Auf dem Kopf hatte Uwe Gensheimer an diesem Januartag vor drei Jahren eine schwarz-rot-goldene Perücke, auf der Nase trug er eine Brille in den Nationalfarben und um den Hals eine Blütenkette in Deutschland-Optik. Es war ein Outfit, mit dem er besser auf den mallorquinischen Ballermann gepasst hätte als in die Katakomben einer Handballhalle. Der Anlass gab ihm aber zumindest ein bisschen recht: Das junge deutsche Team war soeben sensationell Europameister gegen die abgezockten Spanier geworden, es hatte sie mit 24:17 förmlich an die Wand gespielt. Und der Kapitän des Teams, Gensheimer, marschierte als größter Deutschlandfan durch die Arena von Kraków.

Ihm blieb nichts anderes übrig als die Rolle des engagiertesten Zuschauers. Immerhin eine Medaille durfte sich der verletzte Kapitän auch noch abholen, obwohl er offiziell gar nicht im Kader stand; auch auf dem obligatorischen Siegerfoto räumten ihm die Kollegen ein Plätzchen ein.

Ein großer Titel, das fehlt ihm noch

Es war eine typische Szene für die Karriere des Uwe Gensheimer, einem der aufregendsten Spieler des bisherigen Handball-WM-Turniers. Da hatte Deutschland zum ersten Mal seit neun Jahren wieder einen großen Handballtitel gewonnen – und dem Kapitän blieb nichts weiter übrig als die Rolle des mitfeiernden Statisten. Man dachte sofort an Michael Ballack, den großen Mittelfeldstrategen, ein Ausnahmekönner in den Rumpeljahren des deutschen Fußballs. Ein großer Titel bei Welt- und Europameisterschaften blieb ihm versagt. Genau wie Uwe Gensheimer.

Seit 2014 ist der 32-Jährige nun schon der Kapitän der deutschen Handballnationalmannschaft, mittlerweile hat er 159 Länderspiele hinter sich und dabei fast 800 Tore geworfen. Er ist der vielleicht begabteste deutsche Handballer, was man aber nicht an seiner Titelsammlung erkennt. Einmal war er Deutscher Meister, 2016 mit seinem Heimatverein, den Rhein-Neckar Löwen. Einmal gewann er mit denen auch den – international eher zweitklassigen – EHF-Pokal, vergleichbar mit der Europa League im Fußball, und 2016 holte er Olympia-Bronze.

Das soll noch nicht alles gewesen sein. Er wechselte 2016 zur Startruppe von Paris Saint-Germain, die mit katarischem Geld hochgezüchtet wurde, um dort die Champions League zu gewinnen. Die Handballabteilung des PSG beschäftigt, ähnlich wie die Fußballer, den teuersten Kader der Welt; in Paris, so heißt es, können Handballer in einer Saison so viel Geld verdienen wie anderswo in zwei oder drei Jahren.

Zweitbester WM-Werfer

Die Weltmeisterschaft im eigenen Land, die für Deutschland am Samstag in Köln mit dem ersten Hauptrundenspiel gegen Island (20.30 Uhr, live im ZDF) weitergeht, könnte für Gensheimer also einer der letzten Anläufe sein, den Makel der Unvollkommenheit auszuräumen. "Dieses Ziel treibt mich an, wir wollen unbedingt ins Halbfinale – dann ist alles möglich", sagt Gensheimer. Und er unternimmt alles dafür. Nach der Vorrunde ist der Linksaußen hinter dem Dänen Mikkel Hansen der zweitbeste Torschütze der WM, mit 31 Treffern. Knapp 80 Prozent seiner Würfe finden den Weg ins Tor, ein herausragender Wert.

"Man hat schon zum Jahreswechsel gespürt, in welcher Form er ist. Uwe ist nicht nur effektiv, sondern bringt auch Emotionen rein", sagte Bundestrainer Christian Prokop in diesen Tagen über seinen Kapitän. "Er puscht die Zuschauer und die Mannschaft." Ein anderer Führungsspieler dieses Teams, Torhüter Andi Wolff, fügt hinzu: "Uwe ist extrem fokussiert und zeigt bei diesem Turnier mit jeder Faser, warum er unser Kapitän ist, geht immer vorweg."