Amed SK, Amedspor genannt, ist ein türkischer Drittligist aus der ostanatolischen Stadt Diyarbakır (die den kurdischen Namen Amed trägt). Der Verein ist Nachfolger von Diyarbakırspor Büyükşehir Belediyespor, er trägt seinen aktuellen Namen seit einer Umbenennung 2015. In Deutschland wurde der Verein erstmals bekannt, als sein Spieler Deniz Naki 2016 für politische Äußerungen eine Sperre von zwölf Spielen erhielt. Rızgar Onar kommt ursprünglich aus Batman, ist Bauingenieur und lebt in Diyarbakır. Er ist stellvertretender Vorsitzender von Amedspors größter Fangruppe Direniş (dt. "Widerstand"). Mazlum Kılıç kommt aus Diyarbakır, studiert Bauingenieurwesen und ist Mitglied bei Direniş. Beide reisten in den vergangenen Tagen durch Deutschland, um Geld zur Unterstützung des Frauenteams von Amedspor zu sammeln. Und um hier über die aktuelle Lage ihres Vereins aufzuklären.

ZEIT ONLINE: Sie sind auf einer sogenannten Solidaritätstour. Solidarität wofür?

Rızgar Onar: Amedspor und seine Fanszene haben eine kurdische Identität. Wegen unseres kurdischen Selbstbewusstseins sind wir ein ständiges Ziel von Anfeindungen und Repression. Die staatliche Politik der Türkei will diese kurdische Identität unterdrücken und gänzlich unsichtbar machen. Das gilt generell für Orte, an denen sich Menschen versammeln, um diese Identität nach außen zu tragen. Wir sehen unsere Fanbewegung Direniş daher als Aufstand gegen diese Unterdrückung und eine der letzten antifaschistischen Bastionen im türkischen Fußball.

ZEIT ONLINE: Wieso ist es in der Türkei etwas Besonderes, wenn sich Fans eines Vereins überwiegend als Kurden identifizieren?

Onar: In der Türkei herrscht ein Krieg zwischen dem Staat und der PKK, die von ihm als terroristische Organisation angesehen wird. Das ist nicht neu. Dabei werden jedoch PKK und Kurden gleichgesetzt. Parteien werden kriminalisiert und Medien gleichgeschaltet. Alles was kurdisch ist, wird zensiert. In der Öffentlichkeit kann man kein Kurdisch sprechen. Man kann nicht auf Kurdisch publizieren. Nicht einmal seinen Kindern kann man kurdische Namen geben. Die kurdische Identität wird einfach nicht anerkannt. Das ist ein großes Problem, denn gleichzeitig werden Kurden von der Mehrheit nicht als gleichwertige Menschen gesehen und immer wieder benachteiligt. Vor allem im Osten der Türkei, in denen viele kurdische Regionen liegen. Wir werden als Bürger zweiter Klasse wahrgenommen. Dabei sehen viele Kurden die türkische Fahne auch als eigenes Symbol, allerdings erkennen viele Türken das nicht an.

ZEIT ONLINE: Und das ist auch der Grund warum Amedspor so verhasst ist?

Onar: Alles was kurdisch ist, wird mit der PKK gleichgesetzt. Als wir noch zu Auswärtsspielen fahren durften, begegneten uns viele Heimfans mit Rufen wie "PKK raus!". Alle, die unter dem Namen Amedspor angereist waren, egal ob Spieler, Funktionäre oder Fans, wurden als PKK bezeichnet. Bei Auswärtsspielen werden der Mannschaft Verpflegung und Hotels verweigert. Die meisten Vereine sind nicht politisch. Aber sobald Amed da ist, werden sie politisch, werden rassistisch und brandmarken uns als PKK. Unseren Spielern wird der Handschlag verweigert. Vom Publikum und sogar den Balljungen werden sie aufs Übelste bepöbelt.

ZEIT ONLINE: Unterbinden die Schiedsrichter und Funktionäre das nicht?

Mazlum Kılıç: Von den Schiedsrichtern wird das nicht unterdrückt. Im Gegenteil. Besonders bei Auswärtsspielen merkt man, dass die Schiedsrichter gegen uns sind. Es gab mal eine Serie mit 14 Niederlagen, auch weil die Schiedsrichter immer gegen uns gepfiffen haben. Der Verband ist komplett rassistisch. Zaunfahnen auf Kurdisch sind mit der Begründung verboten, dass sei keine Sprache der Türkei. Fahnen auf Englisch bei anderen Vereinen sind wiederum kein Problem.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet es denn Fan, eines kurdischen Vereins in der Türkei zu sein?

Kılıç: Ich erzähle mal ein ganz alltägliches Beispiel: Ein Fan von uns aus der Stadt Batman fährt zum Heimspiel nach Diyarbakır und gerät dort in einen Checkpoint der Polizei. Die Polizisten nehmen ihm alle seine Amedspor-Fanartikel ab.

Onar: Obwohl Amedspor vollkommen legal ist, ist er in den Augen der Menschen etwas Verbotenes, etwas Böses. Deswegen ist auch der Aufschrei nicht so groß, wenn Polizisten wie in dem Beispiel den Fans ihre Fanartikel abnehmen. Es ist nicht verboten, mit Amedspor-Utensilien herumzulaufen. Amedspor ist ein ganz normaler Verein in der Türkei. Trotzdem werden die Sachen beschlagnahmt. Das kommt immer wieder vor und die Fans anderer Vereine sehen das als Normalität an. Erst vor zwei Wochen wurden Leute bei Ausweiskontrollen vor einem Heimspiel von der Polizei festgenommen, weil sie kurdische Namen trugen.

Kılıç: Amedspor Fans werden schon seit Längerem nicht mehr in gegnerische Stadien gelassen. Das letzte Auswärtsspiel, das wir regulär besuchen durften, war im Dezember 2015. Anfangs sind wir noch mit 500 Leute inkognito in andere Stadien gegangen. Das klappte aber nur ein paar Mal, weil wir unsere Emotionen bei Toren für unser Team nie kontrollieren konnten und gejubelt haben. Daraufhin gab es dann stets Auseinandersetzungen mit Polizei und Heimfans und wir mussten die Stadien vorzeitig verlassen. Danach ging ein einzelner Fan zu den Spielen und streamte über Facebook Videos davon. Irgendwann wurde auch das zu gefährlich. Letztes Jahr wurde er mehrfach von Heimfans erkannt und zusammengeschlagen. Mittlerweile sind wir offiziell schon zum 64. Mal von einer Auswärtspartie ausgeschlossen.

ZEIT ONLINE: Wie ist es, wenn türkische Gästefans zu Amedspor kommen?

Kılıç: Wir haben erst einmal gar keine Vorurteile. Bei uns werden alle Auswärtsmannschaften als Gäste begrüßt, die nicht rassistisch gegen uns aufgefallen sind. Es gab 2017 ein Spiel gegen Zonguldak Kömürspor, zu dem wir zusammen mit unserem Verein gegnerische Fans im Vorfeld zum Essen eingeladen haben. 20 bis 30 von ihnen kamen auch. Und mussten sich danach von türkischen Nationalisten den Vorwurf anhören, sie würden mit Terroristen rumhängen oder wären gar selber welche.