In den vergangenen Jahren hat ZEIT ONLINE mehrfach über Missstände in der Führung des deutschen Schiedsrichterwesens berichtet. Vor anderthalb Jahren sprach dann erstmals ein aktiver Bundesliga-Schiri öffentlich, in einem Interview im "Tagesspiegel", über Mobbing, Kumpanei und Manipulation: Manuel Gräfe. Auch an der Basis scheinen solche Probleme verbreitet zu sein. Uns haben inzwischen einige Schiedsrichter von der Kreis- bis zur Regionalliga E-Mails geschrieben oder angerufen und geschildert, dass sie Ähnliches erlebt hätten. Einer davon ist Thomas Merkelbach, 50, aus Karlsruhe. Mehr als zwei Jahrzehnte war er Schiedsrichter und Schiedsrichterfunktionär im Amateurfußball im Badischen Fußballverband. Bei einem Treffen in Karlsruhe hat er seinen Fall, der ein paar Jahre zurückliegt, erzählt:

So gut wie jeder deutsche Schiedsrichter hat die Debatte verfolgt, die ZEIT ONLINE und Manuel Gräfe angestoßen haben. Sie erinnert mich an meine Zeit. Auch ich wurde gemobbt.

Ein Schiedsrichter kann keine Tore schießen, sein Werdegang ist abhängig von Vorgesetzten und Beobachtern, ob in der Kreis- oder in der Bundesliga. Mancher Vorgesetzter macht das gut. Einige jedoch herrschen einschüchternd und, ja, diktatorisch, unkontrolliert von höheren Instanzen. Sie setzen das Leistungsprinzip des Sports außer Kraft, weil sie eigene Interessen durchsetzen. Sie fördern willkürlich und nach persönlichen Vorlieben. Bisweilen kann man bei den Karrieren von Schiedsrichtern fast von Betrug sprechen.

Ich habe dies erlebt. Ich leitete mehr als hundert Spiele, unter anderem in der Oberliga Baden-Württemberg. Später wurde ich Lehrwart, Obmann, Trainer der Fußballmannschaft der Schiedsrichter und ehrenamtlicher Vorsitzender einer Gruppe von jungen und ehrgeizigen Schiedsrichtern, von denen einige das Zeug zum Profifußball hatten.

Ich coachte sie, beobachtete sie, entschied über ihre Auf- und Abstiege, organisierte Sitzungen und erstellte Lehrpläne und Leistungstests. Mit ihren Sorgen konnten sie sich immer an mich wenden. Ich erhielt von ihnen viel Lob, aber auch von Vereinsfunktionären, die die steigende Qualität der Schiedsrichter bemerkten.

Thomas Merkelbach © privat

Eines Tages änderte sich, unvermittelt, alles. Plötzlich hatten meine Vorgesetzten im Fußballkreis vieles auszusetzen. Manche Äußerungen wurden mir nicht mehr zugestanden. Ich hatte das Gefühl, ausgegrenzt zu werden. Ich habe zunächst Gespräche gesucht und versucht, dagegen anzukämpfen. Wie ich jedoch erfahren musste, ist es als Einzelner sehr schwierig, sich gegen einen Landesverband zu stellen. Am Ende musste ich sogar vor das Sportgericht. 2012 wurde ich meines Amtes enthoben.

Sinnvolle Gründe wurden mir nicht genannt. Vielleicht war ich zu erfolgreich, vielleicht zu fleißig. Vielleicht sollte ich kleingehalten werden, vielleicht sahen andere in mir eine Gefahr für ihre Karriere. Schließlich wollte ich manche Dinge verbessern, etwa in der Beobachtung und Bewertung von Schiedsrichtern. Vielleicht lag der Argwohn mir gegenüber daran, dass ich immer unterschiedliche Meinungen gelten ließ. Abweichende Ansichten, die von der heilen Welt ablenken könnten, waren aber nicht gefragt.

Es gab eine Kampagne gegen mich. Vor dem Sportgericht musste ich mich gegen eine lange Liste von Vorwürfen wehren. Angeblich hätte ich Noten manipuliert und Beobachter beeinflusst. Das stimmte nicht. Auch hieß es, ich hätte mich bereichert, indem ich mir selbst Spiele zur Beobachtung zugeteilt hätte. Absurd, zumal wenn man weiß, dass es um 25 Euro Pauschale pro Spiel ging, inklusive Benzinkosten. Die geringsten Formfehler, die jedem mal unterlaufen und über die man eigentlich hinwegsieht, wurden mir als grobe Verstöße ausgelegt.

Um mich vor dem Sportgericht zu verteidigen, erstellte ich ein langes Dossier. Darin konnte ich alle Punkte entkräften. Dennoch wurde ich mit maximaler Härte bestraft. Mein Eindruck während des Prozesses war, dass das Urteil bereits feststand. Er hatte mit Rechtsstaat und Fairness nichts zu tun.

Die Angelegenheit hat mich persönlich sehr verletzt. Die Vorfälle liegen Jahre zurück, aber noch heute wache ich manchmal nachts deswegen auf. Trost und Dank erhielt ich von meinen Schiedsrichtern, mit einigen stehe ich noch in Kontakt. Für viele Fußballer bedeutet Fußball alles. Für mich war die Schiedsrichterei alles, ob an der Pfeife, an der Fahne oder in der Ausbildung. Sie ist noch heute mein Herzblut, selbst wenn ich nur noch ein Außenstehender bin.

Es ging und geht mehreren wie mir. Kritische Schiedsrichter sind unerwünscht, werden zunehmend mundtot gemacht, und am Ende sind die Jasager die Gewinner. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Wer das Spiel nicht mitspielt, wird nur bis zu gewissen Ligen aufsteigen, jedoch niemals den Sprung in die Spitze schaffen. Ziel des DFB scheint es zu sein, die Schiedsrichter unter Kontrolle zu halten.

Und das wirkt sich natürlich auf die Leistungen bis in die Bundesliga aus, ja bis zur Champions League und zur Weltmeisterschaft. Es gibt Schiedsrichter an der deutschen Spitze, denen merkt man den indoktrinierten Stil ihrer Chefs an. Deswegen sind deutsche Schiris nicht mehr so gut wie früher. Auch weil sie viel zu früh bis in die Fifa befördert werden.

Manche Ungerechtigkeiten sind ganz offensichtlich, etwa wenn Verstöße unterschiedlich geahndet werden. Der ehemalige Bundesliga-Schiri Michael Kempter, ein großes Talent, wurde für einen Fehler für immer in die Regionalliga verbannt. Ein anderer hingegen, der laut einem DFB-Urteil Geld vom Betrüger Robert Hoyzer angenommen hatte, darf inzwischen sogar Champions League pfeifen.

Das Schlimmste an diesen Entwicklungen, die Vertrauen und Gemeinschaft zerstören, sind die persönlichen Schicksale. Man denke an Babak Rafati, der unter seinen Chefs so litt, dass er einen Suizidversuch unternahm. Schon dieser hat gezeigt: Der ärgste Feind des Schiedsrichters ist oft nicht der meckernde Trainer oder der pöbelnde Fan. Es ist der eigene Vorgesetzte.

Schiedsrichter sind eigentlich Randfiguren, doch sie sind wichtig, weil sie die Integrität des Spiels sichern. Auch wir Schiris wollen gerecht behandelt werden. Doch wenn sie selbst ungerecht behandelt werden, darf man sich nicht wundern, wenn sie auch andere ungerecht behandeln.