede war der größte deutsche Rettungsschirm seit 2008.

Wiede gab auch Torvorlagen. Er wurde zu Recht zum Spieler des Spiels gekürt. All seine Kollegen erwähnten den rechten Rückraumspieler, als sie über das Spiel sprachen. Erste Wortspiele machten die Runde: Wir sind wiede wer.

Deutschland steht nach dem 22:21 gegen Kroatien zum ersten Mal seit dem WM-Sieg 2007 wieder im WM-Halbfinale, und das schon nach dem zweiten von drei Spielen der Hauptrunde. Es war ein heftiger Kampf zweier gleich starker Weltklasseteams, die wie zwei Steinböcke ihre Hörner aneinanderstießen. Werbung für den Handball, die Temposportart, die oft bis zur letzten Sekunde ihren Sieger nicht kennt. Wahrscheinlich der beste Montagabendkrimi, der jemals im ZDF lief.

Schon früh, in zwei Szenen, zeigte sich, worauf das hinauslaufen würde. In der ersten hielt Kroatiens Kreisläufer Željko Musa, zwei Meter hoch und 100 Kilo schwer, seinen Widersacher Hendrik Pekeler, der mit dem Rücken zu ihm stand, fest im Griff, schleuderte ihn nach links, nach rechts. Pekeler zuckte hin und her wie ein zwei Meter großer Aal, bis er zu Boden ging.

In der zweiten kämpfte Musa auf der anderen Seite mit Uwe Gensheimer und Paul Drux in einem Bodenkampf, der jeden griechisch-römischen Ringer stolz gemacht hätte – ein Knäuel aus Männern. Als die Schiedsrichter abpfiffen, tätschelte Gensheimer am Boden den Kroaten, fast hätten sie geknutscht, und dann halfen sich sich gegenseitig auf.

Ein tragischer Moment war, als Deutschland seinen Spielmacher Martin Strobel verlor, der sich das Innenband und das vordere Kreuzband im linken Knie riss. Ein Stimmungsdämpfer, als er aus der Halle getragen wurde. Viele im Kölner Publikum machten einen kroatischen Verteidiger dafür verantwortlich, doch Strobels Knie hatten sich verdreht, bevor dessen Arm am Hals gelandet war. Trotzdem: Ab jetzt wurde jeder Angriff der Kroaten ausgepfiffen.

Als Deutschland in doppelte Unterzahl geriet und Uwe Gensheimer einen Siebenmeter an den Pfosten warf, führten die Kroaten 6:4. Als Deutschland wieder komplett war, glichen Steffen Fäth und Jannik Kohlbacher mit wichtigen Toren aus.

In der Abwehr stellte Prokop von der üblichen 6:0-Variante auf die offensivere 3-2-1-Deckung um. "Hinten auskotzen, dann können wir immer noch wechseln", sagte er in einer Auszeit. Und später: "Hinten entscheiden wir das Spiel heute."

Sie mussten irgendwie den flinken kroatischen Spielmacher Igor Karačić stoppen, der selbst traf oder seinen Kreisläufer Musa ins Spiel brachte. Die 3-2-1-Variante störte ihn mehr, er machte nun Fehler. Die Abwehr, sie ist Deutschlands Versicherung in diesem Turnier.