Als Stefan Kretzschmar Teenager war, wurden er und seine Freunde von Skinheads überfallen. Kretzschmar wurde bewusstlos geschlagen, einer seiner Freunde starb. Vielleicht muss man das wissen, um zu erkennen, dass Stefan Kretzschmar gerade missverstanden wird.

In einem Interview hatte Kretzschmar gesagt, es gebe in Deutschland de facto keine Meinungsfreiheit und Sportler bekämen Probleme, wenn sie Meinungen vertreten, die der Mehrheit nicht passten. Einige haben ihn wohl versehentlich missverstanden, andere ganz bewusst. Die AfD kam kaum hinterher, seine Aussagen zu verbreiten, passt der Groll gegen die sogenannten Mainstreammedien mit ihren sogenannten Mainstreammeinungen doch gut ins Konzept. Da benutzt der rechte Rand also einen Mann, der mal rote Haare trug und viele, viele Ohrringe und auch mal einen Pferdeschwanz. Einen Mann, der "Handball-Punk" genannt wurde und der in demselben Interview über seine Zeit in der linken Szene und bei den Hausbesetzern sprach. Reichlich absurd.

Zumal es in dem Interview gar nicht um Kretzschmars politische Position geht. Sie ist für die Grundthese, die er aufgestellt hat, eigentlich auch erst einmal egal. Die Frage ist: Bekommt ein Sportler tatsächlich Probleme, wenn er politische Meinungen vertritt, die außerhalb eines bestimmten Korridors liegen? Die Antwort: wahrscheinlich schon.

Es wird schärfer geschossen

Kretzschmar konnte seine Aussage zwar nicht mit Beispielen belegen, aber angenommen ein deutscher Fußballnationalspieler würde sich, um zwei Extrembeispiele zu verwenden, als Kommunist oder Nazi offenbaren – natürlich bekäme er ein Problem. Ziemlich sicher würden Werbepartner abspringen. Ziemlich sicher würde er Probleme mit seinem Arbeitgeber, den Clubs bekommen, die ihre Einkommen ja von Fans beziehen und deswegen am liebsten so wenig angreifbar wie möglich sein wollen, um möglichst allen zu gefallen.

Kommunist oder Nazi. In der Realität muss es gar nicht so extrem werden. In den USA findet der NFL-Profi Colin Kaepernick keinen Verein mehr, weil er einen Protest initiierte, der auf die Polizeigewalt gegen Schwarze aufmerksam machte. Eine Haltung, die in der American-Football-Welt außerhalb des Sagbaren zu liegen scheint. Mats Hummels twitterte mal etwas von Gutmenschen (in einem völlig anderen Kontext, als es von AfD-Anhängern als Verhöhnung gesellschaftlich engagierter Menschen benutzt wird übrigens), doch der Shitstorm ließ nicht lange auf sich warten.

Es wird schärfer geschossen, die Reflexe werden stärker. Soziale Medien verschärfen und verkürzen den Diskurs, nicht nur, aber auch. Das sieht nicht nur Robert Habeck so. Auch die Reaktionen auf das Kretzschmar-Interview zeigen, dass er so falsch nicht liegen kann.