Wieder mal eine Razzia, wieder mal Hausdurchsuchungen im dopingverseuchten Sport. Bei der Nordischen Ski-WM in Seefeld gab es Festnahmen. Auch Deutsche sind unter den Verdächtigen. Keine Athleten, sondern ein Arzt: Dr. Mark Schmidt aus Erfurt, der Sportler aus verschiedenen Disziplinen betreut, wurde festgenommen. Bereits 2009 wurde er von einem Radfahrer des Dopings beschuldigt, was Schmidt bestritt. Nun bezeichnet ihn die Staatsanwaltschaft Innsbruck als "Kopf einer kriminellen Gruppierung", der ein "weltweit agierendes Dopingnetzwerk" aufgebaut habe. Er soll seit Jahren Blutdoping betrieben haben. 

Seit der Dopingbeichte des österreichischen Skilangläufers Johannes Dürr in der ARD wurde Schmidt wohl observiert. Das hätte er ahnen können, doch offenbar fühlte er sich so sicher, dass er selbst am Wettkampftag noch Hand anlegen ließ. Einer der Athleten, die seinem Netzwerk zugerechnet werden, wurde nach Angaben der Staatsanwaltschaft im Teamhotel mit der Spritze im Arm erwischt. In Schmidts Praxis fanden die Ermittler ein illegales Labor mit Zentrifuge und Blutbeuteln. Womöglich muss er sich bald vor Gericht gegen den Vorwurf des gewerbsmäßigen Sportbetrugs wehren. Vielleicht hat er auch berufsrechtliche Konsequenzen zu fürchten, unter Umständen muss er sehr lange ins Gefängnis.

Wer nun überrascht ist, dass das Zentrum des neuesten Dopingskandals im Sauberland Deutschland liegt, dem sei gesagt: Schmidt ist nicht der erste deutsche Arzt, der die Möglichkeiten der Pharmazie ausreizte. Vielmehr gibt es in Deutschland, West wie Ost, eine traurige Tradition des Blutpanschens. Viele der Herren im weißen Kittel verstießen gegen den Hippokratischen Eid, den sie einst geschworen hatten. Ein historisches Who's who:

Prof. Joseph Keul

In den Achtziger- und Neunzigerjahren war Keul, der damalige Leiter der Freiburger Sportmedizin, ein Promi. In der alten BRD war er so unantastbar wie Professor Brinkmann aus der Schwarzwaldklinik. Der Chefarzt der deutschen Olympiamannschaft war Mitglied des NOK und betreute das Davis-Cup-Team um Boris Becker. Keul gab vor, ein Dopinggegner zu sein, doch bereits in den Siebzigerjahren wurde er von Experten und Sportlern mit Vorwürfen belastet. Gemäß einer jüngeren Studie war Keul der "am meisten dopingbelastete Sportmediziner in Westdeutschland".

Zwar legte er wohl nicht selbst Hand an die Sportler, dafür hatte er Mitarbeiter. Doch verharmloste er immer wieder Anabolika und Testosteron, später auch Epo – dank seiner Autorität als vorgeblich seriöser Forscher mit einigem Erfolg. Von Bund und Land erhielt er Zuwendungen in Millionenhöhe. Keul war geradezu ein Pionier der Dopingforschung, die in Deutschland manche Blüte trieb, etwa eine Studie an Penissen. An Gewichthebern erprobte Keul gar die leistungssteigernde Wirkung von Anabolika. Keul starb 2000 im Alter von 67 Jahren an Krebs.

Lothar Heinrich und Andreas Schmid

Schmid und Heinrich waren zunächst Keuls Mitarbeiter in Freiburg, dann wollten sie sein Erbe antreten. Ihre Gesichter wurden einer großen Öffentlichkeit allerdings durch die Dopingaffäre des Teams Telekom um Jan Ullrich bekannt. Sie gaben zu, Radfahrer gedopt zu haben, unter anderem mit Eigenblut. Der Exprofi Jörg Jaksche, geständiger Kronzeuge, sagte vor wenigen Monaten der Süddeutschen Zeitung: "Joseph Keul war die graue Eminenz und Lothar Heinrich hat das im Alltag organisiert."

Schmid war zudem seit 1998 fast ein Jahrzehnt für den SC Freiburg als Mannschaftsarzt tätig. Der Fußball-Bundesligist hielt auch noch an ihm fest, als der Betrug des Teams Telekom 2006 aufflog und die beiden von der Uni suspendiert wurden. Erst ein Jahr später trennte sich der SC von ihm. Das Bundeskriminalamt schrieb, wie Correctiv herausfand: "Es drängt sich der Verdacht auf, dass auch beim SC Freiburg gedopt wurde." Nach dem Skandal leitete Schmid eine privatärztliche Klinik in Bad Krozingen in Baden-Württemberg. Heinrich betreute bis vor Kurzem die Mountainbikefahrer Kanadas.

Prof. Armin Klümper

Lange war Klümper ein renommierter Sportmediziner, bei dem sich auch die Fußballer des VfB Stuttgart und des SC Freiburg behandeln ließen. Seine Professur in Freiburg hatte er trotz fehlender Qualifikation Gerhard Mayer-Vorfelder zu verdanken, dem inzwischen verstorbenen ehemaligen baden-württembergischen Innenminister und Präsidenten des VfB. Zu Klümpers Schützlingen zählte auch die Siebenkämpferin Birgit Dressel, die 1987 in jungen Jahren starb. Die Hürdensprinterin Birgit Hamann beschuldigte ihn zehn Jahre später, sie ohne ihr Wissen mit Wachstumshormonen gedopt zu haben. Mit diesen Mitteln arbeitete er bereits zu einer Zeit, als diese noch nicht künstlich hergestellt werden konnten und man sie menschlichen Leichen entnehmen musste. Seine Ideen vom chemisch optimierten Sportler machten nicht mal vor Kindern und Jugendlichen halt. "Klümper war der größte Doper dieses Planeten", sagte der frühere Sprinter Manfred Ommer.

Wegen Rezeptbetrugs wurde Klümper im Jahr 1989 zu eine Geldstrafe von 160.000 Mark verurteilt. 2001 zog er nach Südafrika, wo er bis heute lebt. Für ihn wurde ein Spendenkonto eigerichtet, auf das seinen Angaben zufolge auch deutsche Fußballnationalspieler einzahlten. "Für seine Patienten tat er alles", sagte Felix Magath. Der ehemalige Reckweltmeister Eberhard Gienger, der seit Jahren für die CDU im Sportausschuss des Bundestags sitzt, solidarisierte sich oft mit Klümper. Über Klümpers Vergehen gibt es historische Studien (pdf). Doch als eine Forschergruppe den Filz aus Politik, Justiz und Wissenschaft im Ländle historisch aufarbeiten wollte, fühlte sie sich von einem Filz aus Politik, Justiz und Wissenschaft behindert.