Einer der Momente dieser Handball-WM: In der Vorrundengruppe C trafen die beiden großen Favoriten Dänemark und Norwegen aufeinander, 15.000 Zuschauer strömten in die Halle im dänischen Herning, in der am Sonntag auch das WM-Finale ausgetragen wird. Mikkel Hansen, dänischer Volksheld, Inhaber einer Beratungsfirma, vor allem für Models, Gründer eines Antimobbingprojekts, das von der dänischen Prinzessin unterstützt wird, vor allem aber Dänemarks bester Handballer, warf sagenhafte 14 Tore. Er setzte sich damit an die Spitze der Torjägerliste. Hätten Sie es gewusst? Kennen Sie die ersten drei der Torjägerliste? Kennen Sie Hansen überhaupt?

Falls nicht, ist das kein großes Wunder. Obwohl die Handball-WM seit fast zwei Wochen in Dänemark und Deutschland stattfindet, wird fast ausschließlich über das deutsche Team berichtet. Deswegen bekam kaum jemand mit, wie der isländische Torhüter Björgvin Páll Gústavsson drei Bälle an den Kopf bekam und anfing, zu tanzen. Wie Katar, immerhin Vizeweltmeister 2015 und Deutschlands Bezwinger bei der vergangenen WM, abgeschlagen nur 13. wurde. Und wie Kiril Lazarov mit 38 Jahren für Mazedonien noch immer 48 Tore geworfen hat.

Nur die deutschen Gegner können sich glücklich schätzen, auch ein wenig Aufmerksamkeit zu bekommen. Was aber in Dänemark passiert, wo die Einschaltquoten bei dänischen Spielen bei 80 Prozent liegen, oder wie die anderen Gruppen aussehen, dazu muss man schon Szenemedien verfolgen. Deutschland berichtet vor allem über Deutschland, auch ZEIT ONLINE ist da keine Ausnahme.

Dagegen ist zunächst nichts einzuwenden: Das Team von Christian Prokop spielt aggressiven und erfolgreichen Handball, ist noch ohne Niederlage in diesem Turnier und stand schon frühzeitig als Halbfinalist fest. Die Abwehr verteidigt herausragend und die Stimmung in den Arenen ist prächtig. Während des Spiels gegen Kroatien schauten mehr als zehn Millionen zu. Jeder dritte, bei dem der Fernseher lief, guckte Handball. Schon am Wochenende schlugen die Handballer die Fußballbundesliga. Ein Medientheoretiker könnte das mit Nachrichtenfaktoren wie persönlicher Betroffenheit oder Identifikation und Personifikation erklären. Man guckt eben gerne, was man kennt.

Traumhafte Zeiten für die Handballer, die sich danach sehnen, zumindest kurz aus dem Schatten des Fußballs herauszutreten. "Jetzt geht es los, jetzt interessiert sich jeder dafür", zitierte DHB-Vizepräsident Bob Hanning nach dem Kroatienspiel stolz aus der SMS eines mit ihm bekannten Verlagsleiters.

Und doch hat das auch einen unschönen Beigeschmack: "Wir selbst kriegen von Dänemark nichts mit", sagte Hanning schon in der ersten Woche, "ich habe meine WM hier in Deutschland." Es sollte fokussiert auf die eigenen Ziele klingen, doch dem Satz wohnt auch ein bisschen Wehmut inne.

Denn eine WM lebt auch von ihren Gästen. Die Erinnerungen, die viele noch an den Sommer der Fußball-WM 2006 haben, sind die Begegnungen mit Fans anderer Länder: durchgefeierte Nächte mit 20 Schweden oder ICE-Fahrten, auf denen man australische Landeskunde erhielt.