Johannes "Jogi" Bitter, 36 Jahre alt, ist Deutschlands Handball-Torhüter Nummer drei. Verletzt sich einer der beiden nominierten Keeper während der WM, wird er zum Einsatz kommen. 2007 wurde er mit Deutschland Weltmeister.

ZEIT ONLINE: Herr Bitter, seit bald 20 Jahren ist es Ihr Job, bretthart aufgepumpte Handbälle abzuwehren, die durchtrainierte Hünen mit voller Wucht auf Ihr Tor abfeuern. Werden Sie die Schmerzen nicht vermissen, wenn Sie irgendwann nicht mehr zwischen den Pfosten stehen?

Johannes Bitter: Gute Frage. Habe ich mir so noch gar nicht gestellt. Das ist ja eigentlich ein Widerspruch in sich: Irgendjemand donnert mir eine Harzkugel in die Magengrube und die ganze Halle fängt an zu jubeln. Vielleicht braucht man das einfach als Torwart. Und gut möglich, dass ich das irgendwann mal vermissen werde.

ZEIT ONLINE: Ihre Torwartkollegen gehen häufig Hobbys nach, die sie als Adrenalinjunkies outen. Wie holen Sie sich den Kick, wenn mal gerade nicht die Möglichkeit besteht, einen Ball mit dem Gesicht abzuwehren?

Bitter: Ich bin Vater von drei Kindern, das reicht mir an zusätzlichen Adrenalinschüben.

ZEIT ONLINE: Den größten Auftritt Ihrer Karriere hatten Sie im WM-Finale 2007, als sie nach 34 Minuten für den verletzten Henning Fritz ins Tor mussten. Wie haben Sie diese Szene in Erinnerung?

Bitter: Als Fritze nach der Abwehr so komisch aufkam und gleich zu humpeln begann, war mir sofort klar: Du musst jetzt spielen, der kommt nicht mehr wieder. Ich half mit, ihn vom Platz zu tragen, er sagte noch ein paar aufmunternde Worte, die ich sofort wieder vergaß und dann ging das Spiel auch schon weiter.

ZEIT ONLINE: Die deutsche Nationalmannschaft führte 21:14, die 19.000 Zuschauer in der Kölner Arena begrüßten Sie mit "Jogi, Jogi"-Rufen. Sie waren zu diesem Zeitpunkt 24 Jahre alt. Wie geht man mit so einer besonderen Situation um?

Bitter: Als ich die ersten Bälle nicht zu fassen bekam und die Polen Tor für Tor aufholten, sah ich vor meinem geistigen Auge schon die Bild-Schlagzeile für den nächsten Tag: "Jogi Bitter verkackt WM-Finale!" Weltmeisterschaft im eigenen Land, Finale mit eigentlich beruhigender Führung, die Halle am Durchdrehen, die halbe Nation vor dem Fernseher – das habe ich in den ersten Minuten alles komplett an mich rangelassen.

ZEIT ONLINE: Und dann?

Bitter: Erinnerte ich mich daran, was ich mit meinem Sportpsychologen erarbeitet hatte und was mir ein früherer Torwarttrainer mal mit auf den Weg gegeben hatte: "Wenn es nicht läuft, stell dir einfach vor, es wäre nur eine Trainingseinheit."

ZEIT ONLINE: Wie schafft man das?

Bitter: Indem man versucht, sich von außen zu beobachten, um festzustellen, ob man sich richtig verhält. Was ich in den ersten Minuten nach der Einwechslung nicht tat. Mir sausten Gedanken durch den Kopf, die man nicht haben sollte, wenn man eine gute Leistung bringen will. Also versuchte ich, mich selbst zu beruhigen. Ich sagte mir: Hey, auch das hier ist nur ein Handballspiel, und ganz egal, wie es ausgeht: Auch morgen geht die Sonne wieder auf. Gleichzeitig versucht man in solchen Situationen all die Vorteile zu erkennen, die so ein Endspiel mit sich bringt: Wir standen im WM-Finale, führten, ich hatte super trainiert, war topfit, hatte im Turnierverlauf gute Spiele gemacht und stand deshalb jetzt auch vollkommen zu Recht im Tor. Solche Gedanken bringen eine gewisse Lockerheit zurück und die braucht man, um nicht zu verkrampfen. Zum Glück funktionierte das.

ZEIT ONLINE: Die Polen kamen bis auf ein Tor heran, kurzzeitig drohte das komplette Spiel in eine andere Richtung zu kippen. Wann wurde Ihnen klar, dass das nicht passieren würde?

Bitter: Nach der Szene mit Damian Wleklak.

ZEIT ONLINE: Der bei einem Tempogegenstoß ganz allein auf Ihr Tor zulief und den Ausgleich hätte erzielen können.

Bitter: Als Wleklak auf Höhe der Mittellinie lossprintete, wusste ich: In zwei Sekunden ist der da. Unglaublich, was einem in zwei Sekunden alles durch den Kopf gehen kann! Ich dachte: Du musst den jetzt richtig unter Druck setzen, also stürzte ich aus meinem Tor und wir stürmten beide aufeinander zu. Er feuerte den Ball ab, ich erwischte ihn am Hals und verhinderte das Tor. Einer der größten Momente meiner Karriere.