An guten Tagen stemmt Sarah Davies locker das Doppelte ihres Körpergewichts – mehr als 120 Kilogramm. In Grünstadt, einer kleinen Stadt in Rheinland-Pfalz, 13.000 Einwohner, am nördlichen Ende der Weinstraße, steht sie auf der Wettkampfbühne. Der heimische Kraftsportverein empfängt in der 1. Bundesliga der Gewichtheber die Mannschaft aus dem Karlsruher Stadtteil Durlach.

Davies ist bei den Gastgebern die Leistungsträgerin. Die 26-Jährige aus dem nordenglischen Leeds ist mehrfache britische Meisterin, bei den Commonwealth Games 2018 gewann sie Silber. Seit Davies vor vier Jahren in der Regionalliga zu den Pfälzern gestoßen ist, geht es für sie und den KSV nur noch nach oben.

Doch das ist nicht das Besondere an ihrer Geschichte: Dass die junge Frau an diesem Abend auf der Bühne steht, ist das Ergebnis eines schmerzhaften Kampfes gegen Mobbing und Vorurteile, stereotype Rollenbilder und Schönheitsideale, Zweifler und Internettrolle. Davies hat ihn gewonnen. Mehr als das sogar: Denn die erfolgreiche Profigewichtheberin ist auch die amtierende Miss Intercontinental England – und damit Gewinnerin eines der größten Schönheitswettbewerbe ihres Landes.

Wenige Stunden vor dem Wettkampf sitzt Davies im Grünstadter Vereinsheim und erzählt von ihrer Reise, wie sie es nennt. Die Wände sind holzgetäfelt, in der Ecke stapeln sich Biertischgarnituren, Poster zeigen die richtige Ausführung von Dehn- und Kraftübungen. Weinschorlen werden hier in halben Litern getrunken, wer seine in der kleinen Variante bestellt, outet sich unweigerlich als Auswärtiger. Die Britin fühlt sich wohl hier. Nicht zuletzt, weil das deutsche Ligensystem ihr, wie vielen anderen ausländischen Sportlern, dabei hilft, regelmäßig Wettkampfpraxis zu sammeln.

Davies trägt Kapuzenpulli und Trainingshose, die langen dunklen Haare hat sie zu einem Zopf gebunden. Sie ist eine kleine, energiegeladene Frau, die viel und laut lacht, vor allem, wenn man sie auf diesen vermeintlichen Gegensatz anspricht. "Schon klar, ich passe in keine dieser Schablonen. Schönheitsköniginnen müssen dünn und blond sein, Gewichtheberinnen burschikos und dick. Ich kann leider mit nichts davon dienen." Ganz so entspannt war ihr Verhältnis zum eigenen Körper allerdings nicht immer.

Mit 14 hält sie die Hänseleien nicht mehr aus

Anfang der Nullerjahre in einem kleinen Dorf in der Nähe von Preston, einer Stadt mit etwa 180.000 Einwohnen im Nordwesten Englands: Die 10-jährige Sarah ist ambitionierte Kunstturnerin. Im Fernsehen verfolgt sie die Commonwealth Games, die Sportlerinnen im britischen Dress faszinieren sie – so möchte sie irgendwann auch einmal sein. Unwahrscheinlich ist das zu dieser Zeit jedenfalls nicht: Sie hat Talent und misst sich bereits mit den Besten ihres Jahrgangs.

Doch mit 14 Jahren schmeißt Davies hin. Sie hält die Hänseleien in der Schule einfach nicht mehr aus. Das athletische breite Kreuz und die kräftigen Oberarme genügen ihren Klassenkameraden, um das Mädchen mit Spott und Häme zu übergießen. Dass sie wie ein Junge aussehe, ist dabei noch das Harmloseste. Unablässig hört sie die Sticheleien und Vorurteile, bis die junge Sportlerin ihren muskulösen Körper als Feind betrachtet. "Ich wollte irgendwann einfach nur noch normal sein."