"Der Fußball läuft Gefahr, von Gier zerfressen zu werden" – Seite 1

Engelbert Kupka, 80, ist Gründer einer Initiative zur Unterstützung der Amateurvereine. Seit Jahren wirft er dem DFB, der an diesem Wochenende einen Amateurkongress in Kassel abhält, vor, seine Basis zugunsten des Profifußballs zu vernachlässigen.

Der Fußball ist steinreich, viele Amateurvereine hingegen sind arm. Auf ihren wichtigsten Vertreter sollten sie in ihrer Not nicht bauen. Reinhard Grindel empfahl ihnen auf dem Amateurkongress in Kassel erneut, ihre Monatsbeiträge zu erhöhen. Das muss man sich mal vorstellen! Der DFB-Präsident fordert nicht etwa Solidarität vom milliardenschweren Profifußball, sondern sagt zu seiner Basis: Helft euch selbst, kassiert eure Mitglieder ab! Eigentlich, und so sagen es alle Anführer des Fußballs, sieht sich der Fußball aber als Einheit. Schließlich ist man aufeinander angewiesen.

Nicht zur Sprache kamen in Kassel die jüngsten Enthüllungen des Spiegels, wonach der DFB einige ehemalige Landesverbandspräsidenten mit dubiosen Beraterverträgen jahrelang und heimlich honorierte. Ein weiteres Beispiel für den alten Befund: Der DFB ist verfilzt, er hat ein System von Abhängigkeiten, internen Seilschaften und externen Einflüsterern etabliert.

Es erklärt sich von selbst, dass solche Leute, die eigentlich die Basis gegenüber der Spitze vertreten sollen, genau das Gegenteil tun. Sie sind gekauft, mit Pöstchen oder gleich mit 3.000 Euro im Monat, bezahlt für irgendein Amt, das man für sie erfunden hat.

Veruntreuung nennt man das, eigentlich müsste die Staatsanwaltschaft aktiv werden. Hier in Bayern steht ein ehemaliger Landrat vor Gericht, weil er unter anderem seine üppige Feier zum 60. Geburtstag von der Sparkasse bezuschussen ließ. Es ist ein Riesenprozess, alle Zeitungen berichten. Der Fußball hingegen wird für ähnliche oder gar gravierendere Vergehen verschont, von der Justiz, der Politik, auch den Medien. Er ist eine rechtsfreie Zone. Kein Minister wagt es, sich mit dem DFB anzulegen.

Schampus in Rio, Wodka in Moskau

Viele denken inzwischen: So sind halt die Sportfunktionäre. Doch man darf nicht aufhören, auf die skandalöse, bisweilen strafrechtlich relevante Politik des DFB hinzuweisen. Nie wurde dem deutschen Fußball mehr geschadet als durch die heutige Führungsriege. Vor allem der Amateur-, Jugend- und Kinderfußball leidet. Und damit, es klingt nur übertrieben, unser Land.

Es gibt keinen größeren gesellschaftlichen Kitt als die Sportvereine und hier vor allem die Fußballvereine. Sie übernehmen Aufgaben im Jugendbereich wie sonst nur eine Grundschule, bloß dass es bei ihnen keine Ferien und Wochenenden gibt. Ich kenne einen Verein in Neuperlach, der unter anderem 300 Kinder mit Migrationshintergrund betreut. Der kriegt gar nichts vom DFB, nicht mal Bälle, dem wird das Leben eher noch erschwert.

Kein Wunder, dass die Zahl der Vereine schrumpft, viele können gerade noch überleben. Es wird auch immer schwerer, Menschen für das Ehrenamt zu gewinnen. Inzwischen kicken sogar mehr als eine halbe Million außerhalb des DFB. Die Leute wenden sich ab vom organisierten Fußball und von stilprägenden Bossen wie dem Fifa-Chef Gianni Infantino, die sich wie prassende Milliardäre geben, die heute in Rio Schampus trinken und morgen Wodka in Moskau. Im Spiegel haben wir auch von einer luxuriösen Weihnachtsfeier beim DFB, teuren Reisen und hohen Spesenabrechnungen gelesen.

Was tun wir unserem Fußball an!

Was tun wir unserem Fußball an! Verscherbelt an Investoren ist er eine Riesenindustrie geworden, die wie geschmiert läuft. Die Leute rennen in die Stadien, kaufen Trikots und leisten sich drei Fernsehabos. Die 36 Bundesliga-Vereine machen im Jahr rund 4,5 Milliarden Euro Umsatz. Profivereine zahlen für einen einzigen Spieler inzwischen schon mal 100 Millionen Ablöse, dasselbe in fünf Jahren noch mal an Gehalt.

Die Basis hingegen muss sich mit Krümeln begnügen, sie wird sogar durch Abgaben und Strafen geschröpft. Die Bundesliga ruft: Wir brauchen das Geld für hohe Ablösen, Bayern München will auch in Liverpool gewinnen. Wir können euch nichts geben, liebe Amateure, also stört uns nicht.

Engelbert Kupka © privat

Doch woher kommen denn die Bundesligaspieler? Fast alle haben in kleinen Vereinen angefangen. Wie viele Talente wir allein in Unterhaching in den letzten Jahrzehnten an die Bundesliga abgegeben haben! Nationalspieler kann man übrigens nicht im Ausland kaufen. Die Fußballjugend wächst in den Vereinen heran. Nicht in einer Akademie, wie sie sich der DFB in Frankfurt nun baut. Die braucht kein Mensch, sie dient in erster Linie der Selbstdarstellung.

Den kleinen Vereinen schwört man in Sonntagsreden, dass sie zur Einheit des Fußballs zählen, doch erhalten sie nicht mal das Geld, das ihnen laut Grundlagenvertrag, der die Geldflüsse zwischen Profis und Amateuren regelt, zusteht. Den umging der DFB über Jahre – heimlich, versteht sich. So entgehen ihnen jährlich zig Millionen Euro. Die Staatsanwaltschaft bestätigt dies sogar: Der DFB, gemäß Satzung zuständig für die Amateure, verschiebt Geld, das den Amateuren zusteht, zu den Profis. Sie unternimmt aber nichts gegen diese Veruntreuung und diesen Verstoß gegen die Gemeinnützigkeit. Der DFB wird von der DFL gesteuert, beide gemeinsam halten die Vereine klein.

Was könnte man mit dem Geld machen: den Libero der Ersten Bezirksligamannschaft zahlen? Nein. Man könnte alle 25.000 Vereine von den Abgaben an die Verbände entlasten. Man könnte besonders bedürftige Vereine beim Bau von Sportplätzen und Vereinsheimen bezuschussen. Man könnte Projekte zur Integration oder zur Nachwuchsförderung unterstützen. Aus der Kultur und der Politik gibt es viele gute Beispiele, wie man öffentliche Mittel verteilt.

Kritiker werden isoliert und beleidigt

Doch es ist offenbar nicht so wichtig, dass es der Fußballbasis gut geht. Der für die Amateure zuständige DFB-Vizepräsident Rainer Koch hat deren Anspruch, an den Milliarden des Profifußballs beteiligt zu werden, in Kassel mit dem hanebüchenen Vergleich abgetan, dass von Helene Fischer auch nicht erwartet werde, die Gesangskultur kleiner Gemeinden zu fördern. Dass er sich nicht schämt.

Als vor zwei Jahren klar wurde, dass DFB und DFL planten, den Amateurvereinen ihre Förderung zu entziehen, habe ich mich an die DFB-Ethikkommission gewandt. Ich habe alle Details aufgeschlüsselt, jede und jeder kann es nachlesen. Entkräftet hat unsere Argumente und Rechnungen niemand, natürlich auch nicht in Kassel. Stattdessen wurde ich mehrfach öffentlich als Egoist diffamiert. Dabei war ich 39 Jahre ehrenamtlich in Unterhaching tätig, selbst in der Bundesliga. So geht das System mit Kritikern um.

Als wir nicht nachließen, bot man uns ein Gespräch mit den führenden Kräften des DFB und der DFL an – doch nur unter der Voraussetzung, dass wir aufhören, Kritik am DFB zu äußern. Das sagte mir der Vorsitzende der Ethikkommission Klaus Kinkel wörtlich. Er sagte auch: "Ich kann doch den DFB nicht anklagen, auch wenn der was falsch gemacht hat."

In allen Landesverbänden regt sich Unmut

Reinhard Grindel und Ronny Zimmermann, DFB-Vizepräsident, diskutieren mit Amateurvertretern in Kassel. © Thomas Eisenhuth/​Bongarts/​Getty Images

Das muss man sich mal vorstellen, wofür braucht man denn eine Ethikkommission? Für mich gibt es nur einen Schluss: Sie ist ein Feigenblatt. Im DFB gibt es keine Ethik mehr, das Geld hat alle Moral zerstört. Im Fußball zeigt sich ein weiterer Klimawandel, der uns auf Dauer enorm schaden kann. Nicht nur der Fußball, auch unsere Gesellschaft fällt auseinander, wenn nur noch das Geld zählt.

Die Leute an der Basis bekommen das mit, in allen Landesverbänden regt sich Unmut. Doch Amateure tun sich schwer, sich zu organisieren. Sie müssen ihrem Beruf nachgehen, haben Familie, erleben viel Frust in der Vereinsarbeit. Wir können eh nichts machen, denken viele, was will denn einer allein schaffen? Diese Haltung ist leider verbreitet. Viele können es auch gar nicht glauben, was sich der DFB alles leistet.

Und wenn mal einer der vielen Ehrenamtlichen aufmuckt, wird er seines Amtes enthoben, auch wenn er noch so viele Verdienste hat. Nach dem Motto: "Was wollt ihr da unten? Wir sprechen mit den Staatspräsidenten dieser Welt. Seid doch froh, dass ihr überhaupt spielen dürft." Die da oben merken gar nicht, was sie schon kaputt gemacht haben.

Gier frisst den Fußball auf

Doch es reicht jetzt. Der DFB muss seiner gesellschaftspolitischen Aufgabe wieder gerecht werden, sonst ist er überflüssig. Ich fordere daher eine Reform. Das Sportliche muss vom Gemeinnützigen getrennt werden. Der DFB muss in zwei Bereiche aufgeteilt werden:

  • Der sportliche Bereich sollte weiter nach Vereinsrecht behandelt werden.
  • Der wirtschaftliche Teil muss nach geltendem Gesellschaftsrecht mit professionellem Management geführt werden, mit allen Veröffentlichungspflichten.

Dadurch gäbe es mehr Möglichkeiten zur Kontrolle. Das DFB-Präsidium hätte wieder mehr Zeit, sich um die Amateurvereine zu kümmern. Zudem soll Ämterhäufung ausgeschlossen werden, der Vorsitzende eines Landesverbands kann nicht gleichzeitig DFB-Vizepräsident sein. Und der Ressortleiter Amateure sollte über ausreichende Erfahrung als Vereinsvorsitzender verfügen. Es hilft, wenn man schon mal mit seinem Privatvermögen für eine mögliche Insolvenz einstand, wie das jeder Vorsitzender tut. Das bedeutet Verantwortung.

Diese Erfahrung haben weder Koch noch Grindel gemacht. Ihre Botschaft, die nun auch von Kassel ausgeht, lautet: Du musst dich nur um dich kümmern. Was sie nicht begreifen: Sind die Wurzeln des Baums kaputt, wird er irgendwann keine Früchte mehr tragen. Der Fußball läuft Gefahr, von Gier zerfressen zu werden. Wenn jetzt nichts passiert, wird sie ihn töten.