Der Meistermacher – Seite 1

American-Football-Fans amüsieren sich mal wieder über eine Karte der USA. Sie zeigt, wie die Sympathien für den Super Bowl verteilt sind. Fast alle Bundesstaaten der USA sind gelb gefärbt und mit dem Logo der Los Angeles Rams versehen. Nur zwei Ecken sind blau: im Nordosten die Gegend um Boston, der Heimat der New England Patriots. Und Louisiana, der Heimat der New Orleans Saints. Das Team ist im Play-off-Halbfinale gegen die Los Angeles Rams ausgeschieden, höchst umstritten wegen einer Schiedsrichterentscheidung.

Die Karte ist ein Gag. Keiner mag die New England Patriots, fast alle in Amerika drücken im Super Bowl den Rams die Daumen. Diese Aussage ist zugespitzt, trifft aber einen wahren Kern. Die Patriots sind bei den meisten Footballfans tatsächlich nicht sehr beliebt. Das ist nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland so.


Die Patriots sind der FC Bayern München der NFL. Seit 2001 hat New England nur zweimal die Play-offs verpasst, neunmal schaffte es das Team in den Super Bowl, fünfmal gewannen die Patriots die Meisterschaft. An diesem Montag (0.30 Uhr ist Kick-off) kann eine weitere dazukommen. Wenn im US-Sport ein Team so dominiert, spricht man anerkennend von einer Dynasty. Und dass die Patriots die Liga so beherrschen, verdankt der Klub nicht nur, aber vor allem dem Cheftrainer Bill Belichick.

Belichick wirkt oft ernst

Auch der 66-Jährige ist wegen seiner Art und seiner Methoden nicht wirklich beliebt. Er wirkt auf Pressekonferenzen oft lustlos, lacht selten. Donald Trump ist ein Freund von ihm, nach dem Halbfinale twitterte er Glückwünsche ans Team.

Belichicks Erfolg bringt ihm allerdings Respekt ein. Viele halten ihn für den besten NFL-Trainer, einige sogar aller Zeiten. Seit er zur Saison 2000 die Patriots übernommen hat, sind sie so erfolgreich. "Dafür bezahlt mich unser Club. Ich treffe die Entscheidungen, die das Beste für das Team sind", sagt Belichick. 

Wie er das im Alltag umsetzt, berichtet der ehemalige deutsche NFL-Profi Sebastian Vollmer in seinem Buch German Champion. Er spielte von 2009 bis 2018 unter Belichick. Als der bei einer Teambesprechung auf ein Foto eines Patriots-Spielers an der Wand deutete und Vollmer ihn nicht erkannte, wurde der Deutsche "verbal rundgemacht" und bekam eine Hausaufgabe: Nämlich alle Spieler zu kennen, inklusive der Trikotnummern. "Bei den Mini-Camps trug der Angriff nur weiße und die Verteidigung nur blaue Trikots – ohne Nummern drauf", schreibt Vollmer. "Damit wollte er erreichen, dass wir unsere Mitspieler an den Gesichtern, der Position oder an der Art und Weise, wie sich bewegen, erkennen." Umgekehrt galt das auch für die alten Spieler. "Die Methode schweißte uns enorm zusammen", schreibt Vollmer.

Lieber mehrere gute Spieler als wenige Topspieler

Belichick ist dafür bekannt, ernst zu sein und richtig sauer zu werden. Laut Vollmer reichte es schon, wenn ein Spieler trotz Verbots auf dem Patriots-Gelände auf sein Handy schaute. "Er war der Meinung, dass wir die Zeit, in der wir mit Twitter, Instagram oder SMS-Schreiben beschäftigt waren, verschwenden würden und sie lieber mit unserem Playbook verbringen sollten, um die Spielzüge zu lernen und besser zu werden."

Er testet die Grenzen des Legalen

Belichick erwartet von seinen Spielern, dass sie tun, was er verlangt. Er ist kein Player’s Coach, also kein Spielertrainer, wie er in der NFL immer moderner wird. Belichick will keine Superstars, sondern Footballer, die in sein System passen. Das Geld soll nicht für wenige Topspieler, sondern für viele gute oder durchschnittliche Spieler ausgegeben werden. 

Der einzige Superstar bei den Patriots ist Quarterback Tom Brady. Zusammen mit Belichick bildet er eines der erfolgreichsten Duos der NFL-, wenn nicht sogar der Sportgeschichte. Die beiden arbeiten seit fast zwei Jahrzehnten zusammen. "Wir sind immer gut miteinander ausgekommen", sagte der 41-jährige Quarterback über seinen Coach zu Radio WEEI. "Er hat mir mehr über American Football beigebracht, als das irgendjemand sonst hätte tun können. Ich liebe es, für ihn zu spielen." Brady ist der Topverdiener der Patriots, soll aber angeblich auf umgerechnet über 50 Millionen Euro verzichtet haben, damit das Geld in Mitspieler investiert werden kann.

Wer mehr Geld verlangt, darf gehen

Wer bei den Patriots erfolgreich spielt und ein höheres Gehalt fordert, den lässt Belichick ziehen. Es ist erstaunlich, wie gut der Coach Ersatz findet, zum Beispiel beim Draft vor der Saison. Das Draft-System dient dazu, die Liga ausgeglichener zu machen. Je besser das Team, desto später darf es draften, also sich die Rechte an Nachwuchsspielern sichern. Weil die Patriots in den vergangenen Jahren so gut waren, lagen sie in der Draft-Reihenfolge oft hinten. Belichick gelang es trotzdem, die für die Patriots perfekten Spieler zu holen. Außerdem überrascht er den Gegner ständig mit neuen Taktiken. Gegen die Kansas City Chiefs zum Beispiel setzte er ungewohnt viel auf das Laufspiel, brachte so den Gegner in den Play-offs zumindest eine Zeit lang aus dem Konzept.

Belichick gilt allerdings auch als Trainer, der die Grenzen der Legalität auslotet – und sie manchmal auch überschreitet. Unvergessen ist der Fall von 2007, als die Patriots den Gegner ausspionieren ließen. Belichick hatte illegal die Trainingseinheit des Gegners aufzeichnen lassen, um sich in der von Taktik geprägten Sportart einen Vorteil zu verschaffen. Der Fall ist heute noch als "Spygate" bekannt und machte Belichick nicht sympathischer.

Einer der Besten aller Zeiten

Vor seinen fünf Titeln mit den Patriots hatte er bereits zwei Super Bowls als Assistenztrainer gewonnen. In seiner Zeit als Cheftrainer kommt Belichick auf seine Siegquote von 68 Prozent, ist damit in den Top 10 der ewigen Bestenliste und im Kreis von NFL-Trainerlegenden wie Vince Lombardi (nach ihm ist die Super-Bowl-Trophäe benannt) und John Madden (der Namensgeber der berühmten Videospielreihe). Es ist schwer, im US-Sport Trainer zu finden, die schon so lange dabei und so erfolgreich sind wie Belichick. Gregg Popovich zum Beispiel ist seit 1988 in der NBA, mit den San Antonio Spurs hat der 70-Jährige fünfmal die Meisterschaft gewonnen. 

Belichick sagt selbst, sein Job sei eine Aufgabe, mit der er 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche verbringe. Das klassische Motiv eines Arbeiters, das im US-Sport oft bedient wird. Sean McVay, der den Gegner im Endspiel, die Los Angeles Rams trainiert, sagte zu HBO: "Dein Geist rast ständig bei dieser Arbeit. Es gibt immer etwas, über das du nachdenkst." Während man es mache, finde man den Job als Trainer echt toll, sagte der 33-Jährige, der der jüngste NFL-Cheftrainer aller Zeiten ist. Er gibt aber auch zu: "Ich muss auf jeden Fall herausfinden, wie ich eine bessere Life-Work-Balance hinbekomme, wie ich abschalten kann. Es kann nicht gesund sein, diesen Job für eine lange Zeit zu machen." Sein Gegenüber Belichick ist bereits seit 1975 in der NFL als Coach unterwegs.